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Religion

Beharrlich leiser Liberaler und Moralist alter Schule

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Was für ein Tausendsassa!, schießt dem 20 Jahre Jüngeren durch den Kopf, der Hubert Gaisbauer einmal mehr zum runden Geburtstag gratulieren darf: 80 Lebensjahre vollendete der Radiopionier am 22. Jänner. Und wie es sich für einen Publizisten alter Schule gehört, beschenkt er sich und seine Leserschaft mit einem neuen Buch. "Schonungslos zärtlich" heißt es -und nimmt ein Lebensmotto Gaisbauers (das er mit Papst Franziskus teilt) schon im Titel mit.

1967/68 war Hubert Gaisbauer einer jener jungen Wilden, die, von Gerd Bacher losgelassen, das Radio neu erfanden: Mit Alfred Treiber, Heide Pils, Ernst Grissemann, André Heller und anderen war er einer der Macher von Ö3, das damals bekanntlich einen (Jugend-)Kultursender und nicht die bloße Cashcow des ORF-Radios darstellte, die sie heute ist. Bis in die 1990er war Gaisbauer dabei, wenn es Qualitätsradio zu entwickeln oder bewahren galt. Bis 1989 leitete er die große Radioabteilung "Gesellschaft, Jugend, Familie", sein damaliges Lieblingskind, die Sonntagsreihe "Menschenbilder", ist heute noch allwöchentlich on air.

Radiokultur als "Seelsorge"

Als auch im Rundfunk der Kommerz dräute und die Quote immer wichtiger wurde, wechselte Gaisbauer scheinbar in ein Nischenprogramm und nahm sich ab 1989 des mäßig spannenden "Kirchenfunks" an, baute diesen zur "Abteilung Religion" um und machte Religionssendungen zu qualitätsvollen Aushängeschildern des Radios, vor allem im Programm Ö1. Hier wirken, auch 20 Jahre nach seinem Abgang, die von ihm initiierten Innovationen nach. In der von ihm in den 1980er-Jahren konzipierten Morgensendung "Gedanken für den Tag" ist er bis heute immer wieder zu hören.

Im weiteren Sinn sei Radiokultur "Seelsorge", schrieb Gaisbauer 1999 in der FUR-CHE -und diesem weiteren Sinn widmete er sich auch "im Ruhestand". Als FURCHE-Autor war Hubert Gaisbauer über den Bildhauer Alberto Giacometti, über die Hedwigskathedrale in Berlin oder über den katholischen Vordenker Charles Péguy zu lesen. Auch über den Maler El Greco, die Czernowitzer Dichter(innen) (Paul Celan, Rose Ausländer etc.), die Lyrikerin Christine Busta schrieb er oder seinen Lieblingspapst (jedenfalls bevor Franziskus kam ) Johannes XXIII., über den er ebenso ein Buch verfasste wie über Auseinandersetzungen an der Schnittstelle von Glaube und Kunst. Dass Gaisbauer -Papst-Franziskus-begeistert -sogar ein Kinderbuch über dessen Enzyklika "Laudato Si" verfasste ("Ein Brief für die Welt", 2016) mochte zunächst als verlegerischer Aberwitz erscheinen, aber des Großvaters Projekt für seine Enkeltochter entpuppte sich als liebenswert-erfrischendes Plädoyer für einen zärtlichen Umgang mit der Schöpfung -wahrscheinlich das einzige Kinderbuch, das je über eine Papstenzyklika verfasst wurde.

Typisch Gaisbauer

"Schonungslos zärtlich", Gaisbauers Geburtstagsbuch, bietet einen Querschnitt durch die Interessengebiete des Autors. Die 28 Essays und poetischen Skizzen haben auf den ersten Blick nicht immer viel gemein, sind aber von Gaisbauers unbändiger Kulturaffinität geprägt. Er sei ein Moralist im Sinn seines "geliebten alten philosophischen Wörterbuchs", das darunter einen verstehe, der sich durch eine "leidenschaftliche Stellungnahme zu Mensch und Gesellschaft" und "zur Religion" auszeichne, schreibt der Autor im Vorwort.

Der titelgebende Essay "Schonungslos zärtlich" ist ein Beitrag über die Malerin Marie-Luise von Motesiczky, Wiener Jüdin, die nach London ins Exil ging und dort 1996 verstarb. Die Auseinandersetzung mit dem vertriebenen Judentum ist ebenso "typisch Gaisbauer" wie ein poetischer Zugang zur Malerei (und vice versa). All das findet sich in dem außergewöhnlichen Buch, das auch ein Zeugnis wacher Zeitgenossenschaft in Zeiten darstellt, in denen hierzulande viele, auch Intellektuelle, in einem kulturellen Dämmerschlaf befindlich scheinen, wo der Fall von Werten wie Demokratie oder Menschenrechte, Gerechtigkeit und soziale Empathie geradezu en passant geschieht.

Hubert Gaisbauer bleibt da beharrlich ein leiser Liberaler, keiner, der lauthals den grassierenden Zeit-Ungeist geißelt, der aber unbändig auf Kunst als Säule der Gesellschaft setzt und auf das kleine Wort, die Poesie, mit der er die hohle Phraseologie der politischen Alltagsplattitüden konterkariert (ohne letztere explizit ansprechen zu müssen). Und immer wieder kommt in den Beiträgen Gaisbauers die Religion ins Spiel, auch diese mit der ihm eigenen Gewissheit, dass das Christentum anders und mehr ist als das Kulturkampfschwert der Abendlandsretter.

Prototypisch dafür ist der Essay "Auf der Suche nach der verlorenen Seele Europas", der einen Parforce-Ritt durch die abendländische Kulturgeschichte darstellt (inklusive der Frage, was der Islam dabei für eine Rolle spielt), und der bei Erasmus von Rotterdam als epochal europäische Gestalt endet. Letzteren hat Gaisbauer rund um den Jahreswechsel den Ö1-Hörer(inne)n in den "Gedanken für den Tag" nahegebracht. Dem Europa-Essay folgt eine Auseinandersetzung mit der Weißen Rose -ein ebenso europäisches wie politisches Sujet, eine Mahnung für die Zukunft, an der dem Jubilar -wie auch sein Buch zeigt - so viel liegt.