Gerade der Papst aus Deutschland könnte - und sollte - wider den alten Antijudaismus der Christen eine neue Brücke nach Jerusalem bauen.

Die Opfer der Schoa sterben weg. Immer weniger von ihnen haben noch eine Stimme, um zu bezeugen, was geschehen ist, und zu warnen, damit es nicht wieder geschehe. Eingebrannt ins Gedächtnis sind die Orte, an denen vor und nach dem Beschluss der Endlösung die täglich tausend- und abertausendfache Vernichtung von Juden vollzogen worden ist und mit ihnen all der Missliebigen, die der Rassismus gebrandmarkt hatte.

Und die Nichtbetroffenen, die es gehört und gewusst haben, werden auch täglich weniger. Und noch weniger von ihnen bedienen heute noch führende gesellschaftliche oder religiöse Positionen. Ihnen aber fällt eine immense Verantwortung zu.

Einer unter ihnen, herausgehoben zur Zeit wie keiner seiner Landsleute, ist Papst Benedikt XVI.

Aus Deutschland

Er ist ein Papst aus Deutschland, mit dem gerade noch der letzte Zipfel des erlebten Grauens von der Seite der Nichtbetroffenen berührt werden kann - berührt werden muss. Darin könnte seine große Sendung zu finden sein. Denn im eigentlichen Sinn kann er gar nicht unbetroffen sein. Denn er ist Pontifex maximus der Glaubensgemeinschaft, die schon am Ende des ersten Jahrhunderts einen Antijudaismus entwickelt hat, der immer wieder Motiv von unzähligen Pogromen gegen Juden in seinem Einflussbereich geworden ist. Und er ist Pontifex maximus aus einem Land, das wohl nicht ohne diesen antijudaistischen Hintergrund die Judenvernichtung politisch propagieren und durchsetzen konnte - Pontifex aus einem Land, das als atheistischer Erbe des religiös geschürten Judenhasses die Pogrome durch die Schoa vollenden wollte.

In Rom

Er ist ein Papst aus Deutschland. Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt er bereits in Rom. Rom ist Tummelplatz aller Nationen, in der Antike wie heute. Rom - der adäquate, aber gewiss vorübergehende Sitz des Pontifex der katholischen Kirche. Denn dort werden die Völker gesammelt, damit sie am Ende der Tage sich vor dem Gott Israels auf dem Berg Zion in Jerusalem versammeln, wie es die Psalmen und die Propheten besingen. Rom steht nicht für sich, Rom ist keine Parallelgestalt oder Konkurrentin zu Jerusalem, so wenig wie Jesus Konkurrent der Propheten oder seine Botschaft Konkurrenz der Tora war und ist. In Rom sammeln sich alle, die durch das Tor nach Jerusalem gehen wollen, das Jesus aufgetan hat - und sei es auch nur das kleine Nadelöhr in der Stadtmauer, durch das man Kamele hindurchzwängte.

Nach Jerusalem

Es geht heim nach Jerusalem - das wäre die entscheidende und kompromisslose Grundbotschaft eines Christentums, das beschämt und bestürzt auf die Geschichte blickt und in ihr entdeckt, wie sehr es sich immer wieder zum Protagonisten des Hasses auf Israel gemacht hat - und damit auch des (oftmals unbegriffenen) Hasses auf Jesus von Nazaret, auf seinen Christus, auf seinen Messias.

Der Papst aus Deutschland - ich möchte es der katholischen Kirche mit meiner ganzen betenden und glaubenden und theologischen Leidenschaft wünschen - könnte das Kennmal seiner Sendung gerade an dieser Stelle finden:

Er soll Pontifex sein, der die Brücke weiterbaut, die sein Amtsvorgänger schon errichtet hat, zuletzt mit seinem Besuch in Israel im Jahr 2000.

Er soll Pontifex sein, der deshalb als Lehrer der Kirche die bis heute scheinbar unauslöschliche Strategie der Überbietung Israels durch Jesus Christus (Altes Testament-Neues Testament; Alter Bund-Neuer Bund, usw.) beendet. Damit würde er dem Christentum wieder die Atemluft geben, die es braucht, um zu leben. Denn das ist die Luft, die Jesus geatmet hat, und der Geist, der von ihm kommt, kein anderer.

Er soll Pontifex sein, der klar macht, dass alle Lehrgehalte des Christentums illegitim sind, die Israel entwürdigen, weil damit auch Jesus Christus beleidigt und entwürdigt wird, unausweichlich.

Er soll Pontifex sein, der nun auch in der Lehre sichtbar macht, was in Bezug auf seinen Brückenschlag zu Israel Umkehr heißt: Machen wir Taten aus den Worten - was zu den höchsten religiösen Künsten gehört - und dann auch sinnhafte Theologie aus diesen Taten. Man kann nicht (das frühe und das heutige) Israel umschmeicheln und theologisch verfahren wie ehedem. Das wäre Heuchelei, vor der Jesus gegraut hat.

So könnte die große Sendung dieses Papstes darin liegen zu zeigen: Als Christ sich ans Judentum zu wenden, gehört nicht zum guten (taktischen) Ton heute. Als Christ ans Judentum, als Römer nach Jerusalem sich zu wenden, bedeutet, den Lebensgrund des Christseins erkannt zu haben - diesseits aller Gelüste der Überbietung Israels durch die Kirche. Es ist eine Überlebensfrage für Christenmenschen geworden - spätestens nach der Schoa -, ob sie zu dieser Umkehr fähig sind oder nicht. Misslingt sie, verfällt das Christentum der mythologischen Lächerlichkeit, in der es viele seiner zynischen Gegner schon verenden sehen. Deshalb kann es keine gemeinsame Sache geben mit politischen, religiösen oder christlichen Bewegungen, die in diesem Zusammenhang undeutlich bleiben und etwa bei der simplen Frage kein klares Ja herausbringen, ob Jesus Jude war - ein beschämendes Problem, das sich selbst unter manch jungen Theologen findet.

Vorgänger und Nachfolger

Wie man gehört hat, hing über dem letzten Konklave kurz die Opposition von Joseph Ratzinger und Carlo Martini. Nach der Wahl soll Martini dem Papst seinen Segen gegeben haben - um sich dann wieder nach Jerusalem zu wenden. In seinem noch nicht in die deutsche Sprache übersetzten Buch "Nach Jerusalem" erzählt Martini, dass ihn einmal, als er auf einen Balkon des Bibelinstitutes in Jerusalem getreten ist und zum Himmel geblickt hat, ein plötzlicher Gedanke getroffen hat: "Hier bin ich geboren, hier, in Jerusalem." Christliches Bewusstsein ohne Triumph, tiefe Einsicht eines Menschen, der Tausende Male den Psalm 87 gebetet hat, in dem besungen wird, dass jeder Mensch dort geboren ist.

Vielleicht ist Kardinal Martini der geheime Vor-Gänger Benedikts XVI., der mit seiner Heimkehr nach Jerusalem seinem geheimen Nach-Folger das Programm gezeigt hat, das ihn als Pontifex zeichnen könnte, vielleicht zeichnen sollte.

Von einem solchen Pontifex muss man nicht nur träumen. Benedikt XVI. hat es in der Hand, dass er diesen Traum, der im Herzen des Christentums geträumt wird, mutig wahr macht und damit auch seinen Weg vollendet über die weite Brücke von Deutschland nach Rom und dann nach Jerusalem.

Gewiss, der Weg ist weit, sehr weit, womöglich zu weit. Doch das widerlegt nichts. Denn mit jedem Schritt, der nach Jerusalem weist, verkürzt er sich.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät in Wien.

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