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Berühmt unter den Aposteln

Ob Frauen an den geistlichen Ämtern teil haben sollen, wird von den verschiedenen Kirchen unterschiedlich beantwortet. Auch wenn Rom dazu kategorisch Nein sagt: Der historische Befund ist bei weitem nicht eindeutig.

Vor einigen Wochen veröffentlichte die Grazer Gesellschaft für Marketing und Kommunikation unter 366 katholischen Priestern eine Umfrage, derzufolge 60 Prozent der Priester eine offenere Haltung der katholischen Kirche zum Thema Priesterinnen für "sehr" bzw. "ziemlich" wichtig halten , damit in Zeiten des Priestermangels auch Frauen diesen Dienst ausüben könnten.

Ob Frauen an den geistlichen Ämtern teil haben sollen, wird von den verschiedenen christlichen Kirchen unterschiedlich beantwortet. Nach offizieller römisch-katholischer Sicht kann keine Frau geweiht werden, weil Jesu Verhalten als eindeutige und bindende Entscheidung interpretiert wird. Selbst die Vornahme der Weihehandlung sei zum Scheitern verurteilt, da gültig nur ein Mann geweiht werden könne - so das katholische Kirchenrecht.

Allerdings ist bei Blick in die neutestamentliche Überlieferung festzustellen, dass Jesus auch keinen Mann durch Handauflegung zum Priester geweiht hat, sondern lediglich Apostel berief. Andere christliche Kirchen glauben dagegen, gerade durch die Aufnahme von Frauen in die geistlichen Ämter dem Gründungsauftrag Jesu zu entsprechen.

Kirchenpolitik in Forschung

Von beiden Seiten beruft man sich sowohl für die Ablehnung von Amtsträgerinnen wie auch für die Befürwortung von Priesterinnen aufs Urchristentum. Um so spannender ist die Frage, ob es in der Geschichte Amtsträgerinnen gegeben haben könnte und welche Ämter sie innehatten. Es nimmt nicht wunder, dass gerade in diesem emotional aufgeladenen Bereich kirchenpolitische Agenden der jeweiligen Forscher oftmals Niederschlag in den Ergebnissen finden. Einerseits kann nicht sein, was nicht sein darf, andererseits muss sein, was man heute braucht. Beides scheint der historischen Situation nicht angemessen.

Ein Problem bei der Beschäftigung mit dieser Frage ist sicher, dass man sich lange Zeit gar nicht vorstellen konnte, dass Frauen herausragende Positionen gerade in den ersten Jahrhunderten innehatten. Dies führte dann selbst in Wörterbüchern des Neuen Testamentes zur Aussage, dass es sich bei der bekannten Junia im Römerbrief (Röm 16,7) um keine Frau handeln könne, weil Paulus sie zusammen mit Andronikus als "berühmt unter den Aposteln" bezeichne.

Der Befund des griechischen Textes ist nicht eindeutig, aufgrund der grammatischen Endung ist nicht klar, ob es sich um einen Männer- oder Frauennamen handelt. "Junias" ist als Männername ansonsten unbekannt, für die weibliche Namensform "Junia" gibt es zahlreiche Belege. Die koptische Übersetzung des Neuen Testaments verwendet einen eindeutigen Frauennamen, heute kann niemand mehr guten Gewissens abstreiten, dass Paulus hier eine Frau zusammen mit ihrem Partner als "berühmt unter den Aposteln" bezeichnet.

Die ersten Jahrhunderte des Christentums ermöglichen - allein schon aufgrund der eher lückenhaften Überlieferung - nur ein schemenhaftes Bild. Frauen scheinen in manchen Regionen getauft und gelehrt zu haben. Die Frage, ob dies zulässig ist, war damals heiß umstritten.

Betrachtet man die aktuelle römisch-katholische Argumentation, so fällt auf, dass man nicht auf eine tatsächlich bindende eindeutige Entscheidung Jesu verweisen kann. Dass er als Jude seiner Zeit nur männliche Jünger als Apostel berufen hat, scheint eigentlich nicht weiter verwunderlich. Insofern wäre natürlich zu fragen, ob die Jünger einen derartigen Bruch akzeptiert hätten - erst die Aufnahme einer großen Zahl von Heidenchristen machte die Abkehr von jüdischen Speisegeboten und der Beschneidung notwendig. Und darüber gab es heftige Auseinandersetzungen beim so genannten Apostelkonzil (Apg. 15,1-35).

Es gab Diakoninnen

Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass es zumindest Diakoninnen in der alten Kirche gab - und sofort entbrennt der Streit, ob es sich bei diesen Frauen um geweihte Amtsträgerinnen gehandelt haben kann. Die kaiserliche Gesetzgebung unter Justinian rechnet im 6. Jahrhundert diese Frauen dem Klerus zu, Voraussetzung einer Weihe ist die Tatsache, dass das 50. Lebensjahr bereits erreicht ist. Die Frauen, die geweiht werden sollen, müssen Jungfrauen oder Witwen sein - im Gegensatz zum männlichen Klerus wird eine zölibatäre Lebensweise gefordert. Für einen Bruch des Zölibats sieht die kaiserliche Gesetzgebung die Todesstrafe für die Diakonin und ihren Liebhaber vor. Die syrische Didaskalie sieht an der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert vor, dass Diakoninnen bei der Taufe von Frauen assistieren sollen. In Häuser, in die man einen Diakon nicht schicken kann, schicke man eine Diakonin.

Für Ägypten wird man Diakoninnen in den Klöstern noch im 8.-10. Jahrhundert voraussetzen müssen - eine Fehlübersetzung der entsprechenden Stelle hat diese Erkenntnis bisher verhindert. Der byzantinische Theologe Balsamon ist Ende des 11. Jahrhunderts jedenfalls der Meinung, dass diesen Frauen letztendlich aufgrund der monatlichen Regel und, so muss man ergänzen, der damit verbundenen kultischen Unreinheit, der Zugang zum Altar verwehrt worden wäre.

Daneben wurde im Lauf der Geschichte eine ganze Reihe von Argumenten ins Feld geführt, warum man Frauen nicht zum geistlichen Amt zulassen könne: Bereits im Paradies habe man gesehen, was passiert, wenn die Frau den Mann belehre. Thomas von Aquin bemerkt, bei Frauen handle es sich um das schwächere Geschlecht, nur dem schädlichen Einfluss des Südwindes oder sonstigen widrigen Umständen ist die Geburt einer Frau zu verdanken. Gerade in Anbetracht eines zölibatären Klerus ist die Rolle der Frau als "Versucherin von Anbeginn" sicherlich ebenfalls nicht zu vernachlässigen.

Der Blick in die Geschichte zeigt ein zwiespältiges Bild: Man wird der Situation wohl am besten gerecht, wenn man große regionale Unterschiede in den ersten Jahrhunderten als ein Charakteristikum der damaligen Kirche akzeptiert. Gerade in Gebieten, wo es gesellschaftlich unmöglich war, dass Männer Frauen missionierten, scheinen Frauen besonders aktiv gewesen zu sein. Im 2. Jahrhundert beriefen sich Frauen auf Thekla, wenn sie für sich in Anspruch nahmen, zu taufen und zu lehren. Zumindest lässt sich dies aus den Aussagen Tertullians ableiten, der eben dies unter Berufung auf Paulus zu unterbinden sucht. Im Mittelalter kommt es zu zwei schwer wiegenden Veränderungen. Einerseits erfolgt eine Zentralisierung der katholischen Kirche durch die Ausbildung der römischen Zentralgewalt, andererseits koppelt sich die Kirche von den entsprechenden Entwicklungen der Gesellschaft ab.

Benedikt xv. erließ 1916 das Verbot, Maria in priesterlichen Gewändern darzustellen - vermutlich glaubte man, dass der erwachende Feminismus solch bildliche Darstellungen als entsprechende Perspektive für den Dienst von Frauen in der katholischen Kirche gewertet hätte. Es ist sicher spannend, in welcher Weise Benedikt xvi. sich der Frauenfrage stellen wird.

Der Autor forscht als apart-Stipendiat der Österr. Akad. der Wissensch. an der Nationalbibliothek.

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