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Der Alttestamentler Norbert Lohfink erschließt Bibeltexte. Er enthält dabei die Folgen fürs gegenwärtige Leben nicht vor.

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Der Alttestamentler Norbert Lohfink erschließt Bibeltexte. Er enthält dabei die Folgen fürs gegenwärtige Leben nicht vor.

Die Ergebnisse bibelwissenschaftlicher Forschung sind langweilig, wenn dem Leser die möglichen Konsequenzen für das gegenwärtige Leben vorenthalten werden. Norbert Lohfink bemüht sich in seinem jüngsten Buch "Im Schatten deiner Flügel", diesem Anliegen zu entsprechen. In einigen Beiträgen regt er Veränderungen in der liturgischen Praxis an: So möchte er wie sein Wiener Kollegen Georg Braulik die katholische Sonntags-Leseordnung um eine Variante bereichern: Einer alttestamentlichen Lesung aus den fünf Büchern Mose soll entweder ein dazu passender Abschnitt aus dem übrigen Alten Testament folgen oder ein mit dem dann folgenden Evangelium harmonierender neutestamentlicher Text.

Dahinter steht die Annahme, daß es sich sowohl bei den Büchern Mose - der jüdischen Tora - als auch bei den Evangelien um "Basistexte" handelt, die jeweils von den restlichen Schriften kommentiert werden.

Auch vor politisch heißen Eisen schreckt der emeritierte Frankfurter Bibeltheologe nicht zurück: Er fragt etwa, ob die gewaltsame Eroberung Israels im Buch Josua die territorialen Ansprüche heutiger palästinensisch-christlicher beziehungsweise jüdischer Gruppen legitimiert. Eine derartige Legitimation erweist sich aus verschiedensten Gründen schon rein von der Textbeobachtung her als illegitim. Politisch modern mutet der gewaltenteilige Verfassungsentwurf des deuteronomistischen Gesetzes an. Es gibt darin Rechte, die jeweils nur dem König, den Priestern und den Propheten zustehen.

Die gängige Übersetzung aus der Schöpfungserzählung, der Mensch sei "Abbild" oder "Ebenbild Gottes" will Lohfink lieber durch das Wort "Statue Gottes" ersetzt sehen. Damit schlägt er auch eine Brücke zum Gespräch zwischen Kunst und Theologie. Nur jene Kunst wird durch das Bilderverbot des Alten Testaments verworfen, die durch ihre Darstellungen Gott dem Menschen magisch verfügbar machen will.

Die exegetisch-theologischen Beiträge bringen zum Teil neue Versuche, auf aktuelle Probleme zu antworten: etwa eine exaktere Gattungsbestimmung des Hosea-Buches als Erzählung, in der der Leser literarisch anspruchsvoll mehrere Stimmen erkennen muß. Sie bringen aber auch Informationen über neuere Trends: Die Psalmen etwa werden nicht mehr als unabhängige Einzeltexte betrachtet, sondern als miteinander verbundene Einheit, die primär der Meditation des einzelnen dienen sollte.

Die Rede vom unaufgekündigten Bund Gottes mit dem Volk Israel erscheint von der jüdischen Bibel - dem christlichen Alten Testament - her gerechtfertigt, wenngleich sich der Theologe stets der Begrenztheit sprachlicher Möglichkeiten bewußt sein muß. Bei der Rede vom "Neuen Bund" bei Jeremia (31, 31-34) handelt es sich um eine "erneute und neuartige Stiftung des alten Verhältnisses".

Wer sich kompetente Anregungen für seine Lektüre der Heiligen Schrift holen möchte, ist mit Norbert Lohfink stets gut beraten. Er macht seine gründliche Auseinandersetzung mit der Psalmenliteratur und anderen dichterischen Texten des Alten Testaments in seinen Ausführungen auch für die neutestamentlichen Kindheitserzählungen bei Lukas fruchtbar und zeigt neue Wege für ein Verständnis der darin enthaltenen Hymnen auf.

Ein Grundanliegen durchzieht die Darlegungen: Das Christentum ist bis hin zur Symbolsprache der Herz-Jesu-Verehrung ohne die jüdischen Wurzeln ein Torso.

Im Schatten deiner Flügel. Große Bibeltexte neu erschlossen. Von Norbert Lohfink. Verlag Herder, Freiburg 1999, 268 Seiten, geb. öS 234,-/e 17,00

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