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Bibel: (k)ein Geschichtsbuch?

1945 1960 1980 2000 2020

Kurt Schubert, Präsident des Katholischen Bibelwerkes, beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Bibel und Geschichte (und läßt sich auch auf Umstrittenes ein).

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Kurt Schubert, Präsident des Katholischen Bibelwerkes, beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Bibel und Geschichte (und läßt sich auch auf Umstrittenes ein).

Was sind die Erzählungen in der Bibel? Erbauliche Legenden, die einem menschlichen Grundbedürfnis nach einer Deutung seiner Existenz entsprechen? Oder sind es durchwegs historische Fakten, die das wunderbare Handeln Gottes beschreiben? Zwischen diesen beiden extremen Positionen bewegt sich die Diskussion.

Der national wie international renommierte Judaist Kurt Schubert hat darüber das Büchlein "Bibel und Geschichte" verfaßt und verfolgt diese Fragen in einer wissenschaftlich soliden Weise. An zahlreichen Beispielen zeigt er eindrucksvoll auf, daß weder die Schriften des Alten Testamentes noch die des Neuen Bundes Geschichtsbücher in heutigem Sinn sein können und wollen: Schon die vielen unterschiedlichen Berichte ein und derselben Ereignisse in der Bibel selbst verwehren diese Sicht. Manches Detail ist anachronistisch und verrät einen Erzähler, der seinen Text erst Jahrhunderte nach dem betreffenden Ereignis verfaßt hat.

Schubert verfällt andererseits auch nicht einer in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Facetten stereotyp wiederkehrenden Sicht, daß der historische Kern der Bibel weder einigermaßen zu rekonstruieren sei noch irgendwelche Bedeutung für den Glauben hätte. Denn es ist ganz wesentlich sowohl für das jüdische als auch das christliche Glaubensverständnis, daß Gott ganz konkret in der Geschichte gehandelt hat. Demgemäß bezieht Schubert eine Position, die jeder seriösen biblischen Exegese zugrunde liegt: Es geht in der Bibel nicht um Geschichte um ihrer selbst willen, sondern um im Glauben gedeutete Geschichte. Die Ereignisse und ihre Deutung durch erzählerische Erweiterungen sind so sehr miteinander verwoben, daß eine saubere detaillierte Trennung durch noch so taugliche Methoden nicht mehr möglich ist.

Für den Glauben des einzelnen ist es jedoch auch nicht wichtig, den genauen äußeren Hergang rekonstruieren zu können. Wichtig ist die historische Zuverlässigkeit der Eckdaten biblischer Berichte, die das Handeln Gottes an Israel und dann speziell in Jesus Christus und seinen Jüngern sicherstellen.

Bei der Beurteilung historischer Zuverlässigkeit gibt Schubert den Methoden der Archäologie und der Religionsgeschichte den Vorzug. Dabei ist zu beachten, daß natürlich auch jene erzählten Sachverhalte einen historischen Bezug haben können, die (eher zufällig) nicht durch Ausgrabungsfunde oder außerbiblische Vergleichstexte bestätigt werden.

Konkret erfährt der Leser Informatives über die historische Beurteilung der Patriarchen- und Mosesüberlieferung, der "Landnahme" Israels, den Kindheitserzählungen, von Passion und Auferstehung Jesu im Neuen Testament. Die jüdischen Gruppierungen zur Zeit Jesu werden beschrieben, wobei das spezielle Wissen des Verfassers über die Qumran-Gemeinde besonders ausführlich zum Tragen kommt.

Angesichts dieser soliden Fülle an Informationen zum richtigen Bibelverständnis wundert es, warum Schubert gerade bei den Ausführungen über die Jungfräulichkeit Marias an deren sicheren Historizität - entgegen dem doch breiten Konsens der neutestamentlichen Forschung - festhält. Der Begründung, dies sei schon durch die doppelte voneinander unabhängige Überlieferung durch Matthäus und Lukas gegeben, widerspricht er ja indirekt selbst, wenn er die Abstammung Jesu von David, die ja auch von beiden behauptet wird, historisch nicht mehr nachvollziehbar sein läßt.

Schubert versucht obige These weiter abzusichern, indem er argumentiert, die Verwandten Jesu konnten nur deshalb einen so hohen Stellenwert in der nachösterlichen Gemeinde haben, weil unter ihnen so etwas Außergewöhnliches (die Geburt Jesu von der Jungfrau, Anm.) passiert wäre. Dieses Argument ist allerdings reine Spekulation.

Dennoch: Die Lektüre des sonst so fundierten Büchleins zahlt sich aus!

Bibel und Geschichte. Von Kurt Schubert. Verlag Österreichisches Katholisches Bibelwerk, Klosterneuburg 1999. 109 Seiten, Pb., öS 198,- e 14,39

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