#

Zum Tod von Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal verstorben Tod - © Foto: AFP
Religion

Biographie von Ernesto Cardenal: Einer, der sein Leben verloren hat

1945 1960 1980 2000 2020

Ernesto Cardenal Teffl: Suspendierter katholischer Priester. Trappistenmönch. Kryptokommunist. Einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas. Sandinistischer Kulturminister. Mystiker. Ein Kompendium von Attributen könnte man für den Mann mit der schlohweißen Mähne zusammentragen. Und ihn damit doch nicht adäquat charakterisieren. Zum 75. Geburtstag.

1945 1960 1980 2000 2020

Ernesto Cardenal Teffl: Suspendierter katholischer Priester. Trappistenmönch. Kryptokommunist. Einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas. Sandinistischer Kulturminister. Mystiker. Ein Kompendium von Attributen könnte man für den Mann mit der schlohweißen Mähne zusammentragen. Und ihn damit doch nicht adäquat charakterisieren. Zum 75. Geburtstag.

Don Salvador und Dona Isabella Cardenal schickten den kleinen Ernesto im Alter von zehn Jahren ins Jesuitenkolleg der nicaraguanischen Stadt Granada. In jener Entscheidung lag der tief empfundene Wunsch, den Kindern das christliche Wertesystem zu vermitteln. Dennoch: Der spätere Priester Ernesto Cardenal wird Jahrzehnte nach dieser Weichenstellung betonen, er hätte aus Irrtum auf die menschliche Liebe verzichtet: "Ohne zu irren, hätte ich jedoch niemals meine Vereinigung mit Gott erreicht", schreibt der Dichterpriester in seiner Autobiographie.

Auch heute noch besucht der von Rom suspendierte Priester - von der Hauptstadt Managua kommend - regelmäßig seine Geburtsstadt Granada, um in der von seinem Freund, dem österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr und dessen Stiftung erhaltenen "Casa de los tres Mundos" (Haus der drei Welten) Lesungen zu halten. In letzter Zeit ist vornehmlich Prosa zu hören; was für Cardenal eigentümlich ist, denn berühmt wurde er eigentlich durch seine Lyrik.

Don Salvador und Dona Isabella Cardenal schickten den kleinen Ernesto im Alter von zehn Jahren ins Jesuitenkolleg der nicaraguanischen Stadt Granada. In jener Entscheidung lag der tief empfundene Wunsch, den Kindern das christliche Wertesystem zu vermitteln. Dennoch: Der spätere Priester Ernesto Cardenal wird Jahrzehnte nach dieser Weichenstellung betonen, er hätte aus Irrtum auf die menschliche Liebe verzichtet: "Ohne zu irren, hätte ich jedoch niemals meine Vereinigung mit Gott erreicht", schreibt der Dichterpriester in seiner Autobiographie.

Auch heute noch besucht der von Rom suspendierte Priester - von der Hauptstadt Managua kommend - regelmäßig seine Geburtsstadt Granada, um in der von seinem Freund, dem österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr und dessen Stiftung erhaltenen "Casa de los tres Mundos" (Haus der drei Welten) Lesungen zu halten. In letzter Zeit ist vornehmlich Prosa zu hören; was für Cardenal eigentümlich ist, denn berühmt wurde er eigentlich durch seine Lyrik.

Navigator

Liebe Leserin, Lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig?
Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig?
Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Taifel, der Pirat

Derzeit schreibt Cardenal am zweiten Teil seiner Autobiographie, die er "Das verlorene Leben" nennt. Als verloren erscheint ihm sein Leben nur auf den ersten Blick, doch ist der Titel bloß ein tragisches Apercu, denn entlehnt hat der Dichter dieses Zitat dem Matthäusevangelium: "Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen." Entsprechend dialektisch ist auch die Lebensphilosophie des Dichters: Verlust durch Gewinn, Gewinn durch Verlust, Jugend und Alter, alles hat seinen Preis, so auch seinen Gewinn, sterben wird allein derjenige leicht, der sich treu geblieben ist. Ein sehr spanischer, fast an Cervantes' "Don Quijote" orientierter Fatalismus.

Das Jüngste Gericht hat schon begonnen. Wo es Revolution gibt, wird Gerechtigkeit sein.

Ernesto Cardenal

Heute führt Ernesto Cardenal ein zurückgezogenes Leben; in seinem Haus lebt er "allein", kaum jemand hat zu ihm Zutritt, umgeben ist Cardenal von vielen Tieren, sein Heim gleiche, sagen manche, die es betreten dürfen, einer "kleine Arche Noah".

Das Christentum kam durch den Urgroßvater in die Familie der Cardenal. Der Urgroßvater war jüdischer Herkunft. Ernesto Cardenal: "Es ist eine ziemlich pittoreske Geschichte. Mein Urgroßvater mütterlicherseits, Jakob Taifel, kam aus der Gegend, wo Deutschland an Polen grenzte, zeitweise war die Gegend auch russisch. Er ging nach Nicaragua und schloß sich 1856 den Freibeutern von William Walker an und nahm an der Invasion Nicaraguas teil. In einer der Schlachten wurde er gefangengenommen und zum Tod verurteilt. Sie schickten sich an, ihn vor das Erschießungskommando zu stellen. Aber als er sich zum Christentum bekehrte, wurde er begnadigt. Aus Dankbarkeit änderte er auch seinen Namen und aus ihm wurde ein Martinez, er trug fortan den gleichen Namen wie sein Besieger, Don Tomas Martinez, beide bleiben Freunde, ihr ganzes Leben lang."

In Gefahr

"Erobern" wollten die Mitglieder der Familie Cardenal immer wieder, auch der Urenkel des Piraten begab sich in Lebensgefahr: Als einer der Protagonisten der "Theologie der Befreiung" schloß sich der Sproß aus der nicaraguanischen Oligarchie in den siebziger Jahren der sandinistischen Befreiungfront an. An der "Frente Sur" - nahe der von ihm gegründeten christlichen Gemeinde von "Solentiname" - feierte er Feldgottesdienste, schrieb Gedichte gegen Diktator Somoza und organisierte den Widerstand.

Im nationalen Filmarchiv gibt es eine 35-Millimeter-Filmaufnahme, die den noch nicht ergrauten Cardenal bei der Predigt vor lauter Guerilleros zeigt: "Wir müssen uns Christus als Proletarier und als Gott vorstellen. Er ist der einzige, der über uns zu richten hat. Er ist wie ein Guerillero, er war genauso hungrig wie wir. Er hat dieselben Leiden wie wir. Wenn es so ist, daß also keiner mehr Privilegien vor den anderen hat, dann - so steht es im Evangelium - hat die Gerechtigkeit begonnen. Ich sage euch: Das Jüngste Gericht hat schon begonnen. Wo es Revolution gibt, wird Gerechtigkeit sein. Nur die Revolution kann zu Gerechtigkeit führen. Diese, eure Waffen werden letztlich den Armen zu essen geben."

In Unordnung

Mit solchen Worten hatte sich der streitbare Sandinist bereits die Kritik des Erzbischofs von Managua, Kardinal Miguel Obando y Bravo eingehandelt. Doch Cardenal rechtfertigt sich: "Was sagen all meine Kritiker zum Hl. Ludwig, dem König von Frankreich, der bei einem Kreuzzug für die Befreiung der Heiligen Stadt starb? Auch er wurde heiliggesprochen! Oder zu Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orleans? Sie war eine Kriegerin, auch sie wurde heiliggesprochen! Wo steht geschrieben, daß der Besitz von Waffen oder die Tatsache, sich in einer bewaffneten Auseinandersetzung zu befinden, mit dem Christsein unvereinbar sein soll? Wo bitte steht das? Das würde ich schon gerne wissen!"

"Usted tiene que arrelar su situacion! - Sie müssen Ihre Angelegenheit in Ordnung bringen!" hatte ihm Papst Johannes Paul II. 1983 in Cardenals Muttersprache aufgetragen.

1983, Ernesto Cardenal war Kulturminister in der sandinistischen Regierung, besuchte Papst Johannes Paul II. Nicaragua. Berühmt bleibt die Szene am Flughafen als der Priester-Minister vor dem Pontifex Maximus niederkniete, um seinen Ring zu küssen, stattdessen aber eine Standpauke erntet: "Usted tiene que arrelar su situacion! - Sie müssen Ihre Angelegenheit in Ordnung bringen!" hatte ihm der Papst in Cardenals Muttersprache aufgetragen. Entweder Priester oder Politiker, beides geht nicht! Als Cardenal nicht gehorchte, erhielt er eine "Suspensio a divinis ipso facto", die Suspendierung mit sofortiger Wirkung, er darf bis heute nicht die Messe feiern.

Die Bauern verstehen

Aus römischer Sicht war das größte Problem Nicaraguas, so Cardenal, daß Priester in der sandinistischen Regierung waren, daß die sandinistische Revolution nicht von der Kirche getragen war: "Eine katholische Revolution in einem antikatholischen Staat, wie in Polen, das gefiel dem Papst. Die sandinistische Revolution fand in einem katholischen Land statt und zeigte, daß Menschen Christen und Marxisten sein können, und daß Priester in den Reihen der Regierung Platz finden. Das war dem Papst ein Dorn im Auge."

Nach der Abwahl der Sandinisten 1990 zog sich Cardenal wieder nach Solentiname zurück, auf jene Insel, wo er schon viele Jahre vorher mit den des Lesens und Schreibens unkundigen Bauern das Evangelium studiert hatte. Und bis heute bleibt er dabei: "Ich entdeckte, daß die Bauern - die Armen - diejenigen sind, die das Evangelium am besten verstehen können. Es ist, als wäre es für sie geschrieben. Oft entdeckten sie Dinge, die ich nicht sah - nie am Evangelium verstanden hatte - ich, der ich doch Seminare besucht hatte und Theologie studiert hatte."

Für diese Menschen hat der Priesterdichter - der 1980 auch mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde - eines seiner berühmtesten Gedichte verfaßt:

Als ich Dich verlor
haben wir beide verloren.

Ich - weil Du es warst, die ich am meisten liebte.
Du - weil ich es war, der Dich am meisten liebte.
Doch von uns beiden verlierst Du mehr als ich ...
weil ich andere so sehr lieben kann, wie ich Dich liebte.
Dich aber wird niemand mehr so lieben wie ich ...

Der Autor ist Religionsjournalist beim ORF-Fernsehen.

Fernsehen

Ernesto Cardenal - Der Rebell

Ein Porträt von Klaus Ther.
Samstag, 22. Jänner, 19.20 Uhr.
Montag, 24. Jänner, 9.05 Uhr.
3sat.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!