#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Religion

Bischöfe geloben Härte

1945 1960 1980 2000 2020

Tiefpunkt des Ansehens der katholischen Kirche in den USA: Täglich werden neue Missbrauchsvorwürfe gegen Priester und Vorhaltungen, dass die Bischöfe dem Treiben zusahen, laut.

1945 1960 1980 2000 2020

Tiefpunkt des Ansehens der katholischen Kirche in den USA: Täglich werden neue Missbrauchsvorwürfe gegen Priester und Vorhaltungen, dass die Bischöfe dem Treiben zusahen, laut.

Muttertag 2002, Montpelier, Vermont: Im Hauptstädtchen des kleinen US-Bundesstaates in Neuengland liest am Ende des katholischen Sonntagsgottesdienstes der Pfarrer mit unbewegter Miene und kommentarlos einen kurzen Hirtenbrief vor: "Nach vielen Stunden des Nachdenkens, der Beratung und des Gebets", schrieb Bischof Kenneth A. Angell an seine Herde, habe er beschlossen, dem Vermonter Generalstaatsanwalt Informationen über "glaubhafte Anschuldigungen in Bezug auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Priester" zu übergeben. Wenn der Staat Vermont Vorwürfe gegen einen Priester weiter untersuchen wolle, so werde dieser für die Dauer der Untersuchungen außer Dienst gestellt und - wenn sich die Vorwürfe erhärten sollten - des Amtes enthoben. Bischof Angell weiter: "Dies könnte schlimme Konsequenzen für Einzelne wie für die ganze Kirche haben. Dennoch muss es getan werden. Der Schutz der Kinder und die Glaubwürdigkeit der Kirche stehen auf dem Spiel."

Der Hirtenbrief des Vermonter Bischofs ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie brisant und wie prekär die Lage der katholischen Kirche in den USA geworden ist. Das landesweite Thema: Wie sehr haben die Kirchenleitungen vor dem Treiben pädophiler Priester die Augen verschlossen? Das Zentrum des Kirchenbebens: die Erzdiözese Boston, wo der Ex-Priester John Geoghan, der 130 Jugendliche missbraucht haben soll, zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, und wo die Leichtfertigkeit und Ignoranz der Kirchenoberen, die Geoghan jahrelang von Pfarre zu Pfarre versetzt hatten, offenbar ist. Vor allem Kardinal Bernard F. Law von Boston kam unter Beschuss.

Vier Tage vor dem Muttertag: Christi Himmelfahrt - in den USA ein Werktag. In 20 verschiedenen Städten der USA demonstrieren Aktivisten von SNAP, dem "Survivors Network of those Abused by Priests" ("Netzwerk der den Missbrauch durch Priester Überlebenden") vor kirchlichen Einrichtungen für landesweit einheitliche und restriktive Bestimmungen für den Umgang mit pädophilen Priestern. Im Juni findet die nächste Session der US-Bischofskonferenz statt, und da sollen, so das Anliegen von SNAP, sich die Bischöfe endlich zu klaren Regelungen durchringen.

Phil Saviano, SNAP-Koordinator für Neuengland, ist mit mehr als zehn Missbrauchsopfern vor das Bischofshaus von Worcester, 70 Kilometer westlich von Boston, gekommen und übergibt unter regem Medieninteresse die Forderungen an einen Vertreter von Bischof Daniel Reilly, dem Oberhirten von Worcester. Auch er, so lässt Bischof Reilly durch seinen Pressesprecher erklären, kooperiere voll mit den Staatsanwälten; er will die Forderungen von SNAP "mit gebührender Sorgfalt und dem Respekt, den sie verdienen" studieren. Phil Saviano weist der furche gegenüber darauf hin, dass allein in der kleinen Diözese Worcester seit 1990 20 Priester in Missbrauchsverfahren verwickelt waren, erst seit Jänner 2002 seien fünf Kleriker deswegen außer Dienst gestellt worden.

Die versammelten "Überlebenden" erzählen den in Worcester anwesenden Journalisten von ihren Missbrauchserfahrungen. Besonderes Augenmerk legen die SNAPler darauf, den Medienleuten klarzumachen, dass das der Kleriker-Missbrauch keinesfalls ein "homosexuelles" Problem ist: Vor allem konservative Kreise - von Rom bis in die USA - nutzen die Affären zu neuen Seitenhieben gegen Homosexuelle in der Kirche. Bei der SNAP-Aktion in Worcester berichten auch Frauen, dass sie von Priestern missbraucht wurden (siehe Interview rechts), und ein männlicher SNAP-Aktivist erzählt, dass der Priester, der ihn missbraucht hatte, heute verheiratet und Vater von drei Kindern sei.

In Boston, dem Epizentrum, geht das Beben weiter. Kardinal Law hatte sich mit 86 Opfern des verurteilten Ex-Priesters Geoghan außergerichtlich auf die Zahlung von 15 bis 30 Millionen Dollar geeinigt. Doch der Finanzrat der Erzdiözese verweigerte überraschend die Zustimmung zu den Zahlungen, weil die finanzielle Substanz der Erzdiözese dann gefährdet sei. Die Anwälte der Geoghan-Opfer ließen daraufhin Law zu einer gerichtlichen Befragung vorladen: An drei Tagen musste der Kardinal unter Eid zu seinem Wissen über Geoghans Pädophilieproblem aussagen.

Die Vorladung eines Kardinals vor ein Gericht stellte den bisherigen Tiefpunkt der Affäre dar, und Laws Aussagen beim Verhör, die in der Öffentlichkeit kursierten, erregten weiteren Unmut, gab der Kardinal doch immer wieder an, sich an Untersuchungen von Vorwürfen über Geoghan nicht erinnern zu können oder die Angelegenheit seinen Weihbischöfen übergeben zu haben. Doch mehr Ungemach droht dem Kardinal, weil weitere Priester aus seiner Diözese, denen ebenfalls schlimmer Missbrauch vorgeworfen wird, verhaftet wurden. Die Reputation Laws ist ebenfalls am Tiefpunkt, er taugt bestenfalls noch als Spottobjekt - das TV-Lästermaul Jay Leno etwa apostrophierte den Kirchenfürsten als "Cardinal above the Law".

Die Kirchenkrise hat sich mittlerweile weit über Boston und Neuengland hinaus verbreitet: fast überall im Land werden neue Fälle bekannt, die gesamte katholische Kirche der USA steht am Pranger und auf dem Prüfstand. So viele Schlagzeilen wie in diesen Wochen hatte die Kirche des Landes kaum je zuvor. Bischöfe entschuldigen sich reihum und geloben - wie der zitierte Bischof Angell in Vermont - Härte gegenüber dem Klerus.

Doch die Affären erhalten weitere, tragische Facetten: In Baltimore verletzte ein 26-Jähriger einen suspendierten Geistlichen, der ihn missbraucht haben soll, durch Schüsse lebensgefährlich. Und ein 64-jähriger Geistlicher aus Connecticut, der Ende April wegen Missbrauchsvorwürfen suspendiert worden war, erhängte sich in der psychiatrischen Einrichtung der Kirche, in die er gebracht wurde.

Muttertag 2002, Montpelier, Vermont: Im Hauptstädtchen des kleinen US-Bundesstaates in Neuengland liest am Ende des katholischen Sonntagsgottesdienstes der Pfarrer mit unbewegter Miene und kommentarlos einen kurzen Hirtenbrief vor: "Nach vielen Stunden des Nachdenkens, der Beratung und des Gebets", schrieb Bischof Kenneth A. Angell an seine Herde, habe er beschlossen, dem Vermonter Generalstaatsanwalt Informationen über "glaubhafte Anschuldigungen in Bezug auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Priester" zu übergeben. Wenn der Staat Vermont Vorwürfe gegen einen Priester weiter untersuchen wolle, so werde dieser für die Dauer der Untersuchungen außer Dienst gestellt und - wenn sich die Vorwürfe erhärten sollten - des Amtes enthoben. Bischof Angell weiter: "Dies könnte schlimme Konsequenzen für Einzelne wie für die ganze Kirche haben. Dennoch muss es getan werden. Der Schutz der Kinder und die Glaubwürdigkeit der Kirche stehen auf dem Spiel."

Der Hirtenbrief des Vermonter Bischofs ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie brisant und wie prekär die Lage der katholischen Kirche in den USA geworden ist. Das landesweite Thema: Wie sehr haben die Kirchenleitungen vor dem Treiben pädophiler Priester die Augen verschlossen? Das Zentrum des Kirchenbebens: die Erzdiözese Boston, wo der Ex-Priester John Geoghan, der 130 Jugendliche missbraucht haben soll, zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, und wo die Leichtfertigkeit und Ignoranz der Kirchenoberen, die Geoghan jahrelang von Pfarre zu Pfarre versetzt hatten, offenbar ist. Vor allem Kardinal Bernard F. Law von Boston kam unter Beschuss.

Vier Tage vor dem Muttertag: Christi Himmelfahrt - in den USA ein Werktag. In 20 verschiedenen Städten der USA demonstrieren Aktivisten von SNAP, dem "Survivors Network of those Abused by Priests" ("Netzwerk der den Missbrauch durch Priester Überlebenden") vor kirchlichen Einrichtungen für landesweit einheitliche und restriktive Bestimmungen für den Umgang mit pädophilen Priestern. Im Juni findet die nächste Session der US-Bischofskonferenz statt, und da sollen, so das Anliegen von SNAP, sich die Bischöfe endlich zu klaren Regelungen durchringen.

Phil Saviano, SNAP-Koordinator für Neuengland, ist mit mehr als zehn Missbrauchsopfern vor das Bischofshaus von Worcester, 70 Kilometer westlich von Boston, gekommen und übergibt unter regem Medieninteresse die Forderungen an einen Vertreter von Bischof Daniel Reilly, dem Oberhirten von Worcester. Auch er, so lässt Bischof Reilly durch seinen Pressesprecher erklären, kooperiere voll mit den Staatsanwälten; er will die Forderungen von SNAP "mit gebührender Sorgfalt und dem Respekt, den sie verdienen" studieren. Phil Saviano weist der furche gegenüber darauf hin, dass allein in der kleinen Diözese Worcester seit 1990 20 Priester in Missbrauchsverfahren verwickelt waren, erst seit Jänner 2002 seien fünf Kleriker deswegen außer Dienst gestellt worden.

Die versammelten "Überlebenden" erzählen den in Worcester anwesenden Journalisten von ihren Missbrauchserfahrungen. Besonderes Augenmerk legen die SNAPler darauf, den Medienleuten klarzumachen, dass das der Kleriker-Missbrauch keinesfalls ein "homosexuelles" Problem ist: Vor allem konservative Kreise - von Rom bis in die USA - nutzen die Affären zu neuen Seitenhieben gegen Homosexuelle in der Kirche. Bei der SNAP-Aktion in Worcester berichten auch Frauen, dass sie von Priestern missbraucht wurden (siehe Interview rechts), und ein männlicher SNAP-Aktivist erzählt, dass der Priester, der ihn missbraucht hatte, heute verheiratet und Vater von drei Kindern sei.

In Boston, dem Epizentrum, geht das Beben weiter. Kardinal Law hatte sich mit 86 Opfern des verurteilten Ex-Priesters Geoghan außergerichtlich auf die Zahlung von 15 bis 30 Millionen Dollar geeinigt. Doch der Finanzrat der Erzdiözese verweigerte überraschend die Zustimmung zu den Zahlungen, weil die finanzielle Substanz der Erzdiözese dann gefährdet sei. Die Anwälte der Geoghan-Opfer ließen daraufhin Law zu einer gerichtlichen Befragung vorladen: An drei Tagen musste der Kardinal unter Eid zu seinem Wissen über Geoghans Pädophilieproblem aussagen.

Die Vorladung eines Kardinals vor ein Gericht stellte den bisherigen Tiefpunkt der Affäre dar, und Laws Aussagen beim Verhör, die in der Öffentlichkeit kursierten, erregten weiteren Unmut, gab der Kardinal doch immer wieder an, sich an Untersuchungen von Vorwürfen über Geoghan nicht erinnern zu können oder die Angelegenheit seinen Weihbischöfen übergeben zu haben. Doch mehr Ungemach droht dem Kardinal, weil weitere Priester aus seiner Diözese, denen ebenfalls schlimmer Missbrauch vorgeworfen wird, verhaftet wurden. Die Reputation Laws ist ebenfalls am Tiefpunkt, er taugt bestenfalls noch als Spottobjekt - das TV-Lästermaul Jay Leno etwa apostrophierte den Kirchenfürsten als "Cardinal above the Law".

Die Kirchenkrise hat sich mittlerweile weit über Boston und Neuengland hinaus verbreitet: fast überall im Land werden neue Fälle bekannt, die gesamte katholische Kirche der USA steht am Pranger und auf dem Prüfstand. So viele Schlagzeilen wie in diesen Wochen hatte die Kirche des Landes kaum je zuvor. Bischöfe entschuldigen sich reihum und geloben - wie der zitierte Bischof Angell in Vermont - Härte gegenüber dem Klerus.

Doch die Affären erhalten weitere, tragische Facetten: In Baltimore verletzte ein 26-Jähriger einen suspendierten Geistlichen, der ihn missbraucht haben soll, durch Schüsse lebensgefährlich. Und ein 64-jähriger Geistlicher aus Connecticut, der Ende April wegen Missbrauchsvorwürfen suspendiert worden war, erhängte sich in der psychiatrischen Einrichtung der Kirche, in die er gebracht wurde.