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Bischof Michael Bünker: "Ich bin ja auch katholisch!"

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 1. Jänner ist er nicht mehr FURCHE-Kolumnist. Dafür aber Österreichs evangelischer Bischof A.B. Zum Abschied und - vor allem - zum Aufbruch in sein neues Amt erzählt Michael Bünker übers Spannende am Evangelisch-Sein, das Verhältnis zu Muslimen und dass er - laut Glaubensbekenntnis - "katholisch" ist, wenn auch "in evangelischer Ausprägung".

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 1. Jänner ist er nicht mehr FURCHE-Kolumnist. Dafür aber Österreichs evangelischer Bischof A.B. Zum Abschied und - vor allem - zum Aufbruch in sein neues Amt erzählt Michael Bünker übers Spannende am Evangelisch-Sein, das Verhältnis zu Muslimen und dass er - laut Glaubensbekenntnis - "katholisch" ist, wenn auch "in evangelischer Ausprägung".

DIE FURCHE: Herr Bischof, was können Evangelische in diese Gesellschaft einbringen?

Michael Bünker: Was Evangelische von ihrem Ursprung her einbringen können, ist der große Wert des Einzelnen, der im Ursprungsmythos des Protestantismus gründet: "Hier stehe ich und kann nicht anders", wie es Martin Luther auf dem Reichstag von Worms gesagt hat, und in der Ursprungssituation des Protestantismus überhaupt - Reichstag von Speyer, wo es heißt: in Sachen der Seligkeit der Seele und der Ehre Gottes kann sich niemand vertreten lassen. Auf der einen Seite also die starke Betonung von Selbständigkeit und Autonomie, die Freiheit eines Christenmenschen, auf der anderen Seite ist das auch eine Verpflichtung: Man muss die Menschen in die Lage versetzen, dass sie auch wissen, in welchen Dingen sich sich selber nicht vertreten lassen können. Das ist der Bildungsauftrag, der im Protestantismus stark wahrgenommen wurde - das Lesen in der Heiligen Schrift, keine Zensur, es ist immer die ganze Heilige Schrift, die dem Menschen in die Hand gegeben wird.

DIE FURCHE: Damit hat man ja immer den Protestantismus verbunden.

Bünker: Das waren die, die lesen konnten! Im Österreich des 18. Jahrhunderts waren die immer verdächtig: Wenn jemand lesen konnte, hat man gewusst, das ist wahrscheinlich einer von den Ketzern. Es gab im 19. Jahrhundert einen katholischen Bischof, der meinte, man solle doch die Schulpflicht überdenken, denn die Menschen läsen ja doch nur schädliches Zeug.

DIE FURCHE: Soweit Ihre Gründungsidee. Aber was heißt das heute?

Bünker: Das bedeutet für die evangelische Frömmigkeit und Tradition heute, dass der Selbststand des Einzelnen ganz besonders wichtig ist. Ebenso wichtig ist das Priestertum aller Gläubigen, also die grundsätzlich flache Hierarchie in den evangelischen Kirchen: Es gibt keine wesensmäßige Unterscheidung des Volkes von den Pfarrern durch die Ordination, es gibt keine zusätzliche geistliche Ausstattung von übergemeindlichen kirchlichen Leitungsfunktionen, der Bischof wird in sein Amt eingeführt als erster Pfarrer der Kirche, es gibt keine Bischofsweihe, die ihn oder sie herausheben würde. Auf der anderen Seite bedeutet das auch, dass es in der evangelischen Kirche unterschiedliche Meinungen gibt - stärker als in an- deren Kirchen. Für heute bedeutet das eine kritische Einstellung gegenüber einem rückwärts gewandten, stark auf Numinoses, auf Mythen gegründeten Verständnis von Religion. Und ein positives Verhältnis zur Moderne, zur Aufklärung, zu den Menschenrechten.

DIE FURCHE: Der Zeitgeist geht in eine andere Richtung. Wirtschafts- und Mediensystem sagen: klare Strukturen, klar sichtbare Personen, die eine Botschaft repräsentieren - das alles läuft ja Ihrem evangelischen Ideal zuwider.

Bünker: Manche meinen ja: Hätten die Evangelischen nicht auch gern einen Papst? Es hat keinen Sinn, die Realität der Mediengesellschaft zu leugnen. Aber für die evangelischen Kirchen ist es schon auf der gesamteuropäischen Ebene nicht möglich, einfach als Organisation aufzutreten mit einem Gesicht, mit einer Person, die das leitet. Das heißt aber nicht, dass sich nicht doch unsere Prägekraft auch auf diese Ebene auswirkt. Ich bin auch nicht sicher, ob der Zeitgeist hier das letzte Wort hat.

DIE FURCHE: Aber bleiben in der medial so verfassten Gesellschaft evangelische Positionen nicht auf der Strecke?

Bünker: Ich sehe das sogar umgekehrt: Natürlich ist in der Medienwirksamkeit die katholische Position, die mit dem Apparat wie der Weltkirche auftreten kann, wesentlich wirksamer als das, was an evangelischer Stimme kommt. Aber in der Realität der ethischen Urteilsbildung etwa muss man sich fragen, warum wird das nicht umgesetzt? Es stellt sich die Frage, wie umsetzungsfreundlich, wie politikfähig ist das, was hier als Position der Kirche vertreten wird? Ist da nicht die differenzierte Herangehensweise, die für den Protestantismus "typischer" ist, vielleicht doch andockfähiger? Ich habe den Eindruck, dass in vielen Fragen der Ethik die evangelischen Positionen letztlich realisiert werden, ohne dass sie noch die Punzierung "evangelisch" tragen.

DIE FURCHE: Sie haben also auf der einen Seite die "Medienmacht" katholische Kirche, aber auf der anderen Seite einer Bewegung freikirchlicher Provenienz, die auch dem klassischer Protestantismus entgegensteht.

Bünker: Das ist ein zweiter Strang: Für den ist Protestantismus der auslegende Um- gang mit den eigenen Grundlagen, mit der Heiligen Schrift typisch, also der Zwang zur Interpretation - vor allem mit der historisch-kritischen Methode. Ich bin der festen Überzeugung, es täte jeder Religion gut, würde sie eine gewisse historische Distanz zu ihren eigenen Grundlagen entwickeln. Das verhindert auf jeden Fall die Gefahr des Fundamentalismus. Wenn es etwas im Protestantismus gibt, das den eigenen Grundsätzen widerspricht, ist es der Fundamentalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entstanden ist. Die Treue zum Evangelium und die Verlässlichkeit der Heiligen Schrift wird da in Buchstabenglauben verkehrt.

DIE FURCHE: In den evangelischen Kirchen gibt es Probleme mit diesen Gruppierungen.

Bünker: Man kann diese Haltungen und Traditionen nicht nur für meine Kirche reklamieren.Über die historisch-kritische Methode sind sich katholische wie evangelische Exegetinnen und Exegeten weitgehend einig. Und umgekehrt: Die interne Auseinandersetzung mit charismatischen, freikirchlichen, fundamentalisierenden Gruppierungen hat die katholische Kirche genauso wie die evangelische - in unterschiedlicher Form. Für uns Evangelische ist ja interessant - das ist ja in der letzten Zulehner-Studie 2001 deutlich geworden -, dass die Evangelischen in den Toleranzgemeinden kirchlicher sind als die kirchlichsten Katholiken, mit einer geringeren Austrittsneigung ihrer eigenen Kirche gegenüberstehen als die kirchentreuesten Katholiken. Auf der anderen Seite sind die Evangelischen in den Großstädten, speziell in Wien, ganz unkirchlich mit einer hohen Austrittsneigung. Hier haben sie sich weiter von ihrer Kirche entfernt als unkirchliche Katholiken. Das wäre noch nicht ein Problem, wenn es zwischen diesen beiden Brennpunkten eine starke Mehrheit gäbe, die so etwas wie eine Mitte ausmachen würde. Doch die ist bei uns relativ dünn.

DIE FURCHE: Ein Thema, wo das beispielhaft zutage tritt, ist die Frage der Bewertung der Homosexualität.

Bünker: Ja. In der Frage der öffentlichen Segnung homosexueller Paare gibt es in der lutherischen Kirche in Österreich derzeit keinen Konsens. Und eine Mehrheitsentscheidung so oder so würde zu einem Schaden für die Kirche werden.

DIE FURCHE: Wie demokratisch ist das alles?

Bünker: Die evangelische Kirche ist zu Recht stolz darauf, dass ihre Funktionsträgerinnen und -träger gewählt werden. Da gibt es unterschiedliche Mehrheitsanforderungen. In Lehrfragen braucht es aber den Großen Konsens. Wenn man die Frage der kirchlichen Segnung homosexueller Paare aufgrund des biblischen Zeugnisses und anderer Überlegungen in die Nähe einer Lehrfrage rückt, dann ist eine Entscheidung mit 51 zu 49 Prozent sicher nicht angemessen, so sehr eine solche Mehrheit in anderen Fragen vollkommen ausreichend ist.

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