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Brücken und Baracken bauen

Zwischen Hausgeburt und Hundewiesenpastoral: Drei Jahrzehnte lang hat die passionierte Pastoralassistentin Maria "Tabsi“ Oberhauser im Sozialzentrum Wien-Schwechat gearbeitet. Nun führt sie ihr sozialverträgliches Christentum im Unruhestand fort.

Keine Angst: Unser original griechischer Plastiksackerl-Hund beißt nicht“, sagt Maria Oberhauser. Hündin Leni, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Franz vor Jahren bei einem Griechenland-Urlaub aus der Mülltonne gerettet hat, kommt lautstark ihrer Aufgabe als Bewacherin des Schwechater Pfarr-Areals nach. Menschen aus 50 Nationen leben hier am Zirkelweg Nummer fünf, und dem überwiegenden Teil unter ihnen blieb die Butterseite des Lebens bislang verborgen. Wer auch immer aus nah und fern nicht mehr weiter weiß, wird hier aufgefangen: Asylwerbende, allein gelassene Schwangere, Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Rund 90 Menschen aus Georgien, Kambodscha, Vietnam oder Österreich wohnen hier im Sozialzentrum Schwechat.

Unter ihnen seit 1982 auch die Oberhausers. Er, studierter Germanist, gibt Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten. Sie, geborene Tabernig und für die meisten hier einfach "die Tabsi“, packt an, wo es nötig ist: Sie feiert Frauenliturgien, leitet Begräbnisse, hilft Kindern ins Leben. "Eine Entbindung war sogar am Küchenboden. Weil alles so schnell ging“, erzählt sie. Rasch gehen muss es oft - etwa dann, wenn die Polizei mit Negativbescheiden vor der Tür steht. Auffangen heißt es dann, zuhören und sich gemeinsam der Trauer stellen.

Als ihr selbst die Gebärmutter entfernt werden muss, durchlebt sie ein solches Verlust-Erlebnis am eigenen Leib. "Wie geht es dann erst Frauen, die ein Kind verloren haben“, fragt sich Tabsi Oberhauser und errichtet am Areal des Schwechater Waldfriedhofs eine für Trauernde jeglicher Glaubensrichtung zugängliche Gedenkstätte. Dort, unter einer vom Schwechater Künstler Karl Sukopp gestalteten Gedenktafel, darf der Verlust von Kindern beweint werden, denen nicht erlaubt war, zur Welt zu kommen. Nicht immer bedarf es vieler Worte in der Pastoral.

Unbedingter Ungehorsam

Und auch nicht immer wird Caritas innerhalb von Kirchenräumen geübt. Marias "Hundewiesenpastoral“ etwa sei beim täglichen Äußerln ihrer Leni entstanden, erzählt Tabsi. Den Nächsten die gute Nachricht zu überbringen sei schließlich überall möglich. Ob das auch die Institution als solche schaffe, lässt sie offen. Gerade den Frauen verwehre die Kirche so einiges. Beispielsweise das Priesteramt, obwohl sich manche gemäß Marias Lieblingsstelle im Lukas-Evangelium dazu berufen fühlen, "die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen“. Ebenso wenig nachvollziehen kann Tabsi die Vorbehalte der Amtskirche gegen die Pfarrer-Initiative von Helmut Schüller. Den Ungehorsam brauche es - allein schon als Kampagnen-Titel. "Ich stehe ganz hinter der Initiative und auch zum Wort ‚Ungehorsam‘. Ohne dieses Wort wäre das ganze Anliegen schon längst vergessen.“ Eine ungemein positive Kraft stecke darin, sie würde aufzeigen, "dass wir Christen auf der Seite derer stehen müssen, die ansonsten ausgegrenzt werden: Menschen in zweiter Ehe, Frauen, Homosexuelle“. Bei ihnen will Maria Oberhauser sein, "dort, wo das Leben passiert“, und nicht gefangen hinter den dicken Mauern einer Institution. Selbst der Weg ihrer in Südafrika lebenden Schwester, die heuer ihr fünfzigjähriges Ordensjubiläum bei den Wernberger Schwestern feiert, sei nichts für sie. Als knapp Zwanzigjährige war sie selbst für einige Jahre Mitglied eines Säkularinstituts in Vorarlberg und hat dabei die Ordensprinzipien der Ehelosigkeit und des Gehorsams kennengelernt.

Die Armut war ihr damals schon vertraut: 1948 in Lienz als Jüngste von fünf Geschwistern geboren, lebt sie in ihrer Kindheit unter ärmlichsten Verhältnissen. "Siebzehn Jahre habe ich in Baracken verbracht, dreizehn davon in Holzbaracken.“ Der Mangel am Notwendigsten wird begleitet von ständigem Elternzwist. Die an Muter und Vater gerichtete Bitte der Zwölfjährigen, sich scheiden zu lassen, bleibt unerhört. "Meine Kindheit war schon verrückt. Der Vater tiefroter Gewerkschafter, die Mutter tiefgläubige Katholikin“, meint sie lächelnd. So ein rot-schwarz-gemischtes Elternhaus hat im Osttirol der späten 1950er-Jahre verstört. Das Rote-Falken-Vorzeigekind Maria muss seine Jungschar-Mitgliedschaft geheimhalten - ebenso die Lektüre des "christlich-sozialen“ Osttiroler Boten. "Das war eine Christenverfolgung im Kleinen“, meint sie rückblickend. Dabei sei ihr Elternhaus genau beides gewesen: christlich und sozial.

Engagement und Spiritualität

Der Wunsch, das gesellschaftspolitische Engagement ihres Vaters mit der Spiritualität der Mutter in Einklang zu bringen, hat Maria "Tabsi“ Oberhauser bis 2009 auch in der "Asyl-Pfarre“ Schwechat tätig werden lassen. Drei Jahrzehnte lang hilft sie mit, Brücken zwischen Köpfen und Herzen zu bauen, und während des Jugoslawien-Krieges errichtet sie sogar eigenhändig eine Flüchtlings-Unterkunft. "Als Kind habe ich selbst in einer Baracke gelebt“, sagt sie beim Äußerlführen ihrer Leni. "Vielleicht wollte ich deshalb eine für andere bauen.“

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