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Christen in der Zivilgesellschaft

Die evangelischen Kirchen Österreichs bestimmen ihr Verhältnis zur Demokratie. Eine Ringvorlesung an der Evangelischen Fakultät in Wien hilft bei dieser Standortsuche.

Im April 2000 hat die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien angeregt, im Bereich des österreichischen Protestantismus das Verhältnis von Kirche und Demokratie zu bearbeiten. Seitens der Evangelischen Kirchen in Österreich wurde die Anregung aufgegriffen und ein zweijähriger intensiver Synodaler Studienprozess in Gemeinden, Bildungseinrichtungen und kirchlichen Gremien initiiert. An dessen Ende wird sich im Oktober 2002 das höchste kirchliche Gremium, die Generalsynode A. u. H.B., damit befassen und ein Wort dazu verabschieden.

Im Rahmen dieses Studien- und Diskussionsprozesses steht auch die Ringvorlesung der Evangelisch-Theologischen Fakultät zum Thema "Kirche - Demokratie - Öffentlichkeit", die im Wintersemester 2001/02 stattfindet und am 29. Oktober beginnt.

W. Dantine, P. Potter

Es trifft sich gut, dass mit Wilhelm Dantine (Professor für Systematische Theologie an der Fakultät, 1963-81) und Philip Potter (Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, 1972-84) seitens der Universität Wien zur gleichen Zeit zwei evangelische Theologen von internationalem Rang geehrt werden, die auch aufrechte Demokraten waren.

Mit seiner Tätigkeit in der Evangelisch-Theologischen Fakultät verband Dantine zahlreiche Aktivitäten, die ihn zu Lebzeiten und darüber hinaus zum bekanntesten evangelischen Theologen in Österreich gemacht haben. Aus theologischer Verantwortung engagierte er sich an politisch, wobei die Gesprächsoffenheit nach allen Seiten für ihn unabdingbar war. Dantine gilt als der renommierteste Wissenschaftler, den die Fakultät im gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert hatte, und der auch in der Ökumene und im internationalen Bereich große Anerkennung fand.

Philip Potter war über viele Jahre in einer Reihe von leitenden Positionen im Bereich ökumenischer Institutionen tätig. Sein Name ist verbunden mit dem Kampf gegen den Rassismus jedweder Spielart, dem Einsatz für die Menschenrechte und für Gerechtigkeit, vor allem in der Dritten Welt. Dazu gehört auch sein Eintreten für die Religionsfreiheit.

Am 29. Oktober um 16 Uhr wird für Wilhelm Dantine im Arkadenhof der Universität Wien eine Büste enthüllt. Am 30. Oktober um 10 Uhr wird Philip Potter das Ehrendoktorat der Universität Wien verliehen.

Seit VP/FP-Koalition

Die politische Entwicklung in Österreich seit Bildung der ÖVP/FPÖ-Koalition und die durch sie ausgelösten innerkirchlichen Kontroversen sind nur der Anlassfall, um eine längst überfällige Grundsatzdebatte über das Verhältnis von Kirche und Politik, Kirche und Demokratie zu führen. Die immer wieder bemühte Formel von der freien Kirche im freien Staat ist keine zureichende Antwort auf die Herausforderungen, vor denen Kirche und Politik heute in Österreich stehen.

Die Dualität von Kirche und Staat ist durch die Pluralität einer Vielzahl von Institutionen und Interessenvertretungen abgelöst, zu denen zum Beispiel die Parteien, die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände gehören. Darüber hinaus entsteht eine vielschichtige Zivilgesellschaft, die einen neuen und erweiterten Politikbegriff erforderlich macht.

"Zivilgesellschaft" - gelegentlich wird auch der Begriff der Bürgergesellschaft verwendet - ist die Übersetzung des englischen "civil society". In normativer Hinsicht meint der Begriff die freie, assoziative, öffentliche und politische Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Mitglieder der Gesellschaft in Angelegenheiten, die alle betreffen.

Halt der Gesellschaft

Die Zivilgesellschaft ist weder mit der Demokratie noch mit der Gesellschaft insgesamt gleichzusetzen, sondern meint ein bestimmtes Element von Demokratie und einen konkreten Modus von Vergesellschaftung, wobei die Bürgerinnen und Bürger nicht als "Bourgeois", sondern als "Citoyen" mit ihren bürgerlichen Freiheitsrechten, ihren politischen Teilhaberechten und ihren sozialen Rechten in Erscheinung treten.

Die bisherige Diskussion über Begriff und Konzeptionen der Zivilgesellschaft zeigt allerdings, dass diese keine Alternative zu staatlichen oder rechtlichen Institutionen darstellt, sondern nur innerhalb einer politischen Verfassung und ihrer Institutionen ein sinnvolles Konzept sein kann. Voraussetzung des politischen Pluralismus ist nicht ein Konsens aller Mitglieder des Gemeinwesens und seiner verschiedenen Organisationen und Institutionen über die inhaltlichen Ziele der Politik und moralische Werte, sondern die Anerkennung der politischen Ordnung und der Verfahrensregeln politischer Diskurse und Entscheidungsprozesse.

Umstritten ist freilich, inwiefern eine diskursethische Begründung des Politischen oder ein "Verfassungspatriotismus" (Jürgen Habermas) für den Zusammenhalt der Gesellschaft ausreicht. Nach einer oft zitier- ten Formulierung des deutschen Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenfördes lebt der "freiheitliche, säkularisierte" - und das heißt eben pluralistisch verfasste - Staat "von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Als freiheitlicher Staat kann er, wie Böckenförde ausführt, nur bestehen, "wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert", ohne diese Regulierungskräfte durch rechtliche Sanktionen erzwingen zu können.

Böckenförde deutet die Situation des modernen Staates freilich noch mittels des Säkularisierungsbegriffs und unterstellt eine Homogenität, die stillschweigend aus der mehrheitlichen Zugehörigkeit der Bürgerinnen und Bürger zum Christentum abgeleitet wird. Doch eben dies versteht sich in der multikulturellen und multireligiösen Situation heutiger Gesellschaften nicht mehr von selbst, wie zum Beispiel die Diskussion in Deutschland um den Begriff einer Leitkultur oder die akute Furcht vor einem "clash of civilizations" (Samuel Huntington) zeigt.

Ob die pluralistische Demokratie oder auch das Konzept einer Zivilgesellschaft in jedem Fall auf irgendeine Form von Religion, das heißt eine Form der "Zivilreligion" angewiesen bleibt, ist aber umstritten.

Kirchen - öffentlich

Es fragt sich auch, welche Stellung das in sich plurale Christentum in dieser anderen Moderne und ihrer pluralistischen Gesellschaft einnimmt und einnehmen soll. Die Antworten hierauf fallen nicht nur zwischen den unterschiedlichen Konfessionen, sondern auch innerhalb derselben und ebenso innerhalb der verschiedenen theologischen Traditionen und Richtungen naturgemäß unterschiedlich aus. In Österreich steht die Diskussion über die öffentliche Rolle der Kirchen in der Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Weiterentwicklung der Demokratie noch ganz am Beginn. Zu den spezifischen Aufgaben der österreichischen Kirchen gehört nach wie vor die selbstkritische Aufarbeitung der innerkirchlichen Geschehnisse in der Zeit der Ersten Republik, des Ständestaates und des Nationalsozialismus. Auch sie ist noch längst nicht abgeschlossen. Die Ringvorlesung befasst sich nicht nur mit den anstehenden Fragen einer politischen Ethik, sondern auch mit dem theologischen Verständnis von Kirche in einer pluralistischen Welt.

Der Autor ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie an Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Ringvorlesung: Kirche - Demokratie - Öffentlichkeit

30. Oktober, 10 Uhr c.t., Großer Festsaal der Universität Wien

Philip Potter, langjähriger Generalsekretär des Weltkirchenrates:

Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt

6. November, 19 Uhr c.t., Kleiner Festsaal der Universität Wien

Eric Hultsch, Wien:

Wilhelm Dantine - Ein österreichischer Protestant

13. November, 19 Uhr c.t., Kleiner Festsaal der Universität Wien

Erika Weinzierl, Wien:

Die Kirchen und die Demokratie in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg

20. November, 19 Uhr c.t., Kleiner Festsaal der Universität Wien

Ishmael Noko, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes:

Human Rights in the Context of Globalization

20. November, 19 Uhr c.t., Kleiner Festsaal der Universität Wien

Ulrich H. J. Körtner, Wien:

Kirche, Demokratie und Zivilgesellschaft. Zur politischen Ethik im modernen Pluralismus

Information: Dekanat der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

1090 Wien, Rooseveltplatz 10

Tel. 01/4277-32702

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