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Christus! Freiheit! Österreich!

Vor 60 Jahren wurde der Wiener Priester und Widerstandskämpfer Heinrich Maier hingerichtet. Er war das letzte (Todes-)Opfer der NS-Justiz im Wiener Landesgericht.

Als ich den Gersthofer Kaplan Maier am 22. März 1945 zum Tode begleitete, las ich ihm Römer 8,35-39 vor. Schritt für Schritt näherten wir uns der berüchtigten schwarzen Eisentür, hinter der das Fallbeil auf seine blutige Dienstverrichtung wartete." So berichtet Gefangenenseelsorger Hans Rieger über die letzten Augenblicke im Leben Heinrich Maiers. Maier sollte das letzte Opfer der ns-Justiz im Wiener Landesgericht vor der Befreiung durch die Sowjetarmee sein. Mit deutlich vernehmbarer Stimme ruft er noch: "Es lebe Christus, der König! Es lebe die Freiheit! Es lebe Österreich!" Der Wärter schlägt ihm mit den Schlüsselbund auf den Kopf und sagt: "Schon wieder einer, der die Gosch'n nicht halten kann." Um 18 Uhr 40 stirbt der Priester, gerade 37 Jahre alt ist er geworden.

Erinnerung mit Kanten

"Wir möchten Heinrich Maier mit allen Ecken und Kanten in Erinnerung rufen", so Pfarrer Norbert Rodt von Gersthof. Weil es sehr wenige schriftliche Quellen zum Leben von Heinrich Maier gibt, hat die Pfarre Gersthof in Wien-Währing den Zeithistoriker Gerhard Jagschitz mit dem Projekt "Echolotung" - ein Sammeln und Auswerten von Dokumenten - beauftragt. Vieles im Leben des einstigen Gersthofer Kaplans liegt noch im Nebel: Es gibt zwar einige Bücher über Heinrich Maier, "aber da merkt man, dass jeder vom anderen abschreibt", so Jagschitz. Vieles ist in Erzählungen erhalten, doch niemand habe sich die Mühe gemacht, die Zeitzeugen zu befragen. "Für mich ist nicht klar, wie katholisch sein Widerstand überhaupt war", so Jagschitz weiter. "Ich werde nicht dabei mitmachen, wenn die Pfarre einen Heiligen oder Märtyrer braucht. Die Zivilcourage des Menschen wird dadurch völlig entrückt." Wer war dieser Mensch Heinrich Maier? "Er war nicht als Seelsorger im Widerstand, sondern war amerikanischer Spion": So sieht es etwa Michael Cencig, Regisseur der orf-Sendung "Feierabend" über den Priester, die am Karfreitag ausgestrahlt wird (siehe Tipp unten). Was hat Maier dazu bewogen, aktiv gegen das Nazi-Regime zu kämpfen?

Als am 12. März 1938 der gewaltsame, aber auch euphorisch gefeierte "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich erfolgte, war Heinrich Maier bereits zweieinhalb Jahre in der Pfarre Gersthof-St.Leopold tätig. Mit ihm kam ein frischer Wind in die Pfarrgemeinde: Er spielte Fußball, war für seine Scherze und für seine "Blitzpredigten" bekannt. Besonders bei den Jugendlichen war er beliebt, für die er immer ein offenes Ohr hatte. Weggefährten, wie der nachmalige Wiener Kirchengeschichtsordinarius Franz Loidl, beschreiben ihn als sehr aufgeschlossen und liberal. Doch er war auch für seinen hinreichenden Radikalismus beim Vorgehen gegen Widersacher seiner Weltanschauung bekannt. Aus diesem Ideal eines politischen Katholizismus ist wohl auch sein späterer Kampf gegen den Nationalsozialismus zu erklären.

"Die Figur Heinrich Meier zeigt, in welchem Spannungsfeld sich die katholische Kirche gegenüber Hitler befand", so Jagschitz: Zunächst hatten die Bischöfe in ihrer Erklärung im März 1938 den "Anschluss" begrüßt, aber die schon bald danach einsetzende Unterdrückung führte zu einem Umdenken. Unter anderem wurde das Vermögen von katholischen Vereinen beschlagnahmt, katholische Presseorgane wurden eingeschränkt oder völlig geschlossen und der Religionsunterricht in Schulen wurde verboten, eine Maßnahme, die direkt auch Heinrich Maier betraf.

Die Anpassungspolitik der Kirche gegenüber dem ns-Regime fand mit dem Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 endgültig ihr Ende. Der Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann spricht sogar von einem "zündenden Funken" für den katholisch-kirchlichen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Mehr als 7000 junge Menschen kamen zum Gottesdienst in den Stephansdom und hörten die Worte von Kardinal Innitzer: "Christus ist unser Führer." Danach versammelte sich die Masse auf dem Platz vor dem Dom und skandierte "Ein Volk, ein Reich, ein Bischof". Die Antwort der Nazis auf diese eindrucksvolle Demonstration blieb nicht aus: Das Erzbischöfliche Palais wurde am nächsten Tag von Angehörigen der Hitler-Jugend verwüstet.

Trotzdem folgerten die Bischöfe aus ihrer Ablehnung gegenüber der Nazi-Ideologie nicht, "dass der Katholik zum aktiven Widerstand gegen das ns-Regime berechtigt oder gar verpflichtet sei", so Liebmann. Die Priester sollten sich rein seelsorgerisch und nicht politisch betätigen. Für Heinrich Maier war diese Haltung aber entschieden zu wenig. Er war überzeugt, dass das auf Brutalität und Militärmacht aufgebaute nationalsozialistische System nur gewaltsam und militärisch überwunden werden kann.

Widerstandsgruppe ab 1940

Ab Sommer 1940 begann er mit dem Aufbau einer Widerstandsgruppe. Mit dabei war ein ebenfalls entschiedener Nazi-Gegner: Franz Josef Messner, Generaldirektor der Semperit ag. Die Alliierten sollten mit Informationen über die militärische Lage und über die Rüstungsbetriebe versorgt werden, damit diese ihre Luftangriffe gezielt durchführen konnten und die Zivilbevölkerung verschont blieb. Messner verfügte über einen brasilianischen Pass und durfte als "Geschäftsreisender" unbehelligt ins Ausland fahren. In der Schweiz kam der Kontakt zwischen dem us-Nachrichtendienst und der Maier-Messner-Gruppe zustande. Auch die damals bekannte Konzertpianistin Barbara Issakides war als Informantin tätig.

"Über die ideologischen Inhalte der Gruppe ist wenig bekannt", konstatiert Zeithistoriker Gerhard Jagschitz. In einem 1942 - also noch vor der Moskauer Deklaration - verfassten Programm ist die Rede von einem größeren Verband, in dem Österreich nur ein Teil davon wäre. In diesem Umfeld gab es auch die monarchistische Gruppe rund um den Tiroler Walter Caldonazzi, den Heinrich Maier im Sommer 1943 kennen lernte, und die Flugblätter verfasste, um die Bevölkerung über den wahren Kriegsverlauf aufzuklären, oder Fieber erzeugende Mittel an Wehrmachtssoldaten verteilte, um sie vor der Front zu bewahren.

Ein Doppelagent wurde jedoch zum Stolperstein für die Widerstandskämpfer. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Pfarrgemeinde am 28. März 1944 die Tatsache: Heute früh nach der heiligen Messe, wurde unser Kaplan DDr. Heinrich Maier in der Sakristei von der Gestapo verhaftet", heißt es in der Gersthofer Pfarrchronik. Im Oktober desselben Jahres wurde er mit anderen Weggefährten zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde nicht sofort vollstreckt, sondern Maier und Messner kamen ins kz Mauthausen. Durch Folterungen sollte der Priester weitere Beteiligte verraten. Doch er schwieg. Ein Gnadengesuch von Kardinal Innitzer landete im Papierkorb. Am letzten Hinrichtungstag im Wiener Landesgericht wird Maier geköpft. Wenige Tage später marschierte die Sowjetarmee in die Stadt ein.

Gewissens-Vorbild

Der Gersthofer Pfarrer Norbert Rodt steht vor einer aufrecht stehenden, kopflosen Statue. Der Eckstein des Granit-Sockels aus dem kz Mauthausen und die Streifen am linken Unterarm erinnern an die Qualen im Todeslager. "Der kopflose Rufer" in der Pfarrkirche St. Leopold befindet sich einer Nische direkt im Anschluss an die 14 Kreuzwegstationen als Symbol für den Leidensweg des Kaplans. Die Arme sind abgewinkelt und die Hände in einer Position, wie sie üblicherweise zum Rufen gehalten werden. Heinrich Maier - ein Mahner für die Gegenwart: "Sie haben die Bibel und das Gewissen. Das genügt!", zitiert Pfarrer Rodt einen Satz von Kardinal König: Das Gewissen als letzte Urteilsinstanz für mündige Bürger, das sei das Vermächtnis von Heinrich Maier. "Auch ich prüfe immer wieder mein Gewissen", so Rodt, wenn er sich auch in seiner Kirche mit unbequemen Fragen - er nennt den Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten - auseinandersetzt.

TV-TIPP:

Feierabend - Glaube und Widerstand Film von Michael Cencig über den Priester und Widerständler DDr. Heinrich Maier.

Freitag, 25. März, 19.55, ORF 2

GEDENKEN in Gersthof:

* DDr. Heinrich Maier-Kreuzweg

Pfarrkirche Gersthof, 1180 Wien, Bischof Faber-Platz 8

Karfreitag, 25.März, 15.00

* Gedenkmesse

Pfarrkirche Gersthof, 1180 Wien, Bischof Faber-Platz 8 Ostermontag, 28.März, 9.15

* anschließend: Osterpfad zum Grab Heinrich Maiers in Neustift, zum ehemaligen Bunker des Gauleiters Baldur von Schirach und zur Gedenkstätte "Am Spiegelgrund" im Otto-Wagner-Spital.

Informationen: www.pfarregersthof.at

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