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"Da waren wir schmähstad"

Sie wollten endlich Kinder - und bekamen gleich vier: Über ein junges Elternglück en masse.

Das Wunder ereignet sich am Morgen des 21. Juni 2005 - und hat vier klingende Namen: Valerie (9 Uhr 16), Lorenz (9 Uhr 17), Florian (9 Uhr 18) und Sophie (9 Uhr 19). Schon tags davor hat man auf der Geburtenstation des Wiener AKH für die logistische Herausforderung trainiert. Eine Aufnahmesperre für ganz Ostösterreich wird für diesen Dienstag verhängt, vier der zwölf Brutkästen werden reserviert. Am Ende drängen sich vier Kinderärzte, vier Frauenärzte, vier Hebammen und einige Krankenschwestern im Kreißsaal, als Susanne Beham-Haider und Bernhard Haider binnen drei Minuten Eltern von vier Kindern werden: zwei Mädchen und zwei Buben - und alle wohlauf. "Die Leute im AKH haben gesagt, dass das die ersten Vierlinge seit 30, 40 Jahren sind, die alle gesund sind", erinnert sich die Mehrfach-Mutter an jenen Tag, der ihr Leben verändern wird.

Heute, knapp neun Monate später, ist im Hause Haider fast schon Routine eingekehrt. "Bei Vierlingen kann man sich einfach kein Chaos mehr leisten", lacht die 37-Jährige in ihrer Erdgeschoß-Wohnung in Wien-Liesing, während sie ihren Blick über die Krabbeldecke am Boden schweifen lässt. Auf dieser kollert ihr vierfaches Glück herum: Valerie, die bei der Geburt stolze 1,74 Kilo auf die Waage brachte; Lorenz, der Zweite, der gerade an einem gelben Plastikbecher kaut; Florian, der nur knapp ein Kilo wog, als er geboren wurde; und die quirlige Sophie, die keinem eine Pause gönnt. "Die war schon im Bauch die wildeste Henne", meint ihre Mutter mit einem gequälten Schmunzeln. "Immer um fünf Uhr früh ist sie aktiv geworden. Erst wenn ich unter der Dusche war, hat sie sich beruhigt."

Strenges Regiment

Gemessen an den damaligen Verhältnissen geht es heute bei Haiders fast gemütlich zu - dank eines strengen Tagesablaufs: Pünktlich um sechs Uhr früh stehen die Buben mit dem Vater auf, der auch die Fläschchen richtet. "Ich gönne mir da noch ein paar Minuten Schlaf", gesteht die gebürtige Oberösterreicherin. Ab acht Uhr, wenn der Unternehmensberater das Haus verlassen hat, ist sie ohnedies im Großeinsatz - gemeinsam mit zwei Au-Pairs, die sie abwechselnd oder gemeinsam beim Windelwechseln, Füttern, Baden, Spielen, Einkaufen und Spazierengehen unterstützen. An diesem Karfreitag hält nur ein Au-Pair-Mädchen - Rymma, eine junge Lehrerin aus der Ukraine - Wache bei der Krabbeldecke. Schließlich hat Vater Bernhard Haider heute ausnahmsweise frei. "Jetzt gleich, um elf Uhr, ist die Fütterung", erklärt der 39-Jährige, während Sophie schon zu krähen beginnt. 80 Hipp-Gläser werden wöchentlich verabreicht, daneben Fläschchen und Obst. Nach dem Essen wird wie immer geschlafen - und danach zwei Stunden mit zwei Zwillingskinderwägen herumspaziert. Kiebitze garantiert. "Um sieben Uhr beginnt dann die Badeprozedur", meint Mama Haider. "Und um acht liegen alle im Bett."

Eine organisatorische Meisterleistung - und die einzige Chance, ein Leben mit Vierlingen zu meistern. Wobei die Haiders nicht die einzigen Betroffenen sind: In Österreich kommen binnen drei Jahren durchschnittlich zweimal Vierlinge zur Welt. Zusätzlich werden unter den knapp 80.000 jährlichen Geburten rund 30 Drillings-und 1100 Zwillings-Geburten verzeichnet. "Durch die Reproduktionsmedizin nimmt die Zahl der höhergradigen Mehrlingsgeburten sicher zu", erklärt Elisabeth Krampl, Leiterin der Mehrlingsambulanz am Wiener AKH.

Auch bei Familie Haider kam es nicht auf natürlichem Weg zum multiplen Mutterglück. "Wir haben uns lange Zeit Kinder gewünscht", erzählt Susanne Beham-Haider, die selbst jahrelang als Hebamme im Einsatz war. Schließlich entscheidet sich das Ehepaar Ende 2004 für eine Hormontherapie. Erfolgschance: zehn bis 15 Prozent - inklusive Mehrlings-Risiko.

Gleich beim ersten Mal haben sie Glück: "Mitte Dezember war der Schwangerschaftstest positiv", erinnert sich die Mutter. Doch schon kurz nach Weihnachten taucht im Ultraschall ein zweiter Körper auf. Am 6. Jänner wird klar, dass es sogar Drillinge sind. Und zwei Wochen später sind es plötzlich vier. "Da waren wir dann schmähstad", erinnert sich Bernhard Haider. "Unsere Eltern haben sich schon bei den Drillingen Sorgen gemacht", ergänzt seine Frau, "deshalb haben wir ihnen vom vierten lange nichts gesagt."

Chronisch optimistisch

Tatsächlich liegt bei Vierlingen das Risiko extremer Frühgeburtlichkeit bei 100 Prozent. "Die Ärzte haben uns deshalb auch gefragt, ob wir nicht ,reduzieren' wollen", erzählt der Vater - eine Option, die für die Haiders aber nicht in Frage kommt. "Ich war mir eben bombensicher, dass alles gut geht", meint die Mutter. Statt sich Sorgen zu machen, gönnt sie sich zwei Gynäkologinnen, einen Internisten und eine Osteopathin gegen Kreuzschmerzen. Fünf Wochen lang liegt sie mit wehenhemmenden Mitteln im AKH - bis zum 21. Juni, als sie auf einen Schlag 14 der 18 zugenommenen Kilos verliert.

"Es ist eben alles eine Frage der Einstellung", lautet heute ihr Resümee über das Wagnis Vierlingsschwangerschaft. Wobei die Herausforderungen noch lange nicht zu Ende sind. Es beginnt wie so oft beim Geld: "Für die vier Kinder bekommen wir nur das zweieinhalbfache Kinderbetreuungsgeld", klagt der Vater. Tatsächlich orientiert sich diese Geldleistung nur "am jüngsten Kind". Für jedes weitere erhalten die Eltern nur die Hälfte. Insgesamt 2000 Euro an direkten monatlichen Zahlungen fließen ins Haidersche Haushaltsbudget - wobei sich allein die Mietwohnung und das Taschengeld für die Au-Pairs mit 1500 Euro zu Buche schlagen. "Ohne die beiden wäre das aber nicht zu schaffen", stellt Bernhard Haider klar. Jene 200 Stunden an Familienhilfe, die ihnen von der Stadt Wien genehmigt worden wären, seien kaum der Rede wert gewesen. "Wenn ich nicht so gut verdienen würde, könnten wir uns die Kinder nie leisten", lautet die nüchterne Finanz-Bilanz des vierfachen Familienvaters.

Und wie lautet die Conclusio der Mutter, die noch nie mit ihren Kindern die Wiener Innenstadt betreten hat? "Sicher ändert sich das Leben, aber ich vermisse nicht so viel", meint sie während der Fütterung am Wohnzimmertisch. Immerhin steht schon im Sommer eine Griechenland-Reise mit Kind, Kegel und Schwiegereltern am Programm. Und in ein paar Jahren sei auch ein Wiedereinstieg als Hebamme vorstellbar. "Aber bei Schwangeren mit nur einem Kind, die so leidend tun, bin ich dann sicher erbarmungslos."

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