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"Dafür bekommen wir nicht bezahlt"

Vor über fünfundzwanzig Jahren wurden im Rahmen einer UNESCO-Tagung in Paris Maßnahmen zur Drogenprävention diskutiert. Eine der Ideen damals war, ein "Lehrergeheimnis" in die Rechtsordnung einzuführen ähnlich dem Arztgeheimnis oder dem anderer Berufsgruppen. Wenn derzeit ein junger Mensch Vertrauen zu einem Lehrer oder einer Lehrerin hat und diesen dabei eine mögliche Straftat bekannt wird, sind sie verpflichtet, Anzeige zu erstatten, sonst machen sie sich selbst strafbar. Entweder bringen junge Menschen ihren Lehrer oder ihre Lehrerin in ein Dilemma oder sie verzichten darauf, sich ihnen anzuvertrauen. Das Lehrergeheimnis würde die Lehrenden, was viele engagierte derzeit schon sind, als Anwalt junger Menschen in unserer Rechtsordnung verankern.

Von Paris zurückgekehrt konfrontierte ich damals in Erwartung einer freudigen, positiven Reaktion die Lehrergewerkschaft mit der Idee und bekam als Antwort: "Wir als Gewerkschafter sind dagegen. Der Lehrer hat dann mehr Verantwortung, bekommt aber dafür nicht mehr gezahlt." Ich war sprachlos.

Warum ist mir nur diese so lang zurückliegende Episode wieder eingefallen, als ich dieser Tage wie viele Eltern von Kindern an einer AHS in Wien einen Brief bekam? Darin wird angekündigt, dass "ab sofort und bis auf weiteres" die Lehrenden eine Reihe von Tätigkeiten einstellen oder einschränken werden, an erster Stelle die pädagogisch bedeutsamen. Auf keinen Fall werden sie mit den jungen Menschen das Schulhaus verlassen, nicht für mehrere Tage, nicht für einen Tag, ja für keine einzige Stunde. Als Grund werden die Einsparungen bei den Lehrenden genannt, als Ziel "die Bundesregierung zum Nachdenken und Umdenken" zu veranlassen.

Wie muss die Stimmung sein, wenn man laut Brief "sich gezwungen sieht", so zu handeln? Was sagt eigentlich die Tiefenpsychologie dazu?

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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