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Dalai Lama: Sex-Despot?

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Der Buddhismusboom provoziert auch Gegenstimmen. Ein neues Buch über den Dalai Lama trägt kaum zur sachlichen Debatte bei.

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Der Buddhismusboom provoziert auch Gegenstimmen. Ein neues Buch über den Dalai Lama trägt kaum zur sachlichen Debatte bei.

Zweifellos hat der Tibetische Buddhismus eine unglaubliche Erfolgsstory zu bieten und ist derzeit eine Religion mit enormen Zuwachsraten. Der Dalai Lama hat durch seine Auftritte und Bücher große Popularität erlangt, und das Interesse am Schicksal des tibetischen Volkes erfaßte inzwischen die Weltöffentlichkeit. Doch so viel Ansehen ruft auch Gegner aller Schattierungen auf den Plan. Bereits seit einiger Zeit mehren sich Bücher und Medienberichte, die sich kritisch mit dem Tibetischen Buddhismus und der Struktur der tibetischen Gesellschaft auseinandersetzen.

Nun bringt der katholische Patmos-Verlag mit "Der Schatten des Dalai Lama" ein Buch heraus, das einen Generalangriff auf die Religion und die Person ihres Führers darstellt. Die Vorwürfe sind gewaltig: "atavistisch", "frauenfeindlich", "aggressiv", "morbid". Die zentrale These des Buches lautet, daß im Ritual des Tantrischen Buddhismus die Frau vom männlichen Tantrameister energetisch ausgebeutet wird. Der Tantrismus, eine Bewegung, die im achten Jahrhundert in Nordindien entstand, integriert die Sexualität als Teil der religiösen Praxis - im Gegensatz zum zölibatären Buddhismus.

Der fortgeschrittene Meister sucht sich eine geeignete Gefährtin, mit der er unter größter Geheimhaltung sexuelle Praktiken ausübt, die jedoch dem Ziel dienen sollen, sexuelle Begierde zu überwinden und innere Freiheit zu erlangen. Keinesfalls ist bei dieser Meditationspraxis an eine partnerschaftliche Verbindung zwischen Mann und Frau gedacht.

Doch die Autoren des vorliegenden Buches, die unter dem Pseudonym Victor und Victoria Trimondi firmieren, sehen im Tantrischen Buddhismus nur ein Ziel: die sexualmagische Ausbeutung der Frau durch den Mann, der spirituelle und weltliche Macht erlangen will. Durch den Raub der weiblichen Sexualenergie und anschließender Ausschaltung alles Weiblichen würde sich der Yogi zu einer Gottheit, einem Übermenschen erheben, der jedoch nicht wie beabsichtigt androgyn, sondern nach wie vor männlich ist.

Solches unterstellen die Autoren auch dem Dalai Lama. Dieser würde als höchster Repräsentant des Tibetischen Buddhismus durch die Ausführung des sogenannten "Kalachakra-Rituals" eine Machtfülle akkumulieren, die ihm dazu verhelfen soll, die Weltherrschaft zu erobern und eine weltweite "Buddhokratie" zu errichten. Als Argument ziehen die Autoren den Mythos vom Shambala-Reich hinzu, der die Aggressivität des Buddhismus beweisen soll. Nach diesem Mythos soll das legendäre Königreich Shambala eine schlagkräftige Armee mit Zerstörungswaffen besitzen, die die Feinde des Buddhismus in einer Endzeitschlacht besiegen wird.

Unfundierte Kritik Tatsache ist, daß die Legende von jenem verborgenen Shambala-Reich zu einer Zeit entstand, als der Buddhismus in Nordindien von eingefallenen Moslems zurückgedrängt wurde. Einen aus dieser spezifischen historischen Situation entstandenen Mythos zur Begründung der These heranzuziehen, der Dalai Lama wolle die Welt erobern, ist aber mehr als fragwürdig. Um zu beweisen, daß der Dalai Lama auch innenpolitisch ein "orientalischer Despot" sei, führen die Autoren zahlreiche Beispiele aus der älteren und jüngeren tibetischen Geschichte an.

Richtig ist, daß der Staat Tibet in seiner Vergangenheit eine feudalistische Struktur mit all ihren Schattenseiten aufwies. Die Bemühungen des Dalai Lama, im Exil demokratische Institutionen aufzubauen, werden von den Autoren als "westliche Schminke" zurückgewiesen. Daß eine Kultur, die jahrhundertelang durch die Verzahnung von Politik und Religion geprägt war, nicht binnen einer Generation in eine säkulare, aufgeklärte Gesellschaft zu verwandeln ist, wird unterschlagen.

Das Anliegen fundierter Religions- und Gesellschaftskritik machen die Autoren durch die Fülle an einseitigen, polemischen und teilweise völlig überspannten Interpretationen zunichte. Auch die Auswahl ihrer Quellen ist teilweise wissenschaftlich fragwürdig. So wird das Buch nicht zu einer sachlichen Debatte führen, sondern lediglich eine Polarisierung zwischen Tibetfreunden und Buddhismusgegnern hervorrufen.

DER SCHATTEN DES DALAI LAMA Von Victor und Victoria Trimondi. Patmos Verlag, Düsseldorf 1999. 812 Seiten, geb., öS 423,

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