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Das Ende der Bescheidenheit

Deutschland erlebte im Herbst 2014 einen Streik, der die Gemüter erregte: Der Ausstand der Lokführer-Gewerkschaft zog nicht nur chaotische Verkehrsverhältnisse nach sich sondern auch immense Kosten - und eine eigentümliche Angst: Ein ganzes Land stand still. Mobilitätsverluste legen die Nervenzentren unserer Gesellschaft frei.

1969 hielt Heinrich Böll eine Rede, in der er zu einem anderen Streik aufrief: zum Streik der Schriftsteller. Literarische Verweigerung als gesellschaftlicher Eingriff? Böll malte die Konsequenzen einer schriftlosen Gesellschaft auf Zeit aus: Einem ganzen Land geht die Sprache aus. Um alle textbezogenen Medien erweitert, lassen sich die Folgen dieses stillen Widerstands in die Gegenwart des Internetzeitalters verlängern.

Ohne den poetischen Erfindungsreichtum und die Normalitätsresistenz von Dichtern, ohne die weitläufige Expertise und die kritische Einspruchsmacht von Journalistinnen fehlt nicht nur etwas. Mutmaßungen ersetzen Recherchen, Meinungen treten an die Stelle von Informationen, Monokulturen der Vorurteilspflege verdrängen argumentative Mehrsprachigkeit.

1969 forderte Heinrich Böll das "Ende der Bescheidenheit". Er meinte die notorische Unterbezahlung von Autoren in Deutschland. Sein Aufruf appellierte nicht nur ans ökonomische Gewissen der Buchverleger und Rundfunkanstalten, er reklamierte nicht nur Aufmerksamkeit, sondern handfeste Konsequenzen für seine Kollegen. Wertschätzung muss namhaft werden, oder man stelle sich auf Streit und Streik ein, um auszuhandeln, was einer Gesellschaft an seinen Autorinnen liegt.

Eine kritische Instanz

Man stelle sich einen Augenblick ein drittes Streikszenario vor: den Ausstand von Theologen. Wissenschafterinnen und Bischöfe, pastorales Personal und Religionslehrerinnen legen ihre Arbeit nieder. Etwa im Advent und zu Weihnachten: Verändert sich gesellschaftlich etwas? Fällt es überhaupt auf? Fehlt wirklich nichts, wenn sich der kulturelle Eigensinn religiöser Traditionen und der Sondervermerk theologischer Reflexionsleistungen verflüchtigt?

Als Jürgen Habermas unmittelbar nach 9/11 in seiner Frankfurter Friedenspreisrede die Konturen einer postsäkularen Gesellschaft umriss, machte er anschaulich, was zumal die jüdisch-christlichen Glaubenswelten an Deutungspotenzialen zur Verfügung stellen. Ganz existenziell treten sie an den Endgültigkeitsrändern von Schuld und Tod zu Tage. Hoffnungsmuster werden in die Prozesse gesellschaftlicher Selbstverständigung eingespeist, die mit säkularen Mitteln nicht abzugelten sind.

Jenseits von Beliebigkeitsaspirationen, seien sie fundamentalistisch oder esoterisch oder im spirituellen Patchwork aufgesetzt, bedarf es kritischer Instandsetzung und theologischer Durchmusterung entsprechender Überzeugungen. Der religionskonfliktive Ernstfall von 9/11 zeigt, was fehlendes Wissen um die Ambitionen von Religionsakteuren bedeutet. Aktuell lassen sich weder der Krieg in der Ukraine noch der Aufmarsch des IS ohne ihre religionskulturellen Verwicklungen begreifen.

Aber auch innenpolitisch rückt uns der Ausfall theologischen Wissens auf den Leib. Die juristisch angestoßene und religionspolitisch ausgemünzte Debatte um das Verbot der Beschneidung dringt in säkular-gesellschaftliche Konsensannahmen ein. Interpretationsfragen um die Würde des Menschen und ihre rechtspraktischen Garantieleistungen am Anfang und am Ende seines Lebens legen die Fragilität einer umfassenden Normenabsicherung in säkularen Gesellschaften frei. Geltung existiert nur auf Abruf, diskursiv aushandlungsoffen -so wie sich in Menschenrechtsdeklarationen keine letzten Begründungen für sie finden.

Was ohne Theologie(n) fehlt

Nicht als religiöse Absicherungsoptionen kommen Theologien an dieser Stelle ins Spiel, sondern als Problemanzeiger und Aufklärungsagenturen. Vor allem bringen sie, religionsgemeinschaftlich gebunden, alternative Weltordnungen zur Geltung: das Andere der Vernunft, das an ihren Grenzen rational bestimmt, was sie selbst nicht mehr zu erfassen vermag, sondern was in Hoffnungsnotwendigkeiten ausläuft.

Ein Streik aller Theologinnen, zu denen die pastoralen wie die akademischen Akteure zählen, trennt vom symbolischen Kapital von Religionen. Sie arbeiten mit Mehrfachcodierungen von Ereignissen, deuten sie im Gegenlicht von Transzendenzerfahrungen, helfen aber auch zu jener Toleranz von Mehrdeutigkeiten, die Thomas Bauer für den Islam bestimmte und die religionskulturell je neu zu entdecken ist. Universitäre Theologie steht dafür zur Verfügung. Angekoppelt an kirchliche Bestimmungsformen und Richtlinien, gesichert durch staatliche Alimentierung und herausgefordert von wissenschaftlichen Standards, bewegt sie sich grundständig in plural verfassten Diskursen. Sie hat sich dabei ihr eigene Kompetenzen erworben und erstritten, krisengeschultes Wissen um die kontextuellen Bedingungen, in denen heilige Schriften und ihre Theologien gerinnen, um sich selbstbewusst auf die relativierende Macht alternativer Weltzugänge einzustellen.

Das führt sie in Streit: mit positivistischen Bestreitungen ihres Wissenschaftscharakters, mit kirchlichen Abreden ihrer Kirchlichkeit. In den Akademien der Wissenschaft finden sich Theologen als zoologische Exemplare. Für höchste Wissenschaf tspreise wie den deutschen Leibnizpreis kommen sie nur ausnahmsweise in Frage (ein katholischer Theologe unter mehr als dreihundert Preisträgern).

Dieser institutionell verbürgte Theologieverzicht macht nachdenklich und fordert Einspruch. In mancher Hinsicht ist ein Ende der Bescheidenheit gefordert. Die Einmischungsfähigkeit der christlichen Theologien zeigt sich exemplarisch in ethischen Problemstellungen und ist für die kulturwissenschaftliche Tiefenbohrung unerlässlich.

Ihre methodischen Kompetenzen angesichts neuer Anforderungen hinterlassen deutungsstarke Spuren angesichts der öffentlichen Religionsauftritte unserer Gegenwart.

Ihre Orientierungsangebote geraten freilich unter Druck, weil sich traditionelle Kirchenbindungen verschieben, wenn nicht auflösen. Theologien haben indes ihre Kraft zur produktiven Erneuerung gerade unter Bedingungen der Marginalisierung immer wieder bewiesen: in religionskulturellen Umbrüchen zu allen Zeiten. Religion als Transformationsprozess verstanden, in dem sich interpretative Übersetzungen heiliger Schriften und Überlieferungen traditionsdynamisch vollziehen, erlaubt je neue Codierungen ihres grundlegenden Transzendenzbezuges.

Tomás Halíks Selbstbewusstsein

Christlich lässt sich dies als Aspekt eines komplexen Offenbarungsverständnisses bestimmen, wie es das 2. Vatikanische Konzil mit seiner Rede von der geschichtlichen Selbstmitteilung Gottes festlegte. Dieses Offenbarungsmodell sieht eine theologische Auseinandersetzung mit den Zeichen der Zeit vor. Ihre Deutung führt in offenes Terrain, in Suchbewegungen, mithin in Umstellungen theologischer wie kirchlicher Plausibilitäten. Dafür bedarf es intellektueller Bewegungsspielräume, also universitärer Ressourcen, aber auch des Vertrauens der Kirchenleitungen, eines lizenzierten Freimuts. Wechselseitige Hör-und Lernbereitschaft zählen dazu, theologischer Mut und das nötige Selbstvertrauen, um das gesellschaftliche Ende theologischer Bescheidenheit auch kirchlich glaubwürdig zu erweisen.

In seiner Autobiografie, einem der bemerkenswertesten religiösen Bücher des eben vergangenen Jahres, schildert Tomás Halík, Templetonpreisträger 2014, wie er als Priester in der tschechischen Untergrundkirche sprachfähig wurde: kritisch, selbstbewusst. Für ihn bleibt die Erfahrung der Verfolgung ein Probestück kirchlicher Existenz und theologischer Arbeit. Seine Schlussfolgerung, als Ausklang des Buches gesetzt, hat Erregungswert. Halík geht in einem kurzen Abriss den europäischen Krisen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert nach und erschließt von ihnen her die theologischen Aufbrüche von Augustinus über Johannes vom Kreuz, inspiriert durch Nietzsche über Therese von Lisieux bis an den Moment der gegenwärtigen Kirchen-und Christentumskrise: "Ja, es ist der kairos, der richtige Zeitpunkt, die Stunde für den Glauben. Glaube nicht im Sinne des Festhaltens an ewigen Wahrheiten. Glaube als Mut, leise, mit staunendem Herzen und mit Vertrauen in neue Räume einzutreten."

Fehlt wirklich nichts, wenn solche Theologen wie Halík in Ausstand gehen? Eine Antwort, die überzeugt, wird sich theologisch wie kirchlich nicht ohne jene Risikobereitschaft entdecken lassen, die Halík empfiehlt. Das Ende der Bescheidenheit besteht auch darin, dass die Theologie selbstbewusst und nachdrücklich ihre Expertisen gesellschaftlich anmeldet und kirchlich zur Geltung bringt.

| Der Autor ist Prof. für Fundamentaltheologie an der Uni Salzburg |

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