John Henry Newman - © iStock / ilbusca
Religion

„Das Herz spricht zum Herzen“

1945 1960 1980 2000 2020

John Henry Newman, Vordenker eines modernekompatiblen Katholizismus, wird am 13. Oktober in Rom heiliggesprochen. Eine Annäherung

1945 1960 1980 2000 2020

John Henry Newman, Vordenker eines modernekompatiblen Katholizismus, wird am 13. Oktober in Rom heiliggesprochen. Eine Annäherung

Am 13. Oktober wird John Henry Kardinal Newman heiliggesprochen. Hat die Kirche damit Frieden mit jener Persönlichkeit geschlossen, die öfters in Rom der Häresie angeklagt wurde und die in der katholischen Kirche, in die er am 9. Oktober 1845 eintrat, lange unter der Wolke leben musste? Denn Newman bestätigte niemals nur seine Kirche, sondern mutete ihr Entwicklung und Aufbruch zu. Deshalb wurde er mit Recht der „geheime Peritus des II. Vatikanischen Konzils“ und „Kirchenvater der Moderne“ genannt.

Warum berührt er Menschen bis heute? Weil er uns dazu ermutigt, dem Wandel der Geschichte und des eigenen Lebens mit jener Hoffnung zu begegnen, die er in jenem Wort ausgedrückt hat, mit dem er konvertierte: „In einer Höheren Welt ist es anders, aber hienieden heißt leben sich wandeln, und voll­kommen sein heißt sich oft gewandelt haben.“

England – Pionierin der Moderne

Newmans Lebenszeit (1801–1890) umspannt jenes England, das als Pionierin der Moderne gilt: Empirische Wissenschaft und Technik, Dampfmaschine und Eisenbahn, freie Marktwirtschaft, Kapitalismus, Industriegesellschaft und viktorianisches Zeitalter, die Philosophien von Locke, Hume und dem schottischen Utilitarismus, aber auch Marx und Darwin. Er erlebt das Ende des konfessionellen Staates, wird vom evangelikalen Aufbruch berührt und weiß um Segen und Gefährdung der liberalen Gesellschaft. Am Ende seines Lebens spricht er davon, dass das Chris­tentum einem religionslosen Zeitalter entgegengehe, in der die Idee Gottes verschwinden könnte. In diesem Zusammenhang steht die Lebensfrage Newmans: Wie kann ein Mensch nach dem Ende der Staatskirche und des kulturellen Christentums an Jesus Christus und sein Evangelium real glauben? Von dieser Frage her entschlüsselt sich sein Weg, der immer eine produktive Unruhestiftung darstellte. Für ihn wird keine Zukunft haben: eine privilegierte Kirche, die staatliche Gewalt einsetzt.

Eine Theologie, die auf begriffliche Schlüsse allein setzt, und den Glauben vor allem auf den Gehorsam zur kirchlichen Autorität baut. Chancenlos ist aber auch jener rationale Liberalismus, der sich der Zeit nur anpasst und nicht auf der Autorität der Schrift und der apos­tolischen Überlieferung beruht, deren stärks­tes Argument immer das Zeugnis von Menschen bleibt, d. h. jene Heiligkeit, die sich arm macht und immer die Gestalt des gewaltlosen Martyriums annimmt (vgl. Eph 6,11-20).

Warum ich Newman nicht nur für einen Lehrer der ganzen Christenheit, sondern als Zeuge der Humanität in der entfesselten Moderne ansehe, in der die Idee der menschlichen Person verloren gehen könnte, sei hier etwas verdeutlicht.

Schon als Jugendlicher wird Newman von der Erfahrung „myself and my creator“ geprägt. Das bedeutet, dass die Unmittelbarkeit zu Gott jede menschliche Person trägt, die von nichts und niemandem verletzt oder gar ersetzt werden darf. Deshalb kann allein das Gewissen der höchste Souverän im Leben sein: „Erst das Gewissen und dann der Papst (oder der König)“, lautet sein berühmter Spruch. Im Anspruch des Gewissens, dem Sinn für unbedingte Pflicht, werde ich aus mir herausgerufen und begegne dem Echo der Stimme Gottes. Daher haben alle Menschen das Recht, in der Religion für sich zu sprechen und ihre Erfahrungen einzubringen. Ohne freie und personale Glaubenszustimmung wird es daher keinen Glauben mehr geben. Deshalb ist eine liberale Gesellschaft auch für den Glauben ein großer Segen.

Am 13. Oktober wird John Henry Kardinal Newman heiliggesprochen. Hat die Kirche damit Frieden mit jener Persönlichkeit geschlossen, die öfters in Rom der Häresie angeklagt wurde und die in der katholischen Kirche, in die er am 9. Oktober 1845 eintrat, lange unter der Wolke leben musste? Denn Newman bestätigte niemals nur seine Kirche, sondern mutete ihr Entwicklung und Aufbruch zu. Deshalb wurde er mit Recht der „geheime Peritus des II. Vatikanischen Konzils“ und „Kirchenvater der Moderne“ genannt.

Warum berührt er Menschen bis heute? Weil er uns dazu ermutigt, dem Wandel der Geschichte und des eigenen Lebens mit jener Hoffnung zu begegnen, die er in jenem Wort ausgedrückt hat, mit dem er konvertierte: „In einer Höheren Welt ist es anders, aber hienieden heißt leben sich wandeln, und voll­kommen sein heißt sich oft gewandelt haben.“

England – Pionierin der Moderne

Newmans Lebenszeit (1801–1890) umspannt jenes England, das als Pionierin der Moderne gilt: Empirische Wissenschaft und Technik, Dampfmaschine und Eisenbahn, freie Marktwirtschaft, Kapitalismus, Industriegesellschaft und viktorianisches Zeitalter, die Philosophien von Locke, Hume und dem schottischen Utilitarismus, aber auch Marx und Darwin. Er erlebt das Ende des konfessionellen Staates, wird vom evangelikalen Aufbruch berührt und weiß um Segen und Gefährdung der liberalen Gesellschaft. Am Ende seines Lebens spricht er davon, dass das Chris­tentum einem religionslosen Zeitalter entgegengehe, in der die Idee Gottes verschwinden könnte. In diesem Zusammenhang steht die Lebensfrage Newmans: Wie kann ein Mensch nach dem Ende der Staatskirche und des kulturellen Christentums an Jesus Christus und sein Evangelium real glauben? Von dieser Frage her entschlüsselt sich sein Weg, der immer eine produktive Unruhestiftung darstellte. Für ihn wird keine Zukunft haben: eine privilegierte Kirche, die staatliche Gewalt einsetzt.

Eine Theologie, die auf begriffliche Schlüsse allein setzt, und den Glauben vor allem auf den Gehorsam zur kirchlichen Autorität baut. Chancenlos ist aber auch jener rationale Liberalismus, der sich der Zeit nur anpasst und nicht auf der Autorität der Schrift und der apos­tolischen Überlieferung beruht, deren stärks­tes Argument immer das Zeugnis von Menschen bleibt, d. h. jene Heiligkeit, die sich arm macht und immer die Gestalt des gewaltlosen Martyriums annimmt (vgl. Eph 6,11-20).

Warum ich Newman nicht nur für einen Lehrer der ganzen Christenheit, sondern als Zeuge der Humanität in der entfesselten Moderne ansehe, in der die Idee der menschlichen Person verloren gehen könnte, sei hier etwas verdeutlicht.

Schon als Jugendlicher wird Newman von der Erfahrung „myself and my creator“ geprägt. Das bedeutet, dass die Unmittelbarkeit zu Gott jede menschliche Person trägt, die von nichts und niemandem verletzt oder gar ersetzt werden darf. Deshalb kann allein das Gewissen der höchste Souverän im Leben sein: „Erst das Gewissen und dann der Papst (oder der König)“, lautet sein berühmter Spruch. Im Anspruch des Gewissens, dem Sinn für unbedingte Pflicht, werde ich aus mir herausgerufen und begegne dem Echo der Stimme Gottes. Daher haben alle Menschen das Recht, in der Religion für sich zu sprechen und ihre Erfahrungen einzubringen. Ohne freie und personale Glaubenszustimmung wird es daher keinen Glauben mehr geben. Deshalb ist eine liberale Gesellschaft auch für den Glauben ein großer Segen.

Gerade weil Newman dogmatische Grundüberzeugungen kennt und die Rede von der Wahrheit in der Religion für unverzichtbar hält, ist ihm die Vorstellung, dass sich im Glauben nichts ändern dürfe, zutiefst fremd.

Der mit dem Gewissen verbundene Glaubenssinn der Glaubenden ist nicht passiv, sondern stellt immer eine kreative Weiterentwicklung der Glaubensüberlieferung dar, die nur lebt und dieselbe bleibt, wenn sie sich wandelt. Newman würdigt den Glaubenssinn der Glaubenden und erneuert in der katholischen Kirche die Lehre vom dreifachen Amt Christi. Aus diesem Grunde distanziert er sich nicht nur von der anti­modernistischen Dynamik der Scharfmacher seiner Zeit, sondern kritisiert in nicht zu überbietender Schärfe die ultramontanistischen Machenschaften vor, während und nach dem I. Vatikanum. Weil die Alte Kirche sein Ideal darstellt, sieht er in diesen Intrigen einen Triumph der Tyrannei. Das Amt des Bischofs von Rom liegt nicht darin, Glaubenssinn, Theologie, Diskussion und Prüfungen in der Zeit zu ersetzen oder gar zu verhindern, sondern in der klugen Begleitung einer synodalen Kirche, deren verbindliche Lernerfahrung im Glauben auch dieses Amt trägt, das selbst den Anspruch des Evangeliums in einer neuen Zeit vermittelt.

Immer hielt er das Prinzip hoch: „Wachstum ist der einzige Beweis für Leben.“ Deshalb lehnt er die Regel des Vinzenz von Lerin ab, der meinte: Katholisch sei, was von allen, immer und überall gehalten worden ist. Gerade weil Newman Prinzipien und dogmatische Grundüberzeugungen kennt und die Rede von der Wahrheit in der Religion für unverzichtbar hält, ist ihm die Vorstellung, dass sich im Glauben nichts ändern dürfe, zutiefst fremd. Das widerspricht der ganzen Geschichte der Kirche, die ja immer in Rezeption und Unterscheidung einer neuen Zeit begegnet ist. Die darin zum Ausdruck kommende Unterscheidung der Geister bedeutet aber immer Auseinandersetzung, Streit, Ringen, Hören auf alle und jenen Mut zur Entscheidung, der die Verbindlichkeit des Evangeliums unter den Bedingungen der konkreten geschichtlichen Stunde zur Geltung bringt. Die wahre Kirche ist eine lebendig sich entwickelnde und sich verändernde Kirche, sie ist auch eine ringende und streitende Kirche.

„Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit“

Ich müsste noch auf seine Idee der Universität eingehen, ich würde gerne seinen theologischen Stil des Essays beschreiben und natürlich müsste an Philipp Neri erinnert werden. Von Gewicht bleibt, wie er in Oxford und in Birmingham sich um die Armen und Ausgegrenzten kümmert und ihnen konkrete Hilfe und Bildungsmöglichkeiten eröffnet. Unbedingt zu erinnern ist heute daran, dass Oxford und England ihm im Alter Respekt und Anerkennung gezollt haben. Denn die Faszination New­mans liegt nicht nur in seiner intellektuellen Größe und Begabung, sondern zuerst in seiner authentischen Persönlichkeit.

In seinen Schriften, vor allem in seinen Briefen und Tagebüchern begegnen wir einer biografischen Mystik, in der auch heute erfahren wird, was er in sein Wappen als Kardinal schrieb: „Cor ad cor loquitur – Das Herz spricht zum Herzen“. Sein Suchen, seine Ernsthaftigkeit und Ratlosigkeit, sein Beten und Rufen, seinen Zorn und seine messerscharfe Kritik, aber auch sein Humor und Selbstironie bewegen mich und wie in den Psalmen erfahre ich in diesen Texten eine Innerlichkeit, die er in das Wort fasste: „ex umbris et imaginibus in veritatem – aus Schatten und Bildern zur Wahrheit“.

Glauben ist ein lebenslanger Weg zu mir und zu Gott, weil ich Gott nie finden werde, wenn ich mich selbst nicht annehme oder sogar verachte. Unser Leben ist kein räumlich zu denkender Pilgerweg zu Gott, sondern ein Pilgerweg des ständigen Wandels in der Gegenwart Gottes selbst. Ein Christ ist ein Mensch, der Gott sucht, indem er liebt und auf Christus schaut. Wie vielen anderen Menschen ist mir sein Gedicht zur
Lebensmelodie geworden: „Lead kindly light …“

Der Autor ist Professor für Dogmatik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Innsbruck.