Das Land, in dem Milch, Honig und die Hochwasser fließen

Die längste Lebenserwartung, seit mehr als zehn Jahren kein Budgetdefizit, niedrige Arbeitslosigkeit, wohlhabende Bewohner, schöne Landschaft: Vorarlberg ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Dennoch hat diese Wahrheit auch eine andere Seite.

I. "Steht's ihr auch schon unter Wasser?" Fragen wie diese habe ich in den vergangenen Wochen dutzendfach beantwortet. Hochwasser und Muren haben das sonst so abgeschiedene Bundesland hinter den sieben Bergen endlich mal wieder ins Bewußtsein der "Innerösterreicher" gebracht. "Innerösterreicher" werden in Vorarlberg die 7,7 Millionen Bewohner hinter dem Arlberg genannt. Gerne sprechen Vorarlberger auch von "Restösterreich". Womit unzweifelhaft ist, wo der (wenn auch nicht geographische) Mittelpunkt ist.

Tatsächlich ist Vorarlberg heuer schon zweimal in die Schlagzeilen geraten. Denn auch Ende Februar erschütterte eine Naturkatastrophe das Land. Damals war es die extreme Lawinengefahr, die Tausenden Urlaubern Anreise und Heimweg unmöglich machte. Sogar das Schweizer Militär rückte damals zur Versorgung der Eingeschlossenen an, flog Menschen aus lawinengefährdeten Gebieten aus. Passiert ist damals im Vergleich zu Tirol nicht allzu viel, auch wenn das im Zusammenhang mit Lawinentoten zynisch klingen mag: Zwei Menschen starben in einer Lawine, die eine ganze Seilbahn-Bergstation zerstörte - im Vergleich zum GAU von Galtür gleichwohl nicht mehr als ein kleiner Unfall.

Die Naturkatastrophen der vergangenen Monate haben in Vorarlberg erstaunlich wenig in Bewegung gebracht. Daß eine Katastrophe wie in Galtür natürlich auch in Vorarlberg möglich gewesen wäre, ist eine Wahrheit, die niemand auszusprechen wagt. Das stillschweigende Abkommen lautet: Wir haben Schwein gehabt, laßt uns nicht mehr darüber reden, das schadet höchstens dem Tourismus.

Statt über die Grenzen des Wachstums von Schigebieten wird hierzulande über neue Lawinengalerien diskutiert. Statistisch gesehen entfallen auf jeden Vorarlberger rund 50.000 Schilling (!) Umsatz aus dem Tourismus - eine enorme Abhängigkeit. Und Landeshauptmann Herbert Sausgruber eröffnet neue Liftanlagen wie Eduard Wallnöfer in Tirol einstmals Autobahn-Abschnitte.

II.Keine Frage: Den Vorarlberger geht es hervorragend. Die Arbeitslosenrate liegt bei gerade 5,6 Prozent. Vorarlbergs Frauen haben die höchste Lebenserwartung in ganz Europa, Männer beinahe ebenfalls. Zwölf Jahre hat das Land ohne Defizit budgetiert. Vorarlberger sind die fleißigsten Mülltrenner Österreichs und haben das vermutlich beste Netz im öffentlichen Personen-Nahverkehr. Die Aufklärungsquote von Straftaten liegt bei 60 Prozent - höher als irgendwo sonst in Österreich.

Kurzum: Es ist nichts als die reine Wahrheit, was der Tourismus-Landesverband regelmäßig verkündet. Die Vorarlberger "leben, wo andere Urlaub machen". Eigentlich ist es angesichts einer solchen Aufzählung logisch, daß das kollektive Selbstbewußtsein im "Ländle" (eine Bezeichnung, die übrigens keineswegs als diskriminierend empfunden wird) durch nichts zu erschüttern ist.

Und doch gibt es eine andere Seite Vorarlbergs: Im Land der "Hüslebauer" nahmen allein im vergangenen Jahr 1.240 Personen die Dienste der Schuldenberatungsstelle in Anspruch. Sie brachten es auf die stattliche Summe von 1,8 Milliarden Schilling Schulden. Jeder zwanzigste Vorarlberger wandte sich innerhalb nur eines Jahres hilfesuchend an das Institut für Sozialdienste, die größte soziale Einrichtung im Lande. Armut ist ein Tabu und wird dementsprechend versteckt.

III.Landeshauptmann Herbert Sausgruber muß um seine Wiederwahl nach den Landtagswahlen im Herbst keinesfalls bange sein. Die Frage ist lediglich: Schafft er mit seiner ÖVP noch einmal die absolute Mehrheit? Seit Jahren laufen die anderen Parteien dagegen Sturm, zumal in Vorarlberg seit jeher das Majorzsystem in der Regierung gilt. Die Parteien sind also nicht wie in den meisten anderen Bundesländern ihrer Stärke gemäß in der Landesregierung vertreten, sondern die Regierung wird von der Landtagsmehrheit bestimmt.

Im Klartext: Die ÖVP hat die ganze Macht. Sie teilt sie aber freiwillig (!) mit dem Regierungspartner FPÖ, den sie so besser unter Kontrolle zu halten hofft. FPÖ-Obmann Hubert Gorbach, im Vergleich zu manch anderen Freiheitlichen ein eher gemäßigter Rechtskonservativer, hat so zwar keine Möglichkeit, sich in der Oppositionsrolle zu profilieren. Er nützt sein Amt freilich geschickt, um sich als Macher darzustellen, auch wenn in seiner Zeit als Straßenbau-Landesrat noch kein einziges der großen Straßenbauvorhaben umgesetzt wurde. Dafür haben er und sein Vorgänger Hans-Dieter Grabher eine weitgehend vorbildliche Abfallpolitik umgesetzt, die selbst den Grünen viel Wind aus den Segeln genommen hat.

Die Opposition kommt vergleichsweise brustschwach daher: Die Sozialdemokraten etwa feierten es schon als sensationellen Triumph, daß sie bei der EU-Wahl knapp 20 Prozent der Stimmen erreichten. Kein Wunder: Sie waren zuvor auf 13,8 Prozent abgesackt. SPÖ-Landesvorsitzender Elmar Mayer versucht sich in einer Rolle, die man eher bei den Freiheitlichen vermuten würde: Er betreibt nicht ohne Erfolge kantige Oppositionspolitik und hat die Themen "Mieten" und "Kontrolle" für sich besetzt.

Das Feld überlassen ihm die Grünen denn auch kampflos. Ihr Spitzenkandidat Christian Hörl will auch als Oppositionspolitiker höchstens konstruktive Kritik üben und büßte dafür mit heftiger innerparteilicher Kritik. Die Liberalen wiederum haben zwar mit der ehemaligen Frauenreferentin des Landes, Brigitte Bitschnau-Canal, eine überaus bekannte Spitzenkandidatin gewonnen. Inhaltlich haben sie bisher freilich wenig gezeigt.

IV.Landeshauptmann Sausgruber kann all das wenig kratzen. Er ist schlicht der Prototyp des Vorarlbergs: konservativ, geradlinig, ein wenig bedächtig, im direkten Kontakt mit den Bürgern aber erstaunlich humorvoll.

Keine Gelegenheit vergeht, bei der Sausgruber nicht an die Sparsamkeit appelliert, um das Budget ausgeglichen zu halten. Nur aus finanziellen Notwendigkeiten geschieht das sicher nicht: Das Land verfügt über Reserven in Milliardenhöhe. Entbürokratisierung hat der ÖVP-Obmann klarerweise auf seine Fahnen geschrieben und kann stolz immer neue Zahlen über die kurzen Genehmigungsverfahren für Betriebsanlagen vorlegen.

Der Sozialbereich kommt vor allem im Zusammenhang mit dem - ehrenamtlichen - Engagement von Bürgern vor. "Vorarlberger Solidarität statt Anspruchsdenken" nannte er das in seiner Grundsatzerklärung nach der Wahl zum Landeshauptmann. Auch hier trifft der konservative ÖVP-Politiker den Nerv seiner Landsleute.

"Bodenständig und modern" wolle er seine Amtszeit gestalten, sagte Sausgruber in dieser Grundsatzerklärung. Er lud schon zum Buffett nach der Wahl zum Landeshauptmann ehrenamtlich Engagierte - von der Feuerwehr über den Sport bis zum Sozialen - ein und signalisierte: Ich bin einer von Euch, nicht abgehoben.

Daß er die Ankündigungen beim Amtsantritt bis heute großteils nicht verwirklicht hat, daß seine Umwelt- und Verkehrspolitik höchstens vor 20 Jahren als fortschrittlich gegolten hätte - wen kümmerts, angesichts hervorragender Wirtschaftsdaten. Wenn er dann höchstselbst die Einsatzleitung im Kampf gegen das Hochwasser übernimmt und mit Gummistiefeln durch die Überflutungsgebiete stapft, wissen alle: Dieser Mann wird die Vorarlberger auch in nächste Jahrtausend führen. In ihrer großen Mehrzahl sind sie nicht unglücklich dabei.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Bregenz.

Zum Dossier Vorarlberg gilt als Land des Wohlstands - trotz Hochwasser und Lawinenwinter. Im September wird im reichen Westen Österreichs ein neuer Landtag gewählt. Das Furche-Dossier bietet Blitzlichter aus dem Ländle: 1.) eine Bestandsaufnahme, 2.) Architektur - ein Musterbeispiel, 3.) das exemplarische Ringen einer Pfarrgemeinde um ihr Zentrum.

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