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Das Martyrium der ungefragten Bräute

Opfer von Zwangsehen werden im Sommer zur Heirat in die Heimat gebracht oder ihr Ehemann hierher geholt. Die österreichweit erste Notwohnung für Betroffene in Wien soll das verhindern.

Zultan war immer eine gute Schülerin. Zum Schulbeginn nach den Sommerferien ist die 14-Jährige verschwunden. Nachfragen der Klassenlehrerin blocken die Eltern ab. Als die Lehrerin den Vater endlich telefonisch erreicht, heißt es: "Zultan arbeitet jetzt in der Türkei.“ Das Mädchen ist aber mit 14 Jahren noch schulpflichtig. Inzwischen wurde ihr Facebook-Profil gelöscht. Auch die Mitschülerinnen wissen von nichts. Zultans Familie wohnt nach wie vor in Graz. Das Mädchen muss sich also bei ihrem Ehemann in der Türkei befinden.

"Meistens verschwinden die Mädchen nach der achten Schulstufe ohne Abmeldung aus der Schule, vor allem Kurdinnen und Türkinnen. Danach verliert sich ihre Spur“, erzählt die AHS-Lehrerin Waltraud Liebich. Sie kennt das Problem der Zwangsehen aus dem Schulalltag am Grazer Gymnasium Oeversee. Obwohl die engagierte Sprachlehrerin den Kontakt mit muslimischen Eltern sucht und transkulturelle Beratungen anbietet, sind maximal ein Viertel ihrer Interventionsversuche erfolgreich.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) haben vergangene Woche die Schlüssel einer Notwohnung für betroffene Mädchen an die Beratungsstelle "Orient Express“ übergeben. "Wir wissen, dass besonders die Ferienzeit gefährlich für die Mädchen ist“, warnt Heinisch-Hosek. Der Schutz der betroffenen Frauen stelle eine große Herausforderung dar, betont Mikl-Leitner: "Die Zwangsverheiratung geschieht meist im Verborgenen, die Frauen können manchmal zu wenig Deutsch, sind zur Unterordnung erzogen und kennen die österreichische Rechtslage nicht.“

In den meisten Fällen passieren die Zwangsverheiratungen im Ausland und die Mädchen bleiben dort. "Die Eltern wissen: Wenn die Mädchen in Österreich zur Ehe gezwungen werden würden, könnten sie Hilfe suchen. Im Heimatland ist das viel schwieriger“, erklärt Meltem Weiland vom "Orient Express“. Meist sind die Betroffenen zwischen 16 und 24 Jahre alt. "Das jüngste Mädchen war erst elf Jahre alt“, so Weiland.

"Importierte“ Bräute und türkische Cousins

Ist ein Mädchen einmal außer Landes, gibt es kaum noch Möglichkeiten, ihm zu helfen. Wenn Frauen bereits Klientinnen von "Orient Express“ sind und plötzlich verschwinden, versuchen die Betreuerinnen mithilfe der österreichischen Botschaften die Frauen aufzuspüren und zurückzuholen. Haben die Frauen nicht die österreichische Staatsbürgerschaft, wird es schwierig. An jene heranzukommen, die quasi als Bräute "importiert“ werden, ist fast unmöglich. Sie werden oft in Wohnungen festgehalten und können sich nicht verständigen. Ein weiterer Grund für Zwangsehen ist das Aufenthaltsrecht: Heiratet eine türkisch-stämmige Österreicherin ihren Cousin aus der Türkei, darf dieser legal in Österreich leben und arbeiten.

Seit Jahren fordert die Stadt Wien einen besseren Rechtsschutz für Opfer von Zwangsehen. In Deutschland erhalten von Zwangsehe betroffene "importierte Bräute“ für zehn Jahre den Aufenthaltstitel "Besonderer Schutz“. "Auch hierzulande bräuchte es einen eigenen Aufenthaltstitel nebst sofortigem Arbeitsmarktzugang, um diesen Frauen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen“, fordert die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ). Eine weitere Lücke im österreichischen Gesetz: 16- und 17-Jährige dürfen einen vollmündigen Partner heiraten, wenn die Erziehungsberechtigten einverstanden sind. "In solchen Fällen sollte eine Stellungnahme des Jugendwohlfahrtsträgers verpflichtend sein“, mahnt Frauenberger.

Strafrechtlich gilt eine Zwangsehe als schwere Nötigung, die mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft wird. Seit 2004 machen sich alle an der Nötigung zur Eheschließung Beteiligten strafbar - auch Familienmitglieder. Seit 2006 muss nicht mehr die Betroffene selbst Klage einbringen. Auch Dritte können gegen die Zwangsehe vorgehen.

In der Praxis ziehen die Frauen ihre Anzeige oft wieder zurück. "Sie befinden sich in einem schwierigen Loyalitätskonflikt mit der Familie“, weiß Weiland. Für solche Frauen gibt es Zeugenschutzprogramme mit der Möglichkeit, eine neue Identität zu erhalten. Nötig wäre laut der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TDF) eine bessere Anonymisierung der Mädchen und eine engere Kooperation zwischen den beteiligten Institutionen wie Polizei oder Jugendamt. "Die Jugendwohlfahrt müsste vorsichtiger sein mit der Weitergabe des Aufenthaltsortes an die Eltern“, sagt Weiland.

Die neu eröffnete Notwohnung in Wien soll bis zu zehn Mädchen Unterkunft und Betreuung bieten - rund um die Uhr. Wo sich die Wohnung befindet, bleibt geheim. Denn den Frauen droht die Verfolgung durch Familienmitglieder. Die Erfahrung zeigt: Nur ein Zehntel jener, die sich aus den familiären Abhängigkeiten lösen, können je wieder zu ihren Verwandten zurückkehren.

Das langfristige Ziel lautet daher: Den Frauen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. "Wir erarbeiten mit den Mädchen eine realistische Zukunftsperspektive“, sagt Weiland. "99,9 Prozent der von uns betreuten Mädchen werden nicht verheiratet.“ Wenn ein Mädchen den Eltern doch vertraut und mit ihnen auf Urlaub fährt, können die Beraterinnen nichts mehr tun. "Manche werden auch ins Heimatland verschleppt und versteckt“, weiß Weiland. Ob die verschwundenen Frauen tatsächlich verschleppt wurden, kann nicht in allen Fällen geklärt werden. Selbst Ehrenmorde sind nicht auszuschließen.

Im letzten Jahr haben sich 89 Mädchen an den "Orient Express“ gewandt. Viele sind immer noch in Wohngemeinschaften untergebracht. Einige wollen es mit ihrer Familie noch einmal versuchen. "Bei diesen Familien sehen wir genau hin: Haben die Eltern ihre Meinung geändert?“, betont Weiland.

Die Mitarbeiterinnen von "Orient Express“ beraten seit 2001 eine steigende Anzahl von Mädchen und Frauen in Wien. Die meisten Klientinnen wurden bereits in Österreich geboren. Wie viele Frauen hierzulande tatsächlich von Zwangsheirat betroffen sind, bleibt im Dunkeln. Das internationale Ausmaß von Zwangsehen ist erschreckend: Allein 50 Millionen Minderjährige werden jährlich zur Heirat gezwungen.

Zwangsverheiratung ist kein rein muslimisches oder religiöses Problem - und kommt in verschiedenen kulturellen Kontexten vor. Dabei spielen Traditionen, patriarchale Machtverhältnisse, aber auch wirtschaftliche und ethnische Gründe eine Rolle. Laut NGO-Daten kommen rund ein Drittel der Betroffenen in Österreich aus türkischstämmigen Familien. Mädchen mit pakistanischen und afghanischen Wurzeln sind am zweit- und dritthäufigsten betroffen. Auch Koptinnen aus Ägypten oder katholische Roma werden zwangsverheiratet.

Der "arrangierten Ehe“ entronnen

Was in Österreich als Zwangsehe empfunden wird, erleben die zur Unterordnung erzogenen Mädchen häufig als "arrangierte Ehe“: "Die Mädchen sagen, sie können nur positiv überrascht werden, weil sie sich nichts erwarten. Sie meinen, die Eltern werden schon eine standesgemäße Wahl für sie treffen“, weiß AHS-Lehrerin Liebich.

Die türkischstämmige Wienerin Ayten Pacariz wurde als potenzielle Braut betrachtet, als sie mit ihrer Familie auf Urlaub in ihrer Heimatstadt Adapazari war. "In der Türkei haben Bekannte wiederholt versucht, mich mit Männern zu verkuppeln. Zum Glück haben meine Eltern damals abgeblockt“, sagt die heute 43-Jährige. Arrangierte Ehen unter Verwandten empfindet sie als befremdlich: "Ich frage die Frauen: Habt ihr keine Angst, dass eure Kinder mit Erbfehlern geboren werden könnten?“ Pacariz glaubt nicht, dass sie eine arrangierte Ehe akzeptiert hätte. "Da wäre es zum Konflikt mit den Eltern gekommen.“ Heute engagiert sie sich im Integrationsprojekt "Nachbarinnen“, bei dem sich Migrantinnen gegenseitig helfen. Ihr ist bewusst, dass sie Glück hatte: "Ich konnte mir meinen Mann aussuchen. Meine Schwägerin wurde mit 19 Jahren in der Türkei verheiratet. Heute sagt sie, dass sie das ihren Töchtern nicht antun würde.“

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