Österreichs Orden werden mit ihren Abgründen konfrontiert – und mühen sich zugleich um neue Perspektiven.

Der Albtraum nimmt kein Ende: Täglich werden neue Meldungen von sexuellen Missbrauchsfällen und körperlicher Gewalt innerhalb katholischer Einrichtungen in Österreich publik. Vor allem die Orden stehen in der Öffentlichkeit mittlerweile unter dem Generalverdacht, in ihren – meist schon aufgelösten – Internaten Kinder und Jugendliche beinahe systematisch missbraucht und gedemütigt zu haben. „Ich wusste im ersten Moment: Das sind die Feinde. Es geht ums Überleben“, erzählt etwa André Heller in der Dokumentation „Die letzten Zöglinge“, die der ORF vergangenen Sonntag wiederholt hat. Das Disziplinieren sei von oben nach unten weitergegeben worden. „Für Leute, die einen Minderwertigkeitskomplex mitbringen, kann das ganz hübsch sein“, sagt Heller in die Kamera. Die Jesuiten hätten für dieses „Niedertrachtsbonussystem“ eine wundervolle Erklärung gehabt: Es stärke den Charakter.

Waren Österreichs Klöster nichts weniger als Horte religiös verbrämten Psychoterrors? Liest man die Berichte der Opfer, könnte man genau diesen Eindruck gewinnen. Eines der Klöster, in denen die dunklen Flecken der Vergangenheit aufgebrochen sind und das große Aufarbeiten begonnen hat, ist das Stift Kremsmünster in Oberösterreich. Nach Missbrauchsvorwürfen gegen fünf Patres ermitteln nun Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt gegen drei Beschuldigte, denen Übergriffe aus den Jahren 1993 bis 1997 zur Last gelegt werden. Im Fokus steht vor allem der langjährige Konviktsdirektor Pater A., dem vorgeworfen wird, jahrelang Schüler sexuell missbraucht zu haben.

„Er war als Person sehr zwiespältig“, erinnert sich der Altkremsmünsterer L. im FURCHE-Gespräch. „Auf der einen Seite ein Schöngeist, der auf die Eltern großen Eindruck gemacht hat. Andererseits war er bei den Schülern gefürchtet, weil er sehr jähzornig war. Und man wusste auch, dass er den Körperkontakt sucht.“ Was die Missbräuche gefördert habe, sei die „fehlende Gewaltenteilung“ in der Internatsleitung gewesen, glaubt der ehemalige Zögling. „Der A. war Legislative, Exekutive und Judikative in einer Person.“ Während ein anderer Altkremsmünsterer im Standard über die „Zombie-Anstalt“ schreibt, warnt L. vor Verallgemeinerungen: „In Kremsmünster waren über 50 Patres, und bis auf fünf waren alle o. k.“

Mangelnde Ausbildung und Überlastung

Eine solch differenziertere Sicht wünscht sich auch der jetzige Abt des Benediktinerstiftes, P. Ambros Ebhart. Zugleich betont er den Willen zur „klaren und transparenten Aufklärung und Aufarbeitung des Geschehenen“. Aus seiner Sicht gebe es für die Vorfälle mehrere Ursachen: die Geschlossenheit des Internats, mangelnde pädagogische Ausbildung der Leiter – und Überlastung: „Wenn man daran denkt, dass die Präfekten Tag und Nacht in der Abteilung waren und zugleich eine volle Lehrverpflichtung hatten, kann man sich vorstellen, dass sich manche Ventile geöffnet haben“, meint er zur FURCHE. Das Internat nach damaligem Muster ist heute freilich Geschichte. Nur noch 16 Schüler umfasst die Konviktsabteilung.

Doch was ist mit dem System Kloster insgesamt? Welche Menschen werden vom Ordensleben angezogen – und wie kann man prüfen, ob sie dafür geeignet sind? Nur fromm zu sein, reicht für Eintrittswillige jedenfalls nicht aus, erklärt Abt Ambros. Eine Grundvoraussetzung sei es, in die Klostergemeinschaft zu passen. Die persönliche Eignung werde im Rahmen des „Postulats“ geklärt, das höchstens sechs Monate dauere. In dieser Zeit würden viele Gespräche geführt – unter anderem über das Thema Sexualität. Leider ein Novum, weiß der Abt: „Ich selbst kann mich nicht erinnern, dass mir jemand dazu auch nur eine Frage gestellt hätte.“ Bewähre sich der Kandidat, folge das einjährige Noviziat, anschließend die zeitliche und nach drei Jahren die ewige Profess. Zwei Männer befinden sich derzeit in Kremsmünster vor dem ewigen Gelübde, dazu kommt ein Novize. Doch wie viel Strenge kann man sich in Zeiten des Nachwuchsmangels leisten? „Gerade weil wir gute Leute brauchen, habe ich schon Personen weggeschickt“, antwortet der Abt. Am Zölibat zu rütteln, sei jedenfalls kein Thema: „Für Weltpriester ist es möglich, das freizustellen, aber für Mönche ist der Zölibat Lebensform.“

Ist es aber auch eine Lebensform, die dem Menschen gerecht wird? Anders gefragt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und sexuellem Missbrauch durch Ordensleute? „Man kann nicht sagen, dass der Zölibat automatisch Missbrauchsfälle produziert. Aber es ist eine Tatsache, dass die Lebensform in einem Orden immer wieder auch Menschen anzieht, die unreif sind in ihrer Sexualität“, erklärt Walter Schaupp, Professor für Moraltheologie an der Universität Graz und selbst Priester. Sexuelle Schwierigkeiten zu haben, könne eine „sekundäre Motivation“ sein, ins Kloster zu gehen. Wenn solche Menschen dann ihren Triebdruck spüren und sich ein Ventil suchen würden, böten sich Kinder und Jugendliche als leicht verfügbare Objekte der Befriedigung an. Das Dilemma, wie jemand, der seine (genitale) Sexualität eigentlich nie leben darf, eine „reife Sexualität“ entwickeln soll, ist für Schaupp jedenfalls lösbar: „Ich muss mich ja nicht sexuell ausagiert haben, sondern ich kann auch therapeutisch oder persönlichkeitsmäßig viel über mich und meine Sexualität lernen“, ist er überzeugt.

Sehnsucht nach Intimität

Ähnlich denkt Wunibald Müller, (verheirateter) katholischer Theologe, Psychotherapeut und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach. Zu einem reifen Umgang mit Sexualität zähle vor allem die Fähigkeit, „in eine innige, tiefe Beziehung zu sich selbst und zu anderen treten zu können“, schreibt Müller in der April-Ausgabe der Stimmen der Zeit. Bei Priestern und Ordensleuten, die Minderjährige sexuell missbrauchen, fehle oft diese Fähigkeit zur Intimität. Andererseits würden viele Ordensleute von Vereinsamung und dem Verlangen nach Intimität berichten, so Müller. Es stelle sich die Frage, inwieweit „eine bestimmte klösterliche oder auch kirchliche Struktur, die in ihren negativen Auswirkungen von Geheimnistuerei, Status- und Anspruchsdenken, Mangel an Respekt und Zuverlässigkeit gekennzeichnet ist, (…) mit dazu bei(trage), den Boden für sexuellen Missbrauch zu bestellen“.

Geht es nach Walter Schaupp, so haben die Orden hinsichtlich des Respekts vor dem Einzelnen große Fortschritte gemacht: „Früher wurde vor allem in Frauengemeinschaften oft bis in die Seele der Mitglieder hineinregiert“, so Schaupp. Mittlerweile sei der Respekt vor der Innerlichkeit des Einzelnen und seiner Privatsphäre gewachsen. Aber die Spannung zwischen Individualität und Gemeinschaft bleibe eine Herausforderung.

Die größte ist jedoch jene nach der künftigen Rolle der Orden insgesamt. „Die Führungskräfte, die zu mir kommen, haben zu wenig geeignete Leute und viele Alte, die von den gesellschaftlichen Umbrüchen überfordert sind“, erzählt die Ordensentwicklerin Christine Rod (siehe unten). Die meisten Orden seien im 19. Jahrhundert als Antwort auf die Nöte durch die industrielle Revolution gegründet worden. Heute brauche es anderes. Der Trend gehe in Richtung Kleingemeinschaften, die psychotherapeutisch, supervisorisch oder sozialarbeiterisch tätig sind und Begleitung bei spirituellen Suchprozessen anbieten. „Natürlich haben auch die Stifte ihre Zukunft, wenn sie etwas anbieten, was den Bedürfnissen der Menschen entspricht“, meint Christine Rod und nennt als Beispiel Stift Altenburg mit seinen Gärten der Religionen, der Schöpfung und der Stille. „Die Zeit der großen Ordenskrankenhäuser und -schulen ist aber definitiv vorbei.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau