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Das Zeitalter des religiösen Wahnsinns

"Religion in der Politik" wurde nach dem 11. September auch vordergründig zum Top-Thema. Doch unterschwellig ist die Frage nach der politischen wie der politisierenden Religion schon längst virulent - und betrifft alle Religionen. Das furche-Dossier bietet dazu Anhaltspunkte - aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Zusammenhängen: * Nationalismus als die "Religion" des aufgeklärten Europa (Seite 13f),

"Seht das Blut des Bundes, den Jahwe mit euch auf Grund dieser Satzung geschlossen hat." Moses

Die Moderne ist vor allem geprägt von den Ideen des Nationalismus. Diese Epoche kann als das Zeitalter der Theomanie - des religiösen Wahnsinns - charakterisiert werden. Nationen und Völker werden mit religiösen, heilsversprechenden Attributen versehen; mit dem Aufstieg der Nationen sind Erlösungshoffnungen verbunden, die an die endzeitlichen Bilder der monotheistischen Offenbarungsreligionen anknüpfen.

Der Nationalismus kann nur auf dem Hintergrund eines grundsätzlichen Problems des Abendlandes verstanden werden: "Seit dem 17. Jahrhundert drängt sich eine fundamentale Frage in den Vordergrund, nämlich: wer tritt an die Stelle Gottes? An dessen Stelle erscheinen zwei neue Demiurgen (Weltenschöpfer): die Menschheit beziehungsweise die Gemeinschaft und die Geschichte, welche Allmacht, Souveränität und Überindividualität beanspruchen. So haben wir es mit einer Folge sich ablösender gnostischer Erkenntnis- und Erlösungssysteme zu tun, welche die humanistische Anmaßung der Selbstvergottung des modernen Menschen artikulieren." (Th. Lipowatz)

Politische Religion Nationalismus

Der Nationalismus der europäischen Geistestradition - insbesondere die deutsche Romantik - kann als die "heilige Revolution" der Moderne bezeichnet werden. Bei ihm handelt es sich um eine politische Religion, aus der sich alle anderen Totalitarismen ableiten lassen. Sämtliche struktur-ähnlichen Ideologien - Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus - sind nur Variationen dieses Themas. Der aufklärerische und der romantische Nationalismus stellen das zentrale Problem der europäischen Moderne dar; ob die Nation durch das Volk, die Partei et cetera ersetzt wird, ist von sekundärer Bedeutung.

Mit der Auklärung fing es an ...

In der Aufklärung werden die Vorstellungen "der Erziehung des Menschengeschlechtes" zu zentralen politischen Ideen; während frühere religiös-politische Messianismen von Zeit zu Zeit ausbrachen und in der Regel niedergeschlagen wurden, wird nun die Revolutionierung der gesamten Gesellschaft zum Programm. Religiöse Bevormundung und politische Unterdrückung werden von den Aufklärern kritisiert und sie entwickeln eigene politische Theorien gesellschaftlicher Emanzipation: Nicht nur das Ancien Régime steht zur Disposition und soll historisch verschwinden, sondern mit ihm auch der "alte Mensch". Die Aufklärung will durch Erziehung den "neuen Menschen" schaffen, der in einer vollkommenen sozialen Ordnung lebt. Über diese Ziele der menschlichen Emanzipation entstehen politische Messianismen, deren totalitäre Konsequenzen unübersehbar sind. Zwischen dem Ruf nach Freiheit und der idealen Gesellschaft entstehen Widersprüche, die innerhalb des aufklärerischen Denkens vielfach nicht lösbar sind. Eine totale Ordnung widersetzt sich gerade der Idee der individuellen Freiheit; sie muss den einzelnen Individuen eine kollektive Lebensform abverlangen, da ansonsten die ideale Gesellschaft nicht funktionieren könnte.

Der "Weltgeist" erfasst die Völker

In der Romantik wird die mythische Idee eines "Volksgeistes", der jedem Volk eigen sei, zu einer zentralen Vorstellung. Vor allem Gottfried Herder darf als Vordenker dieser Theorie genannt werden. Waren seine Schriften auch noch nicht einer explizit nationalistischen Sprache verhaftet, so schuf er doch die intellektuellen Voraussetzungen für seine romantischen Nachfolger, die wohl die nachhaltigsten intellektuellen Grundlagen für den Nationalismus schufen.

Johann Gottlieb Fichte bezeichnete die Deutschen als "Urvolk", das sich als einzige Nation eine "Ursprünglichkeit" erhalten und dem "sittlichen Verfallsprozess" der romanischen Länder widerstanden habe. Die Deutschen seien deshalb "göttlich" und von der Vorsehung dazu bestimmt, den drohenden Weltuntergang abzuwenden und zum Retter der gesamten Welt zu werden.

Auch Friedrich Hegel sieht die Deutschen als das letzte Volk, das vom "Weltgeist" erfasst ist, auserkoren, den krönenden Höhepunkt der Welt und damit den Abschluss der Weltgeschichte zu bilden. Diese nationalistischen Wahnideen werden aber nicht nur von deutschen Denkern vorgetragen - der romantische Nationalismus setzt sich im ganzen Abendland durch.

Säkularisiertes Christentum

Der Nationalismus darf als Mainstream der säkularisierten christlichen Erlösungshoffnung angesehen werden, alle anderen Vorstellungen können als Variationen davon interpretiert werden. Da also die politischen Religionen im Abendland solche Säkularisierungen christlicher Endzeithoffnungen darstellen, ist es nicht verwunderlich, dass sie häufig einen Antijudaismus beinhalten. Der moderne Antisemitismus stellt somit eine säkularisierte Form des christlichen Judenhasses dar, der sich zum radikalen völkermordenden Antisemitismus ausweitet.

Kaum Nationalismus im Kalten Krieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verhinderten die beiden Machtblöcke Ost und West das Aufleben einzelner starker Nationalismen; der daraus resultierende Kalte Krieg schuf politische und militärische Prioritäten, die nationalistische Interessen in den Hintergrund rückten. Die beginnende Integration Westeuropas zu einer Staatengemeinschaft schuf wesentliche Voraussetzungen zur Überwindung nationalistischer Tendenzen.

Erst der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" war ein Zeichen für die noch vorhandenen Potenziale nationalistischer Tendenzen, die unter der sowjetischen Herrschaft nur unterdrückt werden konnten, deren Ursachen aber nicht beseitigt waren. Die nationalistischen Erscheinungen und Kriege in Ost- und Südosteuropa zeigten die fehlende Ausbildung von Zivilgesellschaften, die eine wesentliche Vorbedingung für postnationalistische Gesellschaften darstellen.

Die Nationalismen der mittel- und osteuropäischen Staaten sind in ihren Ausprägungen unterschiedlich; im Falle von Beitrittskandidaten für die Europäische Union dürften nationalistische Eruptionen nicht zu erwarten sein, während in anderen Gesellschaften die Zukunft des Nationalismus ungewiss ist.

Nationale Mythen, nationale Kultur

Ein tragender Pfeiler der Nationalismen ist die nationale Kultur, die in den meisten Fällen die säkularisierte messianische Grundstruktur mit nationalen Mythen der Popular- und Hochkultur verknüpft. Richard Wagners Musik ist ein Beispiel für diese Synthese von christlicher Erlösungsinszenierung und germanischer Mythologie. Wagner ist ein wesentlicher Protagonist des deutschen Nationalismus, er sah in den Juden das gefährlichste Element des drohenden Weltuntergangs beziehungsweise der "Verjudung" Deutschlands. So war er überzeugt, dass die Juden über die Geldwirtschaft die ganze Welt beherrschten. Selbst die Kunst sah er in den Händen von Juden, die damit die "arische" Identität zerstörten. Deshalb beinhalten seine Opern für eingeweihte Wagnerianer die esoterische Aussage, die Macht der Juden zu brechen und das Judentum zum Untergang zu bringen. In seinen mannigfaltigen Schriften zu diesem Thema weist er immer wieder auf die Notwendigkeit hin, die Juden zu bekämpfen. Er predigt einen radikalen Antisemitismus, der den Nationalsozialisten auf das Höchste zuarbeitete.

Gerade nationale Kulturen im 19. Jahrhundert sind deshalb ein Hort des Nationalismus, im Namen von Kultur werden kaum vorstellbare Barbareien verübt. Nationalkulturen sind somit keine Barrieren gegen kulturellen Rückfall, sondern vielfach ihre Urheber. Erst die Überwindung von nationalen Kulturen - nicht aber von regionalen oder lokalen kulturellen Identitäten - kann zu einer postnationalen Identität führen.

Zeitgenössische Gesellschaften können kulturell nicht länger national definiert sein, da sie nicht mehr homogen sind und der Staat über eine subventionierte Hochkultur keinen Einfluss auf die kulturelle und damit nationale Identität mehr hat. Die populäre Kultur ist marktgesteuert und globalisiert, das bedeutet einen verminderten Einfluss nationaler Kulturen auf die Gesellschaften. Eine von der Nationalität entkoppelte Kultur könnte insofern zivilisatorisch wirken, als sie keinen nationalen Kontext mehr hat, dem sich auch die autonomen Künstler der Moderne oft nicht entziehen konnten.

Niedergang des Nationalstaates

In der Entstehung von Zivilgesellschaften drücken sich diese tief greifenden Veränderungen aus, die im Innern dieser Gesellschaften aber auch Ängste und häufig xenophobische Reaktionen erzeugen, die nicht mehr revidierbar sind.

Mit dem Niedergang des Nationalstaates verliert der Nationalismus sein Substrat, ein entideologisierter Staat und eine Civil society bieten keine Grundlage mehr für einen Nationalismus als Massenphänomen. Das Ende des Nationalstaats besiegelt letztlich auch das Schicksal des Nationalismus.

Nationalismus - ein globales Phänomen

Die Hoffnung der Überwindung des Nationalismus beschränkt sich jedoch im wesentlichen auf westliche Gesellschaften; in weiten Teilen der Welt wuchern nicht nur Nationalismen, sondern auch religiöser Terror. Im Grunde wiederholen sich hier die abendländischen Entwicklungen unter geänderten religiösen Voraussetzungen. Damit zeigt sich, dass politische Religionen nicht ausschließlich auf westliche Gesellschaften beschränkt sind, auch nicht-christliche Religionen können ebenso politisiert werden.

Globalisierung hat als Konsequenz den globalen Terror, die westliche Welt wird nun von vielen religiös motivierten Gruppen und Staaten satanisiert: damit werden religiöse und kulturelle Unterschiede in gefährlicher Weise zu endzeitlichen Auseinandersetzungen stilisiert.

Der einzige Ausweg - neben der notwendigen Bekämpfung des Terrorismus - ist ein verstärkter interreligiöser Dialog. Offen bleibt die Frage, ob eine globalisierte Welt nicht einer globalen Religion bedarf.

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