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"... dass das Leben ein Ende hat"

Der Philosoph Volker Gerhardt über die Notwendigkeit des Todes, die Verantwortung des Menschen, sein eigenes Ende mitzubedenken und die Chance von Religion unter modernen Lebensbedingungen.

Die Furche: Die moderne Gesellschaft, oft als "Fun-Gesellschaft" qualifiziert, verdränge den Tod, so heißt es. Teilen Sie diesen Befund?

Volker Gerhardt: Ich weiß, dass sich viele Menschen in Gedanken und in bewusster Vorsorge intensiv mit dem Tod beschäftigen. Deshalb stimme ich dieser Einschätzung nicht zu. Offenkundig aber ist, dass wir nicht mehr über die Rituale verfügen, die früher mit dem Sterben, dem Begräbnis und der Trauer verbunden waren. Es ist auch richtig, dass der Tod nicht mehr den Platz im öffentlichen Bewusstsein hat, den er früher innehatte. Jeder einzelne sollte sich selbst klar zu machen versuchen, was ihm die Tatsache seiner eigenen Sterblichkeit bedeutet; erst dann kann er Klage darüber führen, dass andere zu wenig darüber nachdenken.

Die Furche: Was ist an die Stelle der von Ihnen erwähnten überkommenen Rituale getreten? Welche Strategien hat die moderne Gesellschaft im Umgang mit dem Tod, dem Phänomen der Endlichkeit entwickelt?

Gerhardt: Die Veränderung im öffentlichen Umgang mit dem Tod hängt mit dem Vordringen der Individualisierung zusammen. Der Tod ist primär zu einem privaten Ereignis geworden. Anstatt darüber zu klagen, sollten wir uns darauf einstellen. Wir sollten uns um mehr Nähe, um mehr mitmenschliche Anteilnahme bemühen, die Menschen allemal, vor allem aber am Anfang und am Ende ihres Lebens benötigen. Wir brauchen eine intensivere Begleitung in den letzten Stunden. Dabei bin ich der Auffassung, dass dies nicht nur einfach eine Aufgabe "der" Gesellschaft ist: Weil jeder weiß, dass er sterben wird und jeder auch die Möglichkeit hat, ein Stück vorauszudenken, sollte er in seiner ganzen Lebensführung das eigene Ende mitbedenken. Familie und Freundschaft haben nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Wo sie fehlen, haben die Gesellschaften höchst aufwändig für Ersatz zu sorgen. Das sollte natürlich bei einem Sterbenden geschehen.

Die Furche: Familie, Freundschaften, sozialer Zusammenhalt ganz allgemein stehen ja dem von Ihnen beschriebenen Prozess der Individualisierung entgegen...

Gerhardt: Eben deswegen betone ich deren Unersetzlichkeit. Die alten Institutionen der Nähe sind uns nicht mehr selbstverständlich; sie haben einige ihrer Zwangsfunktionen eingebüßt - das begrüße ich. Nun haben wir die Aufgabe, uns aus eigener Einsicht um den Erhalt mitmenschlicher Beziehungen zu kümmern. Auch wenn die Alten ohne direkte Hilfe ihrer Kinder leben können und die Kinder vollends selbständig sind, gehört die Bemühung um den konkreten Zusammenhang der Generationen zu den unersetzlichen Momenten der Mitmenschlichkeit. Dabei sollten wir nicht nur an das Verlangen des Sterbenden denken: Es kann auch für den Hinterbliebenen schrecklich sein, dem Nächsten in der Stunde des Todes nicht beigestanden zu haben.

Die Furche: Ist der Tod heute noch ein skandalon, ein Ärgernis?

Gerhardt: Der Tod ist immer ein Ärgernis, wenn wir das vor uns haben, was uns im Leben wichtig ist, wenn wir an Verhältnisse denken, denen wir Dauer wünschen. Wenn jemand, wie wir sagen, sein Leben noch vor sich hat und der Tod alles abbricht - dann ist das unerträglich, unverständlich, unerhört. Dann bleibt uns nur ein ohnmächtiges Schweigen. Aber mit Blick auf den Gesamtzusammenhang des menschlichen Daseins, also auch mit Blick auf die Natur, ist es abwegig, von einem skandalon zu sprechen. Der Tod gehört zum Leben. Das Leben, wie wir es verstehen, ist darauf angewiesen, dass es sich immer wieder neu entwickelt und entfaltet. Die Geburt gehört zum Leben; zur Geburt aber gehört der Tod. Von daher ist es töricht, sich mit dem Tod nicht abzufinden. Er ist nicht nur die Bedingung des Lebens, sondern auch die des Lernens.

Die Furche: Nun meinen viele, dass sich in den Bemühungen der Biotechnologie die alten Sehnsüchte nach Unsterblichkeit, nach Überwindung des Todes erneut Bahn brächen. Wie stehen Sie dazu?

Gerhardt: Das ist wissenschaftlicher Okkultismus. Wir beobachten, dass es der Medizin - und mit ihr der sozialen Organisation einer Gesellschaft - gelingt, den Menschen länger leben zu lassen. Das ist erfreulich, auch wenn wir die damit verbundenen sozialen Probleme noch längst nicht bewältigt haben. Und es gibt keinen Anlass, anzunehmen, dass es der Medizin nicht auch gelingen könnte, den Menschen noch ein bisschen länger jung und leistungsfähig zu halten. Aber irgendwann muss gestorben werden. Irgendwann tritt der Tod aus biologischer und biographischer Notwendigkeit ein. Wo immer er das nicht tun sollte, dürfte das Leben für die Menschen unerträglich werden. Dann würden die "Unsterblichen" selber dafür sorgen, dass ihr Leben ein Ende hat.

Die Furche: Und wie steht es mit der Idee, die eigene Identität via Klon zu "retten"?

Gerhardt: Das zu hoffen, ist ein schlichtes Missverständnis. Die wenigen Mediziner, die es öffentlich nähren, weil sie ein Geschäft mit der Dummheit ihrer Klientel machen wollen, wissen das genau. Die Menschen haben durchschnittlich die Möglichkeit, durch Zeugung dafür zu sorgen, dass etwas von dem, was für ihr Leben wichtig ist, in irgendeiner Weise erfahren und unter Umständen auch fortgesetzt werden kann. Insofern können sie über die eigene Lebensgrenze hinaus anwesend sein. Aber dass man dies durch Schaffung eines genidentischen Wesens tun könnte, ist schon deswegen falsch, weil die genetische Identität noch nicht bedeutet, dass sie wirklich zu Wesen mit gleichem Aussehen und gleichem Verhalten führt. Denn die künstlich stimulierten Individuen kommen zu einem anderen Zeitpunkt zur Welt als das Original; sie leben also nicht unter genau den gleichen Umständen, werden sich daher anders entwickeln - und somit anders sein als ihre Urheber.

Die Furche: Religiöser Glaube hatte immer auch eine Entlastungsfunktion: ich weiß, dass ich nicht alles selber tun muss, die allerletzte Verantwortung für mein Leben und für diese Welt liegt nicht in meinen Händen. Gibt es etwas, das - nach dem Verlust der Transzendenz - diese Funktion heute ausfüllen kann?

Gerhardt: Viele Denker haben es offensichtlich als eine Befreiung empfunden, sich nicht mehr zum Gott einer Religion bekennen zu müssen. Manche hatten auch die Hoffnung, davon würde eine Steigerung des menschlichen Selbstwertgefühls ausgehen, nun könne sich der Mensch, von allen himmlischen Ansprüchen befreit, ganz seinen irdischen Aufgaben zuwenden. Doch die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts reichen aus, um uns klarzumachen, dass es nur bei wenigen Menschen zu einer säkularen Kraftsteigerung gekommen ist; sie war in einigen Fällen verheerend. Die allgemeine Befreiung des Menschen zu einer selbstbestimmten Humanität ist ausgeblieben; die "große Loslösung", von der Nietzsche träumte, ist in Verbindung mit den postreligiösen Ideologien sogar ins Gegenteil umgeschlagen. Wir haben ernüchtert festzustellen, dass der Mensch auch ohne Bindung an einen Glauben in vielfältige Zusammenhänge eingebunden bleibt; er hat zahllose irdische Hypotheken abzutragen, zu denen natürlich die geschichtliche Überlieferung gehört. Ihr müssen wir auch die Religionen zurechnen. So schnell also werden wir sie nicht los. Gleichwohl lockert sich der kirchliche Zwang. Das ist zu begrüßen. Aber damit ist noch nichts über den Glauben gesagt.

Die Furche: Was ließe sich dazu unter modernen Lebensbedingungen sagen?

Gerhardt: Nach meinem Urteil haben wir die Säkularisierung eher als Befreiung zu einem individuell ergriffenen Glauben anzusehen. Was die großen Theologen schon seit Jahrtausenden lehren, dass nämlich Wissen und Glauben nicht zusammenfallen, kann nun zu einer allgemeinen Praxis werden. Jetzt kann sich jeder aus eigener Kraft - und im Bewusstsein eigener Schwäche - eine eigene Sinnperspektive geben. Er kann es, wenn er den Antrieb und die Kraft dazu verspürt. Er muss es aber nicht! Da anzunehmen ist, dass nur wenige die Kraft zum eigenen Glauben aufbringen, hat man vielmehr davon auszugehen, dass es auch in hoch individuierten Gesellschaften weiterhin Kirchen geben wird. Dass ich heute über Fragen des Glaubens anders denke als noch vor 30 Jahren, hat mit der Erfahrung des Widerstands in den totalitären Gesellschaften des Ostens zu tun. Die Menschen, die sich nicht anpassen wollten, waren vollkommen auf sich zurückgeworfen. Und so haben sie die Kraft zum Widerstand nicht selten aus ihrem Glauben gewonnen. Damit ist auch unter modernen Lebensbedingungen bewiesen, dass der Glaube nicht schwächen muss, wenn es um irdische Ziele geht.

Die Furche: Doch es hat ja auch Widerstand gegeben, der sich definitiv nicht aus religiösen Quellen gespeist hat...

Gerhardt: Da haben Sie recht! Es liegt mir fern, aus dem Glauben nunmehr ein politisches Dogma zu machen. Ich sage nicht, dass jeder Mensch den Glauben braucht. Viele sagen noch heute mit Stolz, dass sie in den religiösen Fragen "unmusikalisch" sind. Diesen Begabungsmangel muss man ihnen lassen. Wer heute mit Beweisen oder Versprechungen missioniert, kann nur die Ungebildeten erreichen. Der Glaube, von dem ich spreche, kann sich nur exemplarisch erweisen: dadurch, dass jemand in seiner Lebensführung ohne weitere Absicht zeigt, dass sein Glaube ihm die Kraft gibt, das für ihn Beste zu tun. Dabei gehe ich davon aus, dass kluge Menschen wissen, dass sie ihre eigene Kraft nicht unabhängig von Traditionen und Institutionen entfalten können. Eine Besonderheit des Menschen liegt darin, dass er von seinen eigenen Schwächen wissen kann. Aus und in diesem Wissen entstehen Technik, Politik, Wissenschaft und Kunst. Aus dem Bewusstsein der eigenen Schwäche sind auch die Religionen hervorgegangen. Nur wer sie mit Technik, Politik oder Kunst verwechselt, kann sie für entbehrlich halten.

Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner.

Prof. Dr. Volker Gerhardt, geb. 1944, ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Mitglied des Nationalen Ethikrates der Bundesrepublik Deutschland. Zuletzt von ihm erschienen: "Der Mensch wird geboren. Kleine Apologie der Humanität" (2001); "Immanuel Kant. Vernunft und Leben" (2002).

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