Dass es den Ort einer anderen Existenz gab

Ilse Aichinger, die österreichische Dichterin, die dieser Tage den 80. Geburtstag feierte, überlebte, obwohl "Halbjüdin", das Dritte Reich in Wien. Mitarbeiter der "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" waren für sie Lebensretter in einer todbringenden Zeit.

Am Allerheiligentag ist sie geboren, vor achtzig Jahren: Ilse Aichinger, eine der Stillen der österreichischen Literatur, die in den "Literaturbetrieb" so gar nicht passt. Ihr Essay "Aufruf zum Misstrauen" von 1946 ist mir nie mehr aus dem Kopf gegangen, seitdem ich als Gymnasiast, angeleitet von einem wunderbaren Deutschlehrer, ihren einzigen Roman "Die größere Hoffnung" las.

Vor Jahren bin ich ihr einmal begegnet, zufällig: nicht in ihrem Lebensmittelpunkt Kino (worüber "Film und Verhängnis", ihr jüngstes, autobiographisches Buch, beredt Zeugnis gibt), sondern im Kaffeehaus, genauer: im Café Hawelka. Ich bemerkte dort, zwei Tische weiter, eine kleine Frau. Sie saß im Wintermantel da und kramte in zwei Tragtaschen herum. Da erkannte ich die Unscheinbare, die einen scheuen Eindruck machte. Ich schaute hin, einen Augenblick zu lang vielleicht. Jedenfalls bemerkte sie das, und dann hielt es sie nicht mehr, und "Fräulein Kafka", wie Ilse Aichinger wegen ihres Erzählstils in Anlehnung an Franz Kafka manchmal genannt wird, machte sich plötzlich auf.

Damals besorgte ich mir einen schmalen Band, den der Fischer Verlag 1996 zu ihrem Fünfundsiebziger präsentiert hat: "Kleist, Moos, Fasane". Er versammelt kürzere und längere Notate: undatierte Erinnerungen, Aufzeichnungen aus den Jahren 1950 bis 1985, Aphorismen, Äußerungen zu anderen Dichtern: Joseph Conrad, Georg Trakl, Franz Kafka, Nelly Sachs oder Thomas Bernhard (der Band wurde soeben, um eine Audio-CD mit einer Autorenlesung angereichert, neu aufgelegt).

Die "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken"

Der vierte Text, keine fünf Seiten lang, ist mit "Hilfsstelle" überschrieben. Namen werden nicht genannt. Aber um zwei Namen geht es darin: um den Wiener Erzbischof Theodor Innitzer und um den Jesuiten Ludger Born. Schon nach den ersten Zeilen blitzte in mir bei dem Ausdruck "Hilfsstelle" Karl Rahner auf, der in der ersten Hälfte der 40er Jahre als Ordinariatsrat im Wiener Seelsorgeamt mit Karl Rudolf zusammenarbeitetete und sich in Interviews nicht nur an Vorträge von Erich Przywara oder Alfred Delp erinnerte, sondern auch an seinen norddeutschen Mitbruder Ludger Born (1897-1980), der die 1940 von Kardinal Innitzer eingerichtete "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" leitete.

Als "nichtarische Katholiken" galten zum Beispiel getaufte Juden. Diese hatten bis dahin von keiner Seite Rechtsbeistand oder Fürsorgehilfe erfahren, auch nicht von der Israelitischen Kultusgemeinde. Die nach Kriegsende als "Zentrale Hilfsstelle der Caritas" weiterbestehende Einrichtung wurde von Kardinal Innitzer, anderen Bischöfen und sogar von Papst Pius XII. finanziell direkt unterstützt. Sie half mittellos gewordenen Menschen, die aufgrund von Zwangsevakuierungen ihre Existenz als "U-Boote" (so der Wiener Kirchenhistoriker Franz Loidl) fristen mussten, und war die einzige Einrichtung dieser Art durch einen Bischof im deutschen Sprachraum, wie Kardinal Christoph Schönborn wiederholt in Erinnerung rief.

Vielleicht wären manche fortgegangen, wäre nicht ...

"Hilfsstelle" beginnt mit einer Aufzählung, einer Umschreibung dessen, was diese Jahre ausmachte für die, die keine Herrenmenschen waren: "Unsicherheit, Furcht vor Bomben und Staatspolizei, Gerüchte, Deportationsmöglichkeiten, schlechte Nachrichten". Für Ilse Aichinger sind diese Eindrücke wie "ein finsterer Vorhang, und vielleicht wären manche von uns fortgegangen aus diesem Raum, der sich unsere Welt, unser Leben nannte, wäre nicht der blitzende Streifen gewesen, der uns das Licht hinter dem Vorhang bewies, die Möglichkeit einer anderen Existenz, der Wärme, der Geborgenheit, des Spiels. Des sinnvollen und unaufhebbaren Augenblicks."

Für die Tochter einer jüdischen Ärztin, die die Deportation und Ermordung ihrer Großmutter und der jüngeren Geschwister ihrer Mutter erleben musste, wurde die Organisation Innitzers zu einem Hoffnungsort: "Dass es einen Ort gab wie den Universitätsplatz oder den kleinen Anbau im zweiten Hof des Erzbischöflichen Palais: ich weiß viele, für die das der einzige, und genug, für die es der letzte Beweis dieser anderen Existenz war."

Er kam, bereit zu bleiben

An ihrem geistigen Auge lässt Ilse Aichinger Orte vorüberziehen, Personen, Stimmungen. Die "Bilder von damals" sind ohne großes Pathos festgehalten. Sie bewahren den Augenblick, den anderen, den rettenden: "unser Pater, der Äpfel oder Nüsse über den Tisch warf, der nach den schwierigsten Augenblicken des Tages fragte, und wie man ihnen beikommen könne, der gelassen den Platz vor der geheimen Polizei kreuzte, die Brücken, wann immer es ihm nötig erschien; seine Helferinnen, die uns zu Schwestern oder Müttern wurden, oder zu beidem, die heimlichen Proben zu unseren Festen, zu denen manchmal der Kardinal kam, als Gastgeber der Hilfe und als ihr Gast. Nicht wie Wohltäter zu Waisenhausfesten zu kommen pflegen, mit einem raschen Lächeln und ebenso rasch entschlossen zu gehen. Er kam, bereit zu bleiben und nicht nur den Augenblick der Freude mit uns zu teilen."

Man kann diese Schilderungen nicht lesen und in sich aufnehmen ohne innere Anteilnahme. Warum so viele Anspielungen? Warum keine Namen? Wer nachdenkt, dechiffriert schnell, wer Ilse Aichinger liest, versteht, dass historisches "Outing" ihre Sache nicht ist.

In "Kleist, Moos, Fasane" hat sie einem ein literarisches Denkmal gesetzt, der von mancher Seite nach wie vor hartnäckig fast ausschließlich mit der unseligen, von ihm selbst mit der Paraphe und "Heil Hitler!" unterzeichneten Unterstützungserklärung der Österreichischen Bischofskonferenz zur Volksabstimmung am 10. April 1938 in Verbindung gebracht wird.

Erinnert ist feinfühlig an das, was für Ilse Aichinger und viele andere "der letzte Beweis dieser anderen Existenz war" und offenbar blieb, lebenslang: "Bis zuletzt werden wir Dächer und Türme der Hilfsstelle von damals über uns fühlen, werden die Helfer von damals schützend in unseren Türen stehen, um die Schrecken abzuwenden oder wo das unmöglich ist, sie zu teilen."

Anders als ihre Zwillingsschwester, die nach England emigierte, blieb Ilse Aichinger damals in Wien, um als Halbjüdin ihre Mutter zu schützen. Nahe der Gestapozentrale am Morzinplatz wurden sie einquartiert. In einer Notiz von 1956 hält sie fest: "Jeden Tag die Verzweiflung neu erwerben, aus der der Mut kommt."

Ilse Aichinger ist an ihrem Mut nicht verzweifelt. Sie hat den Gesten stets misstraut, den großen Gefühlen, wohl auch einer Erinnerungsrhetorik, die vom Kalender vorgegeben wird. Sie hatte den Mut zu bleiben. Vielleicht auch wegen einer Ahnung, die sie Jahrzehnte später, 1996, zu Papier gebracht hat: "Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren."

Der Autor ist stellvertretender Redaktionsleiter der Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit" in München.

Buchtipps

KLEIST, MOOS, FASANE. Von Ilse Aichinger mit CD-Hörprobe "Spiegelgeschichte", gelesen von der Autorin. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., Sonderausgabe 2001. 121 Seiten, kt., öS 171,-/e 12,43

FILM UND VERHÄNGNIS. Blitzlichter auf ein Leben. Von Ilse Aichinger. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2001. 160 Seiten, geb., öS 257,-/e 18,68

Auch im eben erschienen Lyrikband "Kurzschlüsse. Wien" erzählt Ilse Aichinger von ihren Erfahrungen in Wien zur Zeit des Nationalsozialsimus:

KURZSCHLÜSSE. WIEN. Prosagedichte.Von Ilse Aichinger. Edition Korrespondenzen, Wien 2001. 96 Seiten, geb., öS 255,-/e 18,54

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