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Denker auf dem Thron

Als krisenhaft gilt das Pontifikat Benedikts XVI. Doch dieser Papst, der am 16. April seinen 85. Geburtstag feiert, sollte auch an den Nuancen seiner Amtsführung gemessen werden.

Bei der Chrisam-Messe am Gründonnerstag holte Papst Benedikt XVI. zum Tadel gegen die österreichische Pfarrer-Initiative mit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam“ aus. Man wolle den Autoren glauben, dass sie überzeugt seien, "der Trägheit der Institution mit drastischen Mitteln begegnen zu müssen.“ Aber im Ungehorsam sei keine "Gleichgestaltung mit Christus“ zu spüren, sondern der "verzweifelte Drang, die Kirche nach unseren Wünschen und Vorstellungen umzuwandeln.“

Was fehlt, ist die Bereitschaft, auf Argumente einzugehen. Aber es ist interessant, dass der Papst von der "Trägheit der Institution“ spricht und sich die - rhetorische - Frage stellt, ob mit seinen Erwägungen "der Immobilismus, die Erstarrung der Traditionen“ verteidigt werde. Spürt der Intellektuelle auf dem Papstthron also etwas von dem, was vielen Menschen die Identifikation mit der Kirche derzeit schwer macht?

Ein "Drang, nach eigenen Vorstellungen umzuwandeln“: Der Vorwurf wird von einem Mann erhoben, der seit mehr als drei Jahrzehnten an Kommandostellen der katholischen Kirche steht und sie nach seinen konservativen Vorstellungen geformt hat. Die Theologie der Befreiung etwa, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation zu "politisch“ schien, ist heute marginalisiert. In der Frage der Frauenordination argumentiert Papst Benedikt mit der Entscheidung seines Vorgängers, die er selbst mitformuliert hat. Hält man nach so langer Zeit an der Spitze das eigene Denken für das Raunen des Geistes? Der Vatikan-Journalist Marco Politi ortet jedenfalls bei einer Mehrheit von Gläubigen, aber auch unter Bischöfen und Kardinälen den Wunsch nach offener Diskussion: "Wohin gehen wir, wie stehen wir in der modernen Welt - und was muss man ändern?“

Fortschrittlich in einer Rückwärtsbewegung

Der Papst wird 85. Auch seine Kritiker gestehen ihm zu, ein persönlich liebenswürdiger und bescheidener Mensch geblieben zu sein. Schüler wie der Dogmatiker Wolfgang Beinert schätzen Joseph Ratzinger als liberalen Lehrer. Er habe gut argumentierten Widerspruch immer zu schätzen gewusst, heißt es. Als Professor und Kardinal war er begehrter Diskussionspartner, auch für Agnostiker. Die Freiheit des Geistes ist seinen Texten nicht abhandengekommen. Seine Enzykliken sind klar formulierte Impulstexte, seine Reden auf hohem Niveau.

Seinen Ruf als fortschrittlicher Theologe und Konzilsberater erwarb sich Ratzinger durch eine Rückwärtsbewegung. Er brach die engen Denkräume der Scholastik auf und versorgte die Studierstuben mit frischem Wind aus früherer Zeit. Heilige Schrift und Kirchenväter wurden ihm wichtig, seine Devise "Glaube und Vernunft“ atmet heute noch den Geist griechischer Philosophie. In der Wahrnehmung Beinerts ist Ratzinger aber Platoniker geblieben: das Ideal sei im Bereich der Ideen zu finden, die durch Irdisch-Materielles verdunkelt würden.

Seine häufig konstatierte kritisch-defensive Grundhaltung gegenüber der Zeit dürfte in diesem Denken begründet sein. Schon zur Konzilszeit wuchsen Joseph Ratzingers Bedenken gegenüber einer "Kirche von unten“ mit aus seiner Sicht völlig überzogenen Reformerwartungen. Den wahren Schock aber erlitt er im Zug der Studentenproteste 1968 in Tübingen. In einer autobiografischen Schrift beschreibt er die "Zerstörung der Theologie durch ihre Politisierung im Sinn des marxistischen Messianismus.“ Er habe das "grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit“ unverhüllt gesehen. Wolfgang Beinert berichtet, Ratzinger habe sich Vorwürfe gemacht, durch seine Liberalität zum Verfall beigetragen zu haben. Ein "Trauma, durch Veränderungen Lawinen auszulösen“, sei die Folge gewesen.

Im krisenreichen Pontifikat Benedikts sind durchaus Errungenschaften zu verzeichnen. Seit dem missglückten Mohammed-Vergleich in seiner Regensburger Rede 2006 ist klar, dass ein römischer Pontifex auch seine interreligiöse Funktion wahrnehmen muss. Ein katholisch-islamisches Dialogforum wurde ins Leben gerufen. Benedikt hat Auschwitz, Yad Vashem und Synagogen besucht und damit klargemacht, dass ein gutes Verhältnis zum Judentum nicht nur im Interesse seines Vorgängers lag. Dass er trotz bekannter Vorbehalte gegenüber dem "Geist von Assisi“ zuletzt auch an dem interreligiösen Treffen in Assisi teilnahm, hat Freunde wie Skeptiker überrascht.

Laut Umfragen hat der Papst dennoch viel Sympathie eingebüßt. Das liegt nicht nur am schleppend-defensiven Umgang Roms mit dem Missbrauchs-Skandal. Es liegt vor allem an seinem Hauptprojekt: der Versöhnung mit der schismatischen Pius-Bruderschaft. Benedikt ist den Konzil-Verweigerern weit entgegengekommen. Er hat der tridentinischen Messe wieder Raum gegeben, er hat die Exkommunikation von vier Bischöfen aufgehoben - und sich dabei den Riesenskandal um den Holocaust-Leugner Williamson eingehandelt. Offensichtlich um jeden Preis möchte er verhindern, dass sich die Kirchenspaltung verfestigt - und übersieht dabei, dass viele Positionen der Pius-Brüder zu Recht als überholt gelten. Jetzt steht der Papst im Verdacht, er selbst sei nicht abgeneigt, das Rad in manchen Punkten bis vor das Konzil zurückzudrehen.

Stillstand mit bedeutenden Nuancen

Reformanliegen jedenfalls liegen auf Eis. Von einem "Pontifikat des Stillstands“ spricht der Vatikanist Marco Politi. Doch in einem solchen Stillstand werden Nuancen bedeutend. Etwa der Besuch im Erfurter Augustinerkloster vergangenen September. Die Augen fest ans Manuskript geklammert, erklärte der Papst, warum er keine "Gastgeschenke“ mitgebracht habe. Mit keinem Satz ging er auf die Hoffnung vieler Anwesender ein, evangelische Partner in konfessionsverbindenden Ehen könnten zum Kommunionsempfang in katholischen Gottesdiensten zugelassen werden.

Allerdings: Die Tatsache, dass der Papst an eine Wirkstätte Luthers gekommen war, hatte alle Erwartungen bereits übertroffen, erzählt Katrin Göring-Eckardt, Präses der evangelischen Synode. Feine Ohren registrierten, dass er in der Begegnung zuvor von "Kirchen der Reformation“ gesprochen hatte, anstatt daran zu erinnern, dass er diese nicht als "Kirchen im eigentlichen Sinn“ betrachte. Schließlich fanden Katholiken wie Protestanten, der Papst habe nichts ausdrücklich verboten, sondern "den Schlüssel dagelassen“. Man könne die Sache also selbst in die Hand nehmen. Göring-Eckardt gab dem "Bruder Papst“ in ihrer Ansprache einen bedeutsamen Satz mit auf den Weg: "Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen auch, dann brechen sie von innen auf: weil die Menschen von der Freiheit wissen.“

Die Kirche stammt "eigentlich“ aus einer Zeit, in der der Fischer Schimon noch nichts von einem Thron wusste. Vielleicht vollzieht der alte Papst wie der junge Theologe eine fortschrittliche Bewegung nach rückwärts. Vielleicht leidet er tatsächlich an der Langsamkeit der Institution und möchte dem Papsttum im Rückgriff auf jesuanisch-prophetische Impulse eine Bescheidenheit geben, die sie fürs junge Jahrtausend tauglicher machte als das herrschaftliche Gepränge, das sie seit Zeiten großer Macht umgibt. Vielleicht gelingt es ihm sogar, in Reformvorschlägen nicht nur einen "verzweifelten Drang“ zu sehen, sondern die Zukunftskraft einer lebendigen Kirche. Es wäre ein Grund mehr, Papst Ratzinger gute Gesundheit und ein langes Leben zu wünschen.

Der Autor ist TV-Religionsjournalist. Sein Beitrag über Benedikt XVI. ist in "Orientierung“, So 15.4., 12.30, auf ORF 2 zu sehen.

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