Kirchentor - © iStock/carminesalvatore

Der achte Tag - eine Adventbetrachtung

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Das größte Rätsel gibt uns der siebente Tag auf. Warum „ruhte“ Gott? War er seiner Schöpfung, die er für „gut“ befunden hatte, müde geworden? Eine Betrachtung am Beginn des Advents.

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Das größte Rätsel gibt uns der siebente Tag auf. Warum „ruhte“ Gott? War er seiner Schöpfung, die er für „gut“ befunden hatte, müde geworden? Eine Betrachtung am Beginn des Advents.

Er ist alt geworden, Orte, die einst belebt waren, haben sich geleert. Sie sind in seine Erinnerung zurückgesunken, wo sie nun als Sehnsucht fortdauern. Es ist wieder einmal Advent.

Die Bilder, die jetzt sein Morgenleben am Fenster bestimmen, nehmen einen Anhauch der Nacht mit. Sie sind mythogen. Die Leere vor Ort gegenüber: die Kirche des Karmelitinnenklosters, angebaut an einen Gebäudetrakt, immer nur Dunkelheit hinter den fest verschlossenen Fenstern. Die Kirche, deren Glocke um 7.30 Uhr zum Gottesdienst einlädt, bimmelt gegen das Tosen des Morgenverkehrs an; sie steht ein wenig erhöht gleich neben der Durchzugsstraße.

Und da ist die sehr betagte Frau auf dem kleinen Treppenabsatz vor dem Gotteshaus. Für den Beobachter am Morgenfenster ist diese Frau, die sich in der Mitte ihres – wie ihm scheint – winzigen Körpers verbiegt, „die Hüftschwache“. Auch die griechischen Göttinnen trugen Beinamen. So wird der kleine leere Platz vor der Kirche, deren Front kalt und verstaubt ist, zu einem Ort aus der Tiefe der Zeiten. Die Hüftschwache kämpft gegen die Schwere des eisenbeschlagenen Türholzes. Sie schlüpft durch den Spalt, der sich auftut.

„Reich Gottes“ – vollendet?

„‚Das Reich Gottes ist nahe‘: gilt immer noch“ – so Peter Handke in seinem Altersjournal „Vor der Baumschattenwand nachts“. Kein Punkt am Ende der Notiz. Alles kreist, scheint mir, um eine unausrottbare metaphysische Evidenz. Sie lässt sich nicht in Worte fassen, ohne auf das Bild der Welt als einer Schöpfung zurückzugreifen. Etwas haftet den Erscheinungen an, lässt sie aus der Leere hervortreten, verleiht ihnen Realität – Seelenhaftes –, wenn auch immer nur unvollendet. Die Erfüllung, Vollendung des „Reich Gottes“, worin die Seele in ihrem unverstellten Glanz leuchten mag, steht immer noch aus.

Das größte Rätsel gibt uns der siebente Tag auf. Warum „ruhte“ Gott? War er seiner Schöpfung, die er für „gut“ befunden hatte, müde geworden?

Je tiefer wir in die Schöpfung eingedrungen sind, desto unklarer wurde uns, worauf, gemessen an der Realität, das Wort „Schöpfung“ überhaupt verweisen könnte. Schöpfung, das wurde ein Konzept des Mythos, in dem Gott nun als eine Ausgeburt des noch kindlich denkenden Gehirns existieren musste. Unverständlich wurde vor den Einblicken, die sich der menschliche Verstand angeeignet hatte, was es bedeuten sollte, dass die Schöpfung gut sei.

Die Dunkelheit hinter den Fenstern der Karmelitinnen ist ein Faktum. Es ist dunkel. Aber indem ich das Faktum als solches benenne, wird dem Betrachter – mir – die Dunkelheit zur Eintrittspforte in eine Welt, in der alle Dinge nach ihrem Erretter Ausschau halten. Alle Dinge sind einsam. Die Stimmung meiner Welt am Morgenfenster, in der die Fakten undurchdringlich scheinen, ist die Welt der Dinge, deren innerste Realität sich aus der Bedrängnis nährt, endlich erlöst zu werden – erlöst von ihrer „Faktizität“, die lautet: Es ist, wie es ist.

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