Digital In Arbeit

Der Atheismus kehrt wieder

Über die Rückkehr eines totgesagten Phänomens.

In fast allen Diagnosen zur religiösen Situation der Gegenwart wird von einer "Wiederkehr des Religiösen", von einer "Respiritualisierung" oder auch "Revitalisierung der Religionen" gesprochen. Ebenso besteht seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein fast einhelliger Konsens, dass Säkularisierung kein irreversibler Prozess ist, der zu einer immer stärkeren Auflösung von religiösen Einstellungen und Haltungen führt, sondern dass im Gegenteil die Religiosität im Wachsen ist, wie aktuelle religionssoziologische Untersuchungen auch bestätigen. Demnach wächst die Anzahl derer, die an Gott, wenn auch oft in der recht allgemeinen Weise eines "höheren Wesens", glauben.

Eine neue Religions-Lage

Ebenfalls seit den 70er Jahren hatte sich eine signifikante Veränderung im Erscheinungsbild des traditionellen Atheismus vollzogen, sodass man zu Recht von einem Gestaltwandel desselben sprechen konnte. Der Atheismus verstand sich nun nicht eigentlich und direkt als antireligiös, sondern weithin als unpolemisch und weniger positionell, jedenfalls nicht so entschieden antitheistisch, wie es noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall war, wo es um klar definierte Antipositionen gegenüber der Religion, vor allem dem Christentum, ging. Die wissenschaftlichen Studien zu diesem Phänomen wie auch dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gingen ebenfalls stark zurück. Es konnte der Eindruck entstehen, als sei der "Tod Gottes" nun selbst für "tot", das heißt für die Gegenwart irrelevant erklärt worden.

Seit kurzem aber ist durch einen "neuen" Atheismus einiger angelsächsischer Wissenschaftler, aber auch von Philosophen im französischen Sprachraum die vielfach totgesagte radikale Religionslosigkeit medienwirksam wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten. Ich beziehe mich im Folgenden außer auf Richard Dawkins' Thesen vor allem auf das Werk The End of Faith (2005) von Sam Harris mit dem bezeichnenden Untertitel Religion, Terror and the Future of Reason, sowie auf Michel Onfrays Buch Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss (dt. 2006).

Jüdisch-christlicher Kontext

Wie ist dieses Neuaufleben eines dezidierten Atheismus im Kontext der gesamtreligiösen, weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Situation einzuschätzen? Und was bringt diese jüngste Variante eines erklärten Atheismus Neues gegenüber den "klassischen" Formen der Gottesleugnung? Einige Beobachtungen zum Phänomen des neuzeitlichen Atheismus allgemein und zur aktuellen Diskussion im Besonderen sollen hier aus religionswissenschaftlicher und-philosophischer Sicht genannt werden.

Der "klassische" Atheismus hat sich - nach ersten radikalen materialistischen Entwürfen in der Mitte des 18. Jahrhunderts - besonders seit dem 19. Jahrhundert in konfrontativer Auseinandersetzung mit dem biblischen, dem jüdisch-christlichen Gottesverständnis entwickelt. Dieser Atheismus hat deshalb eine spezifische Struktur, die ohne Beachtung des Entstehungskontextes innerhalb der Religionsgeschichte des Christentums nicht angemessen verstanden werden kann. Dies trifft schon für jene Philosophen der französischen Aufklärung (wie J. O. de La Mettrie und P.-H. Th. d'Holbach) zu, für die die Annahme eines Schöpfergottes nicht mehr notwendig war, um die Ordnung des Kosmos zu erklären.

Auch an Feuerbachs Redeweise von der Auflösung der Theologie in Anthropologie, also an seiner Auffassung, dass "das Geheimnis (…) des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist", ist erkennbar, dass sie in der Auseinandersetzung mit spezifisch christlichen Glaubensvorstellungen entstanden ist. Und Nietzsches Verkündigung des "Todes Gottes" ordnet gerade den christlichen monotheistischen Gott unter die Reihe der "sterblichen Götter" ein.

Der gegen den jüdisch-christlichen Monotheismus gerichtete Atheismus unterscheidet sich daher sowohl vom A-Theismus der griechischen Antike, für den ein polytheistischer Kontext maßgebend war, und er ist ebenso verschieden vom A-Theismus in mehreren östlichen Philosophien und Religionen, in denen - wie zum Beispiel im Buddhismus - die Annahme eines (absoluten) Gottes abgelehnt wird; im Unterschied zum westlichen (radikalen) Atheismus kann man in beiden Fällen eher von einem A-Theismus, einem Nicht-Theismus sprechen.

Neue Akzentuierungen

Bei dem erwähnten Neo-Atheismus unserer Tage scheinen mir folgende zwei Aspekte besonders beachtenswert zu sein: einerseits wird in ihm - über das Judentum und Christentum hinausgehend - der Islam in die generelle Monotheismuskritik miteinbezogen (vor allem im Zusammenhang mit dem Fundamentalismus); und andererseits wird die weiterentwickelte Evolutionslehre als Argument gegen die Annahme eines (Schöpfer-) Gottes verwendet.

Unter gleichzeitiger Beachtung dieser beiden Aspekte werden zwei grundlegende Ausprägungen des Fundamentalismus der Kritik unterzogen, auf deren Zusammenhang bei der Erklärung des Begriffs des Fundamentalismus stets hinzuweisen ist: einerseits auf dessen Ursprung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als (protestantische) christliche Fundamentalisten aufgrund eines wortwörtlichen Bibelverständnisses unter anderem die Evolutionstheorie entschieden ablehnten, und andererseits auf radikal-islamische politische Bewegungen seit Ende desselben Jahrhunderts.

Beide Phänomene scheinen historisch und inhaltlich weit auseinander zu liegen; doch in beiden Fällen zeigt sich deutlich die Zusammengehörigkeit von unhinterfragbarem verbalem Verständnis heiliger Texte und dessen möglichen politischen Auswirkungen. Von Vertretern des so genannten "neuen Atheismus" werden diese beiden Phänomene zugleich Zielpunkt einer radikalen Kritik.

Der aktuelle Atheismus reagiert somit auf Entwicklungen der Gegenwart, wobei, wie zusammenfassend gesagt werden kann, zwei Tendenzen der die Moderne begleitenden Kontroverse zwischen Religion und Religionskritik heute verschärft hervortreten: die rational-wissenschaftliche im Bereich des Gegensatzes von Kreationismus und Evolutionslehre; und die politisch-moralische in der Kritik an religiös motivierter Gewalt des Terrors und des Krieges. Im heutigen Atheismus kommt den beiden genannten Tendenzen eine zentrale Rolle zu.

Aktuelle Religionskritik

Es muss aber gesehen werden, dass trotz der neu akzentuierten Aspekte dieser Religionskritik in ihr vielfach eine sehr pauschalierende Sicht des Monotheismus bzw. der monotheistischen Religionen vorherrscht. Die in den Religionen eingetretenen Veränderungen in Richtung Anerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte werden oft nicht gesehen, wie insbesondere die religiös motivierte Kritik an struktureller Gewalt und anderen Formen der Diskriminierung.

Dennoch sollte die Antwort der Religionen ihrerseits eine selbstkritische sein. Denn der "neue Atheismus" kann als eine "kritische Reaktion" gegenüber problematischen Entwicklungen religiös motivierten Handelns verstanden werden, wie das Zweite Vatikanische Konzil schon hinsichtlich des "klassischen" Atheismus treffend formuliert hat. Er ist eine ernsthafte Herausforderung, auf die eine überzeugende Antwort für die Gegenwart erwartet wird - sowohl "nach außen": zu der von der Aufklärung geprägten säkularen Kultur und autonomen Wissenschaft hin, als auch "nach innen": zum Umgang mit der religiösen und spirituellen Suche in der gegenwärtigen Kultur.

Meines Erachtens geht es angesichts der heutigen Religionskritik primär um eine Selbstbesinnung der Religionsgemeinschaften auf ihre substanziellen Aufgaben. Dabei kommt einer persönlichen Glaubenserfahrung und einer spirituellen Vertiefung eine grundlegende Bedeutung zu; eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Religionskritik könnte auf diesem Weg auch zu einem geläuterten und reiferen Glaubensverständnis beitragen.

Der Autor ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Wien.

Wir brauchen keinen Gott

Warum man jetzt Atheist sein muss

Von Michel Onfray

Piper Verlag, München 2007

319 Seiten, kart., € 9,20

End of Faith - Religion, Terror, And the Future of Reason

Von Sam Harris, in engl. Sprache,

B&T-Norton, New York 2005 348 S., kt., € 12,90

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau