Der Bürokratisierungs-Gegner

Zum 100. Geburtstag von Alfred Delp: Der von den Nazis ermordete Jesuit und Widerständler war auch der erste katholische Theologe, der die Verbürgerlichung und Bürokratisierung seiner Kirche kritisierte .

Helmuth James Graf Moltke suchte unbedingt einen kompetenten Gesprächspartner für die katholische Soziallehre. Der schlesische Protestant fand, zusammen mit seinen evangelischen Kollegen im Kreisauer Kreis, den katholischen Jesuiten Alfred Delp. Im März 1942 treffen sie sich zum ersten Mal. Intensiv ist seitdem die Zusammenarbeit zur Erneuerung Deutschlands (und Mitteleuropas) - sofort nach dem heftig ersehnten Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft. Ganz konkret wird die Alternative vorbereitet - politisch, sozial, wirtschaftlich, moralisch und religiös. In selbstverständlicher Ökumene arbeiten hier Christen zum Gemeinwohl aller zusammen. Acht Tage nach dem 20. Juli 1944 wird Alfred Delp von der Gestapo verhaftet. Anfang Januar stehen Graf Moltke und er vor dem Volksgerichtshof der Nazis und werden zum Tode verurteilt. Nicht nur die Gefängnisschriften Delps sind ein kostbares spirituelles Vermächtnis, auch sein gesamtes Werkfragment. Am 15. September vor 100 Jahren wurde er in Mannheim geboren.

"Missionsland Deutschland"

Dass Delp zum Kreisauer Kreis stieß, ist nicht zufällig. Von früh an setzte sich der Jesuit mit den aktuellen Fragen der Zeit auseinander, ohne jede Berührungsangst und in christlicher Offensive. Er ist der erste katholische Theologe, der sich mit Heidegger auseinander setzt. Nach den üblichen Studien der Philosophie und Theologie will er nicht zufällig Sozialwissenschaften studieren, was ihm die Nazis verweigern. Seine Mitarbeit in den Stimmen der Zeit, der Zeitschrift der Jesuiten auch heute, zeigt ihn als genauen Beobachter gesellschaftlicher Trends. Scharf analysiert er die Pseudo-Mystik der nationalsozialistischen "neuen" Gottgläubigkeit. In der Mitarbeit der überdiözesanen Männerseelsorge hält er jenes berühmte Referat, in dem er 1941 schon als erster deutschsprachiger Theologe vom "Missionsland Deutschland" spricht.

Zutiefst im Christusglauben der Kirche verwurzelt, setzt er sich umso entschiedener für die Aufklärung gesellschaftlicher Prozesse und kultureller Probleme ein. Der Mensch habe seine Mitte verloren, in der "eiseskalten Innerirdischkeit" sei er wie in einem stählernen Gehäuse der Immanenz gefangen und kreise nur um sein kollektives und individuales Ego. In diesem Sinnvakuum hätten die Nazis ein leichtes Spiel. Gesucht wird dagegen "der dritte Weg" zwischen kommunistischem Kollektivismus und liberalem wie kapitalistischem Egoismus. Programmatisch spricht Delp vom "personalen Sozialismus" und "theonomen Humanismus" - als rettende Alternativen.

Mystik der Sachlichkeit

Jedenfalls brauche es die radikale Änderung der Verhältnisse in Staat und Kirche(n), so lautet seine klare und leidenschaftliche Überzeugung bis zuletzt. Schöpferisch hatte Delp sich mit der deutschtümelnden Neoreligiosität und Deutschchristlichkeit der Nazis auseinander gesetzt und ihr jene christliche "Mystik der Sachlichkeit" entgegengestellt, die aus dem Glauben an Gottes ständige Schöpferkraft und seine Menschwerdung hervorgeht. Gegen das braune Neuheidentum und seine Esoterik setzt er die katholische Weite, sich von Gott in allen Dingen finden zu lassen - und das hier und jetzt. In solcher Achtsamkeit für die Zeichen der Zeit ist er ein Vordenker des 2. Vatikanischen Konzils.

Delp ist der erste katholische Theologe, der die Verbürgerlichung und auch Bürokratisierung der Kirche kritisch beleuchtet und analysiert. Zwar sieht der Jesuit auch die emanzipative Größe der bürgerlichen Revolution, den "Bürgersinn für das Gemeinwohl" und die Bedeutung der Menschenrechte. Aber faktisch fällt alles in eine kleinbürgerliche egoistische und nationalistische Borniertheit zurück. Bezeichnend ist Delps geistliches Testament: nach seiner Verurteilung zum Tod am 11. Januar 1945 schreibt er eine bewegende Meditation zum Pfingsthymnus "Komm Heiliger Geist".

In einem Atemzug ist von der Mystik und Politik der Gottesbeziehung die Rede: innigstes Gottvertrauen einerseits und schärfste Analyse der (gesellschaftlichen wie kirchlichen) Verhältnisse andererseits. Aus dem Mut, sich von Gottes Willen allein bestimmen zu lassen, erwächst die Kraft, kritisch zu den Zeichen der Zeit Stellung zu nehmen. Die Verbürgerlichung und Bürokratisierung der Kirche steht kritisch im Mittelpunkt: "Dass da ein Menschentyp geworden ist, vor dem selbst der Geist Gottes, man möchte sagen, ratlos steht und keinen Eingang findet, weil alles mit bürgerlichen Sicherheiten und Versicherungen verstellt ist", ist ein Alarmzeichen. Selbstgenügsamkeit und Inzüchtigkeit des Kirchlichen werden kritisiert.

Delp musste ja miterleben, wie nicht wenige Bischöfe und Theologen seinerzeit die braune Mystik der Nazis mit dem christlichen Glauben für vereinbar hielten und sich kompromittierten. Seine Antwort ist scharf: "Das Amt ist in Verruf und muss sich neu legitimieren." Zu seinem letzten Weihnachtsfest meditiert der eingekerkerte und öfter gefolterte Jesuit, wer an der Krippe Jesu stand und wer nicht. Unter den Abwesenden sieht er auch "die amtliche Kirche": "Die Ämter der Kirche sind innerlich vom Geist geführt und verbürgt. Aber die Amtsstuben! Und die verbeamteten Repräsentanten. Und diese unerschütterlich-sicheren, Gläubige'! Sie glauben an alles, an jede Zeremonie und jeden Brauch, nur nicht an den lebendigen Gott" - und dessen herausfordernde und die Verhältnisse aufmischende Präsenz.

Von Anfang an ist Delp ein Mensch des Adventes, mit nichts Gegenwärtigem gibt er sich zufrieden. Es brauche eine radikal diakonische Kirche, aber die faktischen Christen und Kirchen seien zu ängstlich, zu angepasst, zu sehr mit ihren kleinen Andachten und Gewohnheiten beschäftigt anstatt mit den großen Fragen der Menschheit. Vergleichbar seinem evangelischen Bruder Bonhoeffer plädiert Delp für eine missionarische und diakonische Kirche, die nicht länger bei den religiösen Fragen der Mitmenschen einsetzt, sondern "in der Fülle ihrer Not".

Ein Mensch des Adventes

Denn die spirituellen Fragen sind untrennbar von den sozialen und umgekehrt. "Die Kirchen (aber) scheinen sich hier durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweisen selbst im Weg zu stehen. Ich glaube, überall da, wo wir uns nicht freiwillig um des Lebens willen von der (gewohnten) Lebensweise trennen, wird die geschehende Geschichte uns als richtender und zerstörender Blitz treffen. Das gilt sowohl für das persönliche Schicksal des einzelnen kirchlichen Menschen wie auch für die Institutionen und Brauchtümer …" Die Kirche und die Christen sind gefragter denn je, z.B. als Anwälte und Beschützer der bedrohten Kreatur - aber sie leben im eigenen Ghetto. Mystik und Mission, Mystik und Diakonie sind untrennbar.

Den Glutkern von Delps mystisch-politischem Bemühen markiert bewegend ein Kassiber aus dem Gefängnis vom 17. November 1944, mit gefesselten Händen geschrieben: "Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort."

Wichtiger als Brot

In seiner Meditation über das Vaterunser, ebenfalls aus dem Gefängnis, notiert Delp zur Bitte um das tägliche Brot - nicht zuletzt aufgrund wochenlanger schmerzhafter Hungererfahrung - knapp, was als Maxime seines Lebens gelten kann: "Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung."

Noch zehn Tage vor seinem Tod hatte er seinem Patenkind Alfred Sebastian im selben Sinne geschrieben: "Ich möchte, dass Du das verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennenlernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes vermehren; helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich wollte helfen und will helfen, einen Ausweg zu finden aus der großen Not, in die wir Menschen geraten sind und in der wir das Recht verloren, Menschen zu sein. Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende ist Mensch und ist frei und lebensfähig …" (Am 23. Jänner).

Der Autor, Ordinariatsrat für Kultur, Kirche, Wissenschaft im Bistum Limburg, hat zahlreiche Bücher im Themenbereich Spiritualität verfasst.

NEUERSCHEINUNG:

Gemeinsam gegen Hitler - Pater Alfred Delp und James Graf von Moltke

Von Elke Endraß. Kreuz-Verlag, Stuttgart 2007. 198 Seiten, geb. € 18,50

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