Schöpfungsbilder - © Getty Images / Hulton Archive (Illustration von William Blake (1757–1827) zur  Beschreibung der Schöpfung im Buch Ijob (Ijob 38,7))
Religion

Der christliche Unterschied

1945 1960 1980 2000 2020

Die Auflockerung des Gefüges der Naturgesetze durch den von der modernen Physik entdeckten absoluten Zufall lässt Schöpfer und Schöpfung in neuem Licht erscheinen.

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Die Auflockerung des Gefüges der Naturgesetze durch den von der modernen Physik entdeckten absoluten Zufall lässt Schöpfer und Schöpfung in neuem Licht erscheinen.

Gegen Ende seines lebenslangen theologischen Forschens hat Karl Rahner SJ im Dezember 1981 in Wien einen Vortrag zum christlichen Got­tesbegriff im Unterschied zum Gottesdenken anderer Religionen gehal­ten. Rahner kommt darin zu einer Aussage, die wohl jeden Katechismus-Gläubigen erschrecken wird und wahrscheinlich nicht ohne theologi­schen Widerspruch geblie­ben ist:

Gott ist nicht bloß derjenige, der eine Welt als das andere schöpferisch in Dis­tanz von sich selbst setzt, sondern derjenige, der sich selbst an diese Welt weg­gibt und an ihr und in ihr sein eigenes Schicksal hat. Gott ist nicht nur selber der Geber, sondern auch die Gabe. Für ein pantheistisches Existenzverständnis mag dieser Satz eine bare Selbstverständlichkeit sein. Für ein christliches Gottesverständ­nis, für das Gott und die Welt eben nicht zusammenfallen, unver­mischt in alle Ewigkeit bleiben, ist dieser Satz das Ungeheuerlichste, was über­haupt von Gott gesagt werden kann, und erst wenn dies gesagt wird, wenn inner­halb eines Gott und Welt radikal unterscheidenden Gottesbegriffes dennoch Gott selber die innerste Mitte der Wirklichkeit der Welt und die Welt in Wahrheit das Schicksal Gottes selber ist, ist der wirklich christliche Gottesbegriff erreicht.

Die Welt, von der hier die Rede ist, ist eine „Werdewelt“, – eine Welt von Kos­mos und Leben, die sich sozu­sagen von in­nen heraus entwickelt, im Zusammen­spiel von Gesetz und Zufall, mit „Irrungen und Wirrungen“ bis zum Menschen. Die unendliche Fülle und Vielfalt dieser Welt in Evolution ist nicht Ausdruck von Chaos, sondern beruht auf innerer Strukturierung und Ordnung. Alles ist untereinander in Beziehung. Und diese innere Relationa­lität der Welt ist als Gesetzlichkeit unserer Ratio zugänglich. Wir sind überzeugt, dass in der objektiven physischen Welt jedes Ding – körperhaft oder feldartig – dieser Gesetzlichkeit unterliegt. Dies entspricht genau dem Prolog des Johannesevangeliums, wo es heißt (Joh 1,3): „Alles ist durch den Logos (d. h. Gesetz, Vernunft, Wort) geworden, und ohne den Logos wurde nichts, was geworden ist.“

Naturgesetze

Die Gesetze im Beziehungsgefüge der materiellen Welt zu entdecken (nicht zu erfinden!), ist die eigentliche Aufgabe der Physik. Aber, wie schon Galilei erkannte, lassen sich diese Gesetze der Natur nur in mathemati­scher Form erfassen. Diese Ausschließlichkeit der „Lesbar­keit“ in mathemati­scher Spra­che ist höchst erstaunlich: Überall in der materiel­len Welt, im Kleins­ten wie im Größten, „steckt“ Mathematik – selbst abso­lut immateriell und zeitlos. Und obwohl mit dem Materiellen innigst verbun­den, hat sie ihr Sein in einer anderen Welt. Nach Roger Penrose, dem eminenten mathematischen Physiker („The Road to Rea­lity“, New York 2005), ist dies eine platonische Welt, unbeeinflussbar vom Menschen.

So weit sich dies wissen lässt, sind die Naturgesetze universal. Sie gelten im ganzen Kosmos. Und sie sind nicht etwas irgendwie den Naturdingen Aufge­pfropftes, Additionales, sondern etwas den Dingen In­nerli­ches, Eige­nes und zu ihrem Sein Gehöriges. Für diese reale Existenz und Wirklichkeit der Naturgesetze spricht ihre unentbehrli­che Rolle in der Erklärung und Vorhersage von Naturereignissen, am meis­ten aber ihre praktischen Anwendun­gen und Nutzungen in großarti­gen neuen Technologien und in den enormen Fortschritten der Medizin.

Die Naturgesetze sind eins mit den Naturdingen. Nie und nirgends ist wissenschaftlich ein Eingriff in die bekannte Gesetzlichkeit eines physikali­schen Prozesses festgestellt worden. Darin sehen wir, dass jeder Eingriff in ein Naturgesetz eines physikalischen Prozesses ein Eingriff in die Existenz von etwas Realem wäre. Und das wäre dessen Zurückfallen ins Nichts! Da­mit in Einklang steht, dass trotz seiner Immanenz in der evolutionären Lebens­welt der göttliche Logos nie „korrigierend“ in Gesetze eingreift, auch wenn diese streng kausal zu Zuständen führen, die Mensch und Tier als „natürli­ches“ Leid (malum naturale) treffen.

Gott – die Liebe – verhindert also dieses „natürliche“ Leid nicht, nicht weil er das nicht will, sondern weil er es nicht kann. So sah das auch der Religionsphilosoph Hans Jonas. Hat Karl Rahner diese naturgesetzliche Ein­schränkung der Freiheit des Schöpfers mit „Schicksal“ Gottes gemeint? Besteht das Schicksal Gottes darin, dass er sich nicht einmal selbst über diese Einschränkung hinwegsetzen kann?

Eine ganz andere Einschränkung der schöpferischen Freiheit gründet nicht in der Unver­änderlichkeit der Naturgesetze, sondern in der Auflockerung von deren Netzwerken durch den absoluten Zufall, — der absoluten, auch für den göttli­chen Logos Unvorhersehbarkeit eines Ereignisses. Hier sind nicht die vielen Ereignisse in der Evolution des Lebens gemeint, die man als „Zufall“ sieht, die aber nur Koinzidenzen von kompletten Kausalketten sind, die sich unabhängig voneinander und außerhalb unseres Erfahrungsbereiches entwickelt haben. Dies sind natürlich keine „absoluten“ Zufälle, nichts auch für Gott Unvorhersehbares, Neues.

Das Spiel von Gesetz und Zufall

Anders ist dies mit dem absoluten Zufall, den die moderne Physik entdeckt hat: in den quantenphysikalischen Einzelereignissen der atomaren und subato­maren Mikrowelt und in der Makrowelt „komplexer“ Systeme. (Das sind physikalische oder chemische, zu ihrer Umwelt offene, nichtlinea­re Systeme in einem instabilen Zustand.)