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Der Dialog steht noch ganz am Anfang

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Die Diskussionen über denAnspruch des Christentums gegenüber anderen Religionen und über den Anspruch der katholischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionen nehmen nicht ab. Nachstehend verteidigt ein katholischer Dogmatiker die klare Positionierung seiner Kirche.

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Die Diskussionen über denAnspruch des Christentums gegenüber anderen Religionen und über den Anspruch der katholischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionen nehmen nicht ab. Nachstehend verteidigt ein katholischer Dogmatiker die klare Positionierung seiner Kirche.

Es gibt durchaus Ermutigendes in der Ökumene und im Dialog unter den Religionen - das vorweg. Was mich - innerkatholisch - irritiert: Wieder kommt es nach der Erklärung "Dominus Iesus" zur üblichen Polarisierung, werden mehr abweisende Schlagworte sichtbar, als Mühe zu verstehen. Das Folgende versteht sich daher nicht als Parteinahme, sondern als Plädoyer für einen neuen Anlauf.

Das Argument der Ängstlichkeit Zu viele Verantwortliche haben Angst, heißt es da. Sie geben dem Geist Gottes zuwenig Raum. Sie könnten sich an der "Basis", die schon viel weiter ist, ein Beispiel nehmen. Vielleicht haben die einen zuviel Angst. Vielleicht sind aber auch die anderen zu sorglos. Schwer zu sagen. Sicher scheint mir nur eines zu sein: Es ist nicht so leicht zu klären, wo eigene Verantwortung und Sorge gefragt sind, und wo man die Dinge Gott überlassen darf. Das wissen Eltern, das weiß jeder Theologe, das wissen Bischöfe und Kardinäle. Die Sorge, die hinter der Erklärung "Dominus Iesus" steht, ist gut begründet: Die nivellierende Macht des Pluralismus und sein "Zwang zur Häresie" (so der evangelische Religionssoziologe Peter L. Berger) ist eine Tatsache. Ja - der "kühne Sprung der Liebe" wird uns abverlangt, aber er muss besonnen sein (und das hat wohl der Salzburger Erzbischof gemeint). Ohne Besonnenheit kann der vermeintlich rettende Sprung trotz guten Willens schief gehen - auch in der Ökumene.

Gesprächskulturstatt Stigmatisierung Wie weit sind wir noch von einer fairen Auseinandersetzung entfernt! Ignatius von Loyola hat in seinem Exerzitienbuch ein Grundregel des Dialogs aufgestellt: Man soll die Meinung des anderen "retten", sie also im denkbar besten Sinn verstehen. Vornehm und hilfreich. Die Praxis sieht nicht selten anders aus: Man fahndet beim anderen nach Schwachstellen, sieht sich selbst bestätigt, erspart sich eine weitere Auseinandersetzung - die anderen müssen es ja besser machen. Am Ende steht Meinung gegen Meinung und von solider theologischer Auseinandersetzung bleiben oft nur plakative Schlagworte. Als wäre hier nicht schon viel theologisch und durchaus in Übereinstimmung mit "Dominus Iesus" gedacht worden! Natürlich soll es neben der Fachdiskussion auch ein innerkirchliches öffentliches Gespräch geben, aber wenn die zerbrechlichen Wahrheiten des Glaubens ins Hickhack markiger Sprüche geraten, bleiben sie und die Einsicht in den Glauben auf der Strecke.

Wer rechtliche Vorschriften verletzt, werde - so wird gesagt - durch die kirchliche Obrigkeit "stigmatisiert" (Hubert Feichtlbauer in furche 46). Freilich frage ich mich, ob dann in der Kirche noch Autorität denkbar ist, die etwas festlegen, gar ahnden darf? Zurecht wird man sagen, dass der Ton die Musik macht.

Und Augenmaß ist nötig. Dem stimme ich zu. Und dem, dass auch stigmatisiert sind und werden, die sich - in Österreich oder Rom - nicht entschließen können, bestimmte weitverbreitete Überzeugungen zu teilen. Das sollte tatsächlich ein Ende haben - auf beiden Seiten.

Zwei Ebenen:Überzeugungen und Überzeugte Manche haben gemeint, mit "Dominus Iesus" kündige die katholische Kirche faktisch den Dialog. Dabei wird meines Erachtens eine Unterscheidung nicht beachtet, die für das Zweite Vatikanische Konzil und seine Lehre von der Religionsfreiheit grundlegend ist. Es unterscheidet die Ebene der Personen, die eine religiöse Überzeugung vertreten und die Ebene der Inhalte der Überzeugungen; daran erinnert auch "Dominus Iesus" (22). Auf der Ebene der Personen muss es gleiche Rechte und Toleranz geben. Auf der Ebene der Inhalte darf ich für mich als Christ das Gleiche in Anspruch nehmen wie jeder Muslim und jede Buddhistin: die Überzeugung, dass meine eigene Überzeugung die beste ist - nicht nur für mich, sondern überhaupt. Denn wenn zum Beispiel der drei-eine Gott nur eine Wahrheit für mich ist, und für andere ist das Gegenteil wahr, dann ist meine Wahrheit auch für mich keine Wahrheit.

Hier scheint mir der Grund für das (auch von Kardinal Ratzinger zugegebene) Kommunikations-Problem von "Dominus Iesus" zu liegen: Das Dokument bleibt fast ausschließlich auf der Inhaltsebene und berücksichtigt die Ebene der christlichen und außerchristlichen Gesprächspartner zu wenig. Man wird der Sprache kirchlicher Dokumente noch viel mehr Aufmerksamkeit widmen müssen! Aber, so wird man sagen, geht es nicht um mehr - um den Absolutheitsanspruch?

Kann man auf den absoluten Anspruch auf Wahrheit verzichten?

"Dominus Iesus" diagnostiziert eine "relativistische Haltung gegenüber der Wahrheit, weswegen das, was für die einen wahr ist, es nicht für andere wäre" (4). Also Absolutheitsansprüche? Sie sind zweifelsohne gefährlich. Nur: Auch die konsequente Ablehnung von Absolutheitsansprüchen führt ins Nirgendwo. Kann ich allen Ernstes vertreten, dass die Verfolgung von Menschen anderer Rasse, Religion und Weltanschauung ebenso angemessen ist wie ihre Achtung und ihr Schutz? Muss ich nicht davon ausgehen, dass zum Beispiel die Menschenrechte absolut zu achten sind? - Nicht der Absolutheitsanspruch an sich ist das Problem, sondern gegebenenfalls dasjenige, wofür er erhoben wird.

Gibt es im Gespräch der Religionen dafür eine Alternative? "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6) - wenn ich das nur als religiösen Überschwang verstehe (eine Art Liebeserklärung, wie es der amerikanische Theologe Paul Knitter zu erklären versucht), dann wird es auch an anderen Stellen der Heiligen Schrift schwer sein, eine Grenze zwischen Liebeserklärungen und verlässlicher Beschreibung der Wirklichkeit zu ziehen. Und wenn alle Wahrheiten irgendwie wahr sind, dann verliert der Begriff "Wahrheit" seinen Sinn. Wo aber mangels Wahrheit tragfähige Überzeugungen unmöglich werden, da werden Mode, Manipulation und die je herrschende Meinung an ihre Stelle treten - ob das ein Fortschritt ist?

Und auch eine andere Alternative, das für die innerchristliche Ökumene vorgeschlagene Modell "versöhnter Verschiedenheit" kann nicht darin bestehen, dass einfach alle Sachpositionen als gleichberechtigt angesehen wird, sondern es setzt wenigstens voraus, dass sich die Positionen nicht widersprechen.

Wofür erhebt das Christentumeinen Absolutheitsanspruch?

Was nach christlicher Überzeugung absolute Geltung beansprucht, ist Gottes Liebe, die Gott dadurch geoffenbart hat, dass er sich in seinem Sohn selbst an die Welt verschenkt hat - bis zur letzten Konsequenz am Kreuz. Es ist Gottes Liebe, die sich auf alles, selbst die Gott-losigkeit einlässt (Jesus wird "zum Fluch" - Gal 3,13), die so allen Menschen bei sich Raum gibt und so das Böse überwindet. Und in dieser Tat, die Jesu ganzes Leben und Wirken, seinen Tod und seine Auferstehung umfasst, wird sichtbar, das diese Liebe nicht nur eine einzelne Tat Gottes, sondern sein Wesen ist. Das ist die erlösende Wahrheit, diese Liebe ist das Heil für die ganze Schöpfung und nicht nur für einige wenige. Davon sollen und müssen alle erfahren - sie haben ein Recht darauf. Ich wüsste nicht, was mich daran hindern müsste, diese erlösende Gewissheit als absolut anzusehen. Und dafür steht die Kirche, wenn sie missionarisch diese Gnade bezeugt. Dabei wird sie auch in anderen Religionen aufmerksam sein für das Wirken des Geistes Gottes, für die "Samen des Wortes", wie es "Dominus Iesus" nennt (12.21).

Und - abermals übernimmt "Dominus Iesus" Worte des Konzils - die Kirche "lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist" (2). Und hier hat der Dialog seinen Platz, ein Dialog, der wohl noch ganz am Anfang steht. Der aber auch sinnvoller ist als gewagte Überlegungen über die Gleichheit aller Religionen.

Der Autor ist Professor für Dogmatische Theologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. - Bisherige Beiträge zu "Dominus Iesus" sind in den furche-Ausgaben 37 (Seite 2 und 7), 38 (Seite 6 und 17), 45 (Seite 7) und 47 (Seite 2 und 6) zu finden.Die Diskussion wird fortgesetzt.

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