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Der erwachende Tourismusriese

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Indonesien steht makroökonomisch wieder auf stabilem Fundament. Der Inselstaat versucht Europäern den Wandel vom Agrarland zum Tourismus-Hotspot zu vermitteln.

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Indonesien steht makroökonomisch wieder auf stabilem Fundament. Der Inselstaat versucht Europäern den Wandel vom Agrarland zum Tourismus-Hotspot zu vermitteln.

Als Land der "sanften Tourismusgeheimnisse" präsentierte sich Indonesien Anfang des Jahres im Rahmen der heurigen Tourismusmesse in Wien. In Wort und Bild: Mit paradiesischen Sandstränden, exotischen Naturlandschaften, religiösen Zeremonien. Immerhin gilt es, unter den mehr als acht Millionen Indonesien-Besuchern die Anzahl an Österreichern, die jährlich den Archipel bereisen, von stagnierenden rund 17.000 signifikant zu steigern. "Die meisten Österreicher machen Urlaub auf Bali", seufzt Dody Kusumonegoro, der für Kulturund Tourismus-Angelegenheiten verantwortliche indonesische Botschaftsrat in Wien, nicht ohne etwas wehmütig anzufügen: "Dabei bietet Indonesien mehr." Nur die wenigsten seien sich dessen bewusst. Für viele Europäer ist Indonesien ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dabei geht es im weltgrößten Inselstaat im Indischen Ozean aufwärts. Porträt eines unterschätzten Landes.

Vulkanausbrüche und Terror

2012 betrug der Anteil der indonesischen Tourismuswirtschaft mit über 20 Milliarden Euro 3,9 Prozent am BIP; 9,28 Millionen Indonesier fanden in Tourismusbereichen Beschäftigung. Im Tourismusindex des World Economic Forum belegt Indonesien bei steigender Performance Platz 70 von 139 gelisteten Ländern -zumal der Archipel mit drei Indikatoren hervorsticht: Natur, Kultur, niedrige Preise. Im asiatischen und pazifischen Raum sind diese Atouts wohl bekannt, Europa gilt daher verstärkt als potentieller Markt. Die internationale Nachrichtenlage allein der vergangenen Wochen und Monate indes, sie mag zunächst Zweifel an der kommunizierten Sanftheit nähren: Im November 2013 brach erstmals seit 2010 wieder der Vulkan Sinabun auf Sumatra aus, seither begrub er in über 220 Eruptionen bis Anfang Februar mehrere Dörfer und deren Ernten. Mindestens 16 Todesopfer sind bisher zu beklagen, mehrere Menschen gelten als vermisst und mehr als 20.000 sind nach wie vor auf der Flucht. Mitte Februar meldete sich dann Javas gefährlicher Vulkan Kelud aus seiner Ruhephase: 36 Dörfer mussten evakuiert werden, 200.000 Menschen flohen, viele Flughäfen wurden gesperrt. Dazwischen Meldungen über das militärische und diplomatische Säbelrasseln zwischen Indonesien und dem Nachbarstaat Australien wegen Flüchtlingspolitik und Abhörskandalen. Die, zuletzt vor Weihnachten 2013, periodisch wiederkehrenden amtlichen Terrorwarnungen nach den Bombenanschlägen auf Bali von 2002 und 2005 tun ihr Übriges, Indonesien das frische Selbstbild eines touristischen Hotspot für sanften Tourismus leichten Herzens zu glauben. In der Armutsbekämpfung lässt sich beispielsweise durchaus ein ermutigender Trend erkennen. Zwischen 1999 und 2012 halbierte sich der Anteil jener, die unter der nationalen Armutsschwelle leben, auf zwölf Prozent. Ein Grund für die kognitive Dissonanz könnte sein, dass einem die schieren Ausmaße des Landes nicht wirklich gewahr sind. Sicherlich, man kennt Bali, hat gewiss von Sumatra schon gehört, von Borneo, Neuguinea, Malaysien, oder vielleicht von den Molukken; dass aber große Teile davon das Hoheitsgebiet von Indonesien bilden, scheint abseits des Nachrichtenwesens und bei gleichzeitiger Bildung eines Frames, der die ehemalige holländische Kolonie als abstrakten Landstrich zeichnet, im positiven wie negativen nur wenigen Zeitgenossen im Bewusstsein. Tatsächlich erstrecken sich nämlich 17.508 Inseln und Inselchen in einem mehr als 5000 Kilometer langen Bogen beiderseits des Äquators von der Malaiischen Halbinsel bis nach Neuguinea.

Finanzzentrum Jakarta

Auch der weltgrößte Inselstaat offenbart seine Vielfalt also erst in der Detailbeschau, für die folgende off-Plätze als Beispiel stehen sollen. Etwa eine Flugstunde östlich von Jakarta, der auf 28 Millionen Menschen anwachsenden Megacity, dem abwechselnd von Armut und Gigantomanie durchwachsenen Politik-,Handels- und Finanzzentrum des Landes, dessen über 245 Millionen Einwohner aus fast 360 Ethnien hier politisch verwaltet werden, befindet sich die Provinzhauptstadt Yogyakarta, kurz Yogya. Die New York Times hat Yogya heuer auf Platz 20 der 52 "Places to go 2014" gelistet, und damit 26 Plätze vor Wien. Nicht ohne Grund: Die Sultanstadt gilt als Relikt der monarchischen Vergangenheit und Gegenwart von Java heute immer noch als das geistige und kulturelle Zentrum der Insel Java. Yogyakarta war sowohl Zentrum der antikolonialistischen Bewegung während des 18. und 19. Jahrhunderts, als auch nach dem zweiten Weltkrieg jenes der Unabhängigkeitsbewegung. Nicht zuletzt darum blieb das Sultanat als Sondergebiet mit einer Art inneren Autonomie erhalten, wird dem regierenden Sultan (er ist Gouverneur der Provinz) und seinen Ahnen als Trägern der hindu-javanesischen Tradition fast göttliche, und wenn nicht das, dann zumindest ziemlich viel museale Verehrung entgegen gebracht. Nun: Ist allein Yogya mit seinen Palästen, royalen Lustgärten, manieristischen Wasserkastellen und prunkvollen Pavillions sehens-und dank einer Fülle an köstlichen Suppen, religiösen Festen und Zeremonien sowie einer regen Kulturszene - Gamelanorchester, Batikwerkstätten, Tanz-und Schattentheater) - und eines im wahrsten Sinne des Wortes milden Klimas samt moderner Wellnessangebote tunlichst erlebenswert, so gilt das für das Umland der Sultanstadt mit seinen atemberaubenden historischen Sakralbauten noch viel mehr.

Größter muslimischer Staat der Welt

Sanfter Tourismus bedingte auch sanfte Gemüter. Und sanft sind sie im Allgemeinen, die Bewohner der Inselwelt Indonesiens. Der Glaube an eine der Menschheit mehr oder weniger wohl gesonnenen schöpferischen Macht ist in Indonesien überall präsent. Das Angebot an Tempeln, Moscheen oder Kirchen ist somit auch für Seelenheil-Aficionados oder an Kulturgeschichte Interessierte überwältigend. Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist muslimisch. Das an Superlativen ohnhin nicht arme Indonesien kann sich sogar rühmen, der größte muslimische Staat der Welt zu sein. Die Verfassung garantiert aber die Freiheit aller Religionen, und somit leben auch Christen, Hindus, Buddhisten, Taoisten und Konfuzianer bis auf sektiererische Ausnahmen friedlich mit- und nebeneinander. Das war freilich nicht immer so, aber im Alltag kennzeichnet im Allgemeinen Kooperation und Toleranz das Zusammenleben. Eine der Voraussetzungen dafür ist etwa, dass der Religionsunterricht an den Schulen alle vier Hauptreligionen gleichwertig behandelt, und so jeder um die religiösen Bedürfnisse des anderen weiß.

Die Wirtschaftstheorien über den befruchtenden Mitbewerb, von der, den Markt belebenden, Konkurrenz, sie machten und machen bekanntlich dennoch auch vor Religionen nicht Halt. Auch Prambanan wurde als hinduistische Antwort auf eine buddhistische Pyramide gebaut, die um 780, also mehrere Jahrhunderte vor den großen Kathedralen Westeuropas und gut 300 Jahre vor Kambodschas Angkor Wat-Tempel befohlen wurde und alle bis dahin errichteten Tempelanlagen in den Schatten stellen sollte.

Tatsächlich bietet Indonesien also Alternativen zur massentouristischen Goldmine Denpasar, zum Ballermann à la Kuta. Der Beispiele gäbe es noch viele: die bizarre Lavafeld-Landschaft rund um den Mount Bromo, die Kaffeeplantagen am Ijen-Plateau, das Künstlerdorf Ubud in den legendären Reisfeldern Balis, das Taucherparadies der Togian-Inseln und bei Nordsulawesi, die Ahnengalerien der Toraja im Trekking-Eldorado um Rantepo - es gibt ihn wirklich, den sanften Tourismus. Gerade weil sich Indonesiens Naturlandschaft auch von der unsanften Seite zeigen kann. Aber auch die "Menschenfresser" auf West-Papua haben ihren Speiseplan unterdessen ja überarbeitet.

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