Digital In Arbeit

Der "Glanz" des Festes

Gedanken zu Weihnachten.

Weihnachten hat an Glanz verloren, meinen 58 Prozent der Österreicher. So das Ergebnis einer in der Vorwoche veröffentlichten Umfrage. Wie sollte es auch anders sein, mag man denken. Was hat denn nicht alles an "Glanz" verloren? Die Liebe, die Kindheit, die Kunst, das Reisen... Und natürlich auch die Religion. Oder zuallererst sie? - Ein Kerngedanke des Berliner Kulturkritikers Rüdiger Safranski, eine seiner (in verschiedenen Abwandlungen, je nach Thema) immer wiederkehrenden Schlusswendungen in Essays und Vorträgen, lautet: Das Leben auf der Erde war reicher, schöner, erfüllter, auch leichter, als man noch den Umweg über den Himmel - über Gott - nahm.

Nun ist Safranski keiner, der solcherart gleichsam durch die Hintertür das Christentum wieder allgemein verbindlich machen möchte; sondern jemand, der genau darin das Dilemma des zeitgenössischen Menschen sieht: dass eben der Glaube, der so vieles zu begründen vermochte, als generelle Grundlage, als selbstverständliche, ungebrochene Voraussetzung nicht mehr zu haben ist. Auch die melancholisch anmutende Einschätzung, Weihnachten habe an Glanz verloren, dürfte hierin, in dieser Erfahrung zerbrochener Selbstverständlichkeiten, ihren tiefsten Grund haben.

Dabei kann man es nun einfach bewenden lassen. Oder aber man fragt, was sich unter den gegebenen Bedingungen - wenn wir einmal klar sehen, dass es in der Geschichte kein schlichtes Zurück gibt - an Religiösem bewahren lässt. Und dies nicht aus einer defensiven Position heraus, im Sinne eines Rückzugsgefechts, bei dem man die letzten Bastionen verzweifelt zu halten versucht, wohl wissend, dass auch diese über kurz oder lang fallen werden; sondern, weil es möglicherweise um eine - neu zu gewinnende - Perspektive geht, die auch für den Menschen und seine Fragen im 21. Jahrhundert wesentlich ist. Kurz: Es könnte ja sein, dass dieser "Umweg über Gott" zwar sich nicht mehr von selber versteht, aber heute erst recht um des Menschen willen neu gegangen zu werden lohnt.

Eine andere Umfrage-Notiz aus der Fülle der auch heuer wieder vor Weihnachten verbreiteten Meldungen: In Deutschland wissen 39 Prozent (in den neuen Bundesländern 54 Prozent) der Sechs- bis Zwölfjährigen nicht, wieso Weihnachten gefeiert wird. Die Aussagen der Kinder mögen je nach Sicht der Dinge zum Schmunzeln anregen oder den latent vorhandenen Kulturpessimismus nähren: "weil Winter ist", "da ist der Weihnachtsmann gestorben", "weil Ferien sind und die Oma kommt" wurden etwa als Gründe für das Fest angegeben.

Warum wissen die kids das nicht? Weil es ihnen offenkundig niemand gesagt hat! So einfach ist das. Nicht nur nicht gesagt, sondern auch nicht vorgelebt: Weil ihnen niemand die Geschichte von Weihnachten erzählt hat, woraus das Fest dann erst in der Phantasie seinen "Glanz" entwickeln könnte. Natürlich kann man anhand dieses Umfrageergebnisses auch eine kritische Anfrage an das Bildungssystem formulieren: Grundkenntnisse über die großen geistigen und religiösen Traditionsstränge, die unsere Kultur geprägt haben, sind - unabhängig von Glaubensüberzeugungen und weltanschaulichen Standpunkten - wichtig. Aber Kinder in den großen Erzählungen zu beheimaten, das sollte eigentlich Sache der Eltern sein. Doch wenn die selber finden, dass Weihnachten seinen "Glanz" verloren hat (von der spezifischen Situation der ehemaligen DDR einmal abgesehen)?

Der Grazer Bischof Egon Kapellari hat unlängst in einem Interview, zum längst nicht mehr besinnlichen Advent befragt, gemeint: "Sie werden von mir jetzt sicher keine Konsumschelte hören." Richtig: Weil es sinnlos ist, sich über Symptome - Konsum, Kitsch, Hektik und dergleichen mehr - zu ereifern, anstatt in der Essenz dagegenzuhalten. Und, mehr noch: Weil sich in den Symptomen wohl vielfach, in welcher defizitären, verbogenen, karikaturhaften Form auch immer, eine tiefe Sehnsucht nach dem Wesentlichen, nach dem "Glanz" ausdrückt.

Wie so oft, wird das "am Rande" besonders deutlich: Es hat etwas Berührendes, wie noch im letzten Bahnhofsbeisl mit Billigweihnachtsschmuck eine Art kitschiger Heimeligkeit erzeugt wird; wie irgendwelche schwindsüchtigen Nadelbäume an Plätzen, wo man es nicht vermuten würde, mit ein paar Elektrokerzen adaptiert werden. Nichts und niemand soll da vorschnell vereinnahmt werden - doch sage keiner, das sei ohne tiefere Bedeutung. Aber auch die gleißenden Cities und ihre Shopping Malls sind vermutlich, ohne die kommerziellen Interessen gering veranschlagen zu wollen, Ausdruck eines - wenn auch noch so diffusen - Verlangens nach dem, wofür die Chiffre "Weihnachten" steht.

Der "Glanz" von Weihnachten war immer ein Ergebnis von Träumen, Sehnsüchten, Projektionen. Sie rühren indes her vom Licht, das vor 2.000 Jahren von Bethlehem ausging. Das aber hatte mit Idylle nichts zu tun, war vielmehr ein Hoffnungszeichen inmitten rauer Wirklichkeit. Weihnachten war, so gesehen, von allem Anfang an ein ziemlich "glanzloses" Ereignis.

rudolf.mitloehner@furche.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau