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Der Götter Wiederkehr...

... oder: Morgenluft für die Theologie. Der intellektuelle Diskurs knöpft sich wieder die Religion vor. Exemplarische Bücher zum Thema: Friedrich Wilhelm Grafs "Wiederkehr der Götter" und "Jenseits des Christentums" von Gianni Vattimo.

Auch wenn die Kirchenaustritte zunehmen und die großen konfessionellen Kirchen Besitztümer verkaufen müssen, um ihre Strukturen zu finanzieren, "die Religion" ist nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil, das Interesse an Religion nimmt zu. "Religion ist Privatsache" gilt nicht mehr - Religion ist vor allem unsichtbar vielfach präsent. Religionen versuchen auf Basis ihrer Symbole politische Ordnungen zu errichten - der katholische Ständestaat, der islamische Fundamentalismus oder religiös konnotierter Rassismus sind historische Beispiele. Daneben aber treten eine Reihe anderer Symbolsysteme an, um Lebenssinn zu geben - Kapitalismus, Sport, aber auch eine Fülle älterer religiöser Aktivitäten, die unter dem Stichwort Esoterik zusammengefasst werden können.

Als "Die Wiederkehr der Götter" charakterisiert Friedrich Wilhelm Graf, evangelischer Systematischer Theologe in München, die Situation der Religion in der Gegenwart.Die "Götter", das sind die unterschiedlichen religiösen Identitäten, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben. Nicht nur Theologen und andere Kirchenleute, sondern auch sehr viele Kulturchristen haben meist eine konfessionsgebundene Perspektive auf die Religion der Moderne. Sie erliegen leicht der Versuchung, von der eigenen Position als "dem Christentum" zu sprechen und sich von "dem Judentum", "dem Islam" etc. abzusetzen.

Gleichzeitig neigen sie auch dazu, andere Positionen innerhalb des eigenen konfessionellen "Feldes" als ungläubig oder abtrünnig zu diffamieren. Die Spannung zwischen Fundamentalisten und Modernisten z.B. findet sich in allen christlichen Konfessionen, aber auch in den anderen Religionen. In einer religiös pluralen Welt werden starke Identitäten durch die Konstruktion von starken Feindbildern gewonnen - und auf diese Weise die Attraktivität der eigenen Position verstärkt, stellt Graf fest. Dazu werden jeweils die Positionen der Zeit benützt, und die "Ökonomie des Religiösen" gibt Aufschluss über Entwicklungsprozesse - das materielle Kapital und das symbolische Kapital sind ineinander verwoben. Kirchen offerieren Dienstleistungen, die auch in Geldströmen zu bemessen sind.

Wie religiöse Vielfalt entsteht, lässt sich in Europa sehr gut an der Entwicklung religiöser Diskurse seit dem 18. Jahrhundert verfolgen. Die vielen Neologismen, die damals in der Theologie entstanden, sind eine Reaktion auf die Aufklärung und den frühen Kapitalismus, und sie entstehen konfessions-, ja sogar religionsübergreifend. Auf der Suche nach dem "Wesen" des Judentums bzw. des Christentums werden normative Ursprungsmythen konstruiert und beschworen, mit Hilfe derer die Identität der eigenen Gruppe gesichert werden soll. "Shared history" nennt Graf diese Sichtweise. Betrachtet man das "religiöse Feld", dann zeigt sich: Kirchen und Konfessionen kämpfen darum, die Symbole der Gesellschaft zu definieren - ein Kampf, der sich nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Kirchen abspielt.

In einer pluralen Gesellschaft muss man sich unterscheiden. Konfliktfelder der Gegenwart sind vor allem die Bereiche Ehe, Familie, Geschlechterordnung, Gay rights - die Auseinandersetzungen werden im innerchristlichen Bereich mit großer Heftigkeit ausgetragen, aber betreffen z.B. auch den Islam. Als Ergebnis eines "Religionsverlustes" sind diese Auseinandersetzungen nicht zu verbuchen, sagt Graf. Wer dies tut, versucht damit die eigene Position mit der Autorität des Althergebrachten auszustatten.

Die Auseinandersetzungen mit der Moderne sind keine Verlustgeschäfte der Religionen, sondern Chancen zu Neugestaltung und Reform. In diesem Sinn ist auch das Buch des anglikanischen Theologen John Shelby Spong zu verstehen - "Was sich am Christentum ändern muss", um in einer modernen Welt attraktiv zu sein, und dennoch nicht den Bezug zu den Theologen der Frühzeit des Christentums zu verlieren. In der Welt der vielen Götter ist das antike Christentum eine gottlose Religion gewesen. Ursula Baatz

* Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur.

Von Friedrich W. Graf. Verlag C. H. Beck, München 2004. 336 S., kt., e 25,60

* Was sich im Christentum ändern muss. Ein Bischof nimmt Stellung. Von John Shelby Spong. Patmos Verlag, Düsseldorf 2004.270 S., geb., e 20,50

Glaube in Geschichte und Gesellschaft" - nahezu 30 Jahre ist es her, dass der katholische Theologe Johann Baptist Metz den Versuch unternahm, den christlichen Glauben auf seine gesellschaftliche Relevanz hin zu befragen. Theodor W. Adorno und Walter Benjamin waren die damaligen philosophischen Bezugspunkte, welche es erlaubten, Theologie in einem interdisziplinären Gespräch Gewicht zu verleihen. Und heute? Ruhig geworden ist es im theologischen Diskurs: Der gesellschaftliche Relevanzverlust des Christentums hat die Theologie ebenso in die Krise geführt wie ihre universitäre Selbstisolierung.

In dieser Situation ist es ausgerechnet die Philosophie, die mit Namen wie Jacques Derrida, Jürgen Habermas oder dem italienischen Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie, Gianni Vattimo, einer Kränkelnden zu Hilfe kommt. Letzterer plädiert - wie bereits in "Glauben-Philosophieren" (1997) und "Die Religion" (gemeinsam mit Derrida 2001) - auch in seinem jüngsten Buch "Jenseits des Christentums. Gibt es eine Welt ohne Gott?" (2004) für eine philosophische Relecture des Christentums, genauer: der jüdisch-christlichen Theologie. Und wie schon zuvor, geht Vattimo auch diesmal von Nietzsche und Heidegger aus. Nietzsches Rede vom "Tod Gottes" und Heideggers Wort vom "Ende der Metaphysik" sieht er als charakteristisch für den gegenwärtigen Zustand der Moderne an: Als tot erscheine nämlich gerade jener Gott, der als felsenfestes Fundament sicherer moralischer Urteile herangezogen wurde; als tot erweist sich aber auch jede andere Art, sich auf irgendein letztbegründbares Fundament zurückzuziehen. Was bleibt, ist die Ungewissheit. Diese lässt aber die Theologie für die Philosophie wieder interessant werden, denn: wo keine letztgültigen Aussagen mehr haltbar sind, werden alle Optionen gleich wahrscheinlich.

Vattimo begnügt sich nicht mit einer auf diese Weise legitimierten theologisch-philosophischen Liebäugelei. Vielmehr versteht er die Säkularisierung, jenen Prozess, der gerade in die heutigen Ungewissheiten geführt hat, als Frucht des biblischen Glaubens, denn gerade das sei es, was die paulinische Rede von der "Kenosis", der Fleischwerdung Gottes besage: die Absage an jenen Gott, der als übernatürlich-gewaltvoller Herrscher durch die Zeiten regiert. Statt dessen zeuge Jesu Rede von der "Armut im Geiste" davon, dass der biblische Glaube alles hochtrabende Gottesdenken ablehne - "schwaches Denken" nennt es Vattimo - und versteht die Säkularisierung selbst als eine "Episode der Heilsgeschichte". Doch es gibt eine Grenze der Säkularisierung, eine Grenze der Zertrümmerung der Wahrheiten: die christliche "Caritas", die Nächstenliebe. Sie stellt für Vattimo den nicht-rationalisierbaren Kern der christlichen Botschaft dar, da sie selbst bereits Frucht des "schwachen Denken" sei, da sie den Sturz des über allem thronenden Gottes bereits verinnerlicht und die Verantwortung an die Menschen und ihre Haltung gegenseitiger Liebe delegiert hat.

Diese Gedanken Vattimos sind nicht neu. Neu ist die Tiefe ihrer Ausführungen und Begründungen sowie die Ausdauer, mit welcher er immer wieder um diesen Kern kreist, mit welcher er der Theologie zugleich die Möglichkeit bieten möchte, sich aus ihrer selbstverordneten Schweigsamkeit erneut in den Diskurs zu wagen. Darin besteht die Leistung Vattimos.

Dennoch bleibt ein Unbehagen; allzu leichtfüßig wirkt die Glättung Jahrhunderte alter Grabenkämpfe zwischen Philosophie und Theologie. Und: Vattimo unternimmt nichts weniger als die Preisgabe jenes Gottes, der als das die Zeit befristende Ende gedacht wird! Er lässt Gott selbst in die Geschichte des Seins als dessen Schwächung einwandern - um den Preis des rettenden Gottes, jenes Gottes, nach dem die "unvergessene und unvergessliche Theodizeefrage" (J.B. Metz), die Frage nach dem Leid in der Welt immer wieder ruft.

Vattimos Gott bleibt damit ein Gott der Philosophen - gefordert wäre aber eine Besinnung auf die Bedeutung der Gottesrede und des Glaubens für heutiges Zusammenleben; eine Besinnung, zu welcher die Theologie selbst aus ihrem biblischen Erbe schöpfen müsste - und könnte. Henning Klingen

Jenseits des Christentums

Gibt es eine Welt ohne Gott?

Von Gianni Vattimo. Hanser Verlag, München 2004. 192 Seiten, geb., e 20,50

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