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„Der Humor fehlt mir beim Film“

Robert Pejos Verfilmung des Romans „Der Kameramörder“ eröffnet die Diagonale 2010. Romanautor Thomas Glavinic zum Film, der sich vom Buch stark unterscheidet.

Vorlage für den Film „Der Kameramörder“ war Thomas Glavinics gleichnamiger Erfolgskrimi. Doch zwischen Buch und Film gibt es erhebliche Unterschiede. Ein Gespräch über Gelächter am Schreibtisch, Alpträume und die totale Öffentlichkeit.

Die Furche: Wenn man den Film „Der Kameramörder“ mit Ihrem Buch vergleicht, fallen viele Unterschiede auf: eine direkte Verfilmung ist das nicht. Wie geht es Ihnen damit?

Thomas Glavinic: Nach dem ersten Screening war ich mit mir uneins. Ein sehr guter Film, aber – ist das mein Buch? Doch nach der zweiten Vorführung war ich angetan bis glücklich, weil ich erkannte, wie gut der Film für sich genommen ist. In der Zwischenzeit habe ich den Roman auch als Theaterstück wiedergesehen, in einer Aufführung in Stuttgart, die sehr texttreu ist. Da kam mir wieder zu Bewusstsein, was mein Buch für mich damals war – und dadurch merkte ich, wie weit der Film weg ist von dem, was ich damals geschrieben habe. Es gäbe sicherlich viele Möglichkeiten, dieses Buch zu verfilmen. Mir gefällt hervorragend, wie Robert Pejo es gemacht hat, aber es ist nicht die einzig mögliche Weise. Was mir besonders abgegangen ist, war der Humor. Ich weiß nicht, ob das viele Leute bemerken werden, aber mein Buch ist eigentlich ziemlich lustig, ich habe beim Schreiben viel gelacht.

Die Furche: Eine lustige Vorstellung, wie Sie beim Schreiben über Ihren eigenen Text lachen.

Glavinic: Ja, über die Sprache: Das Buch ist geschrieben aus der Sicht eines Menschen, der für intelligenter gehalten werden möchte, als er ist. Ich wollte ein Buch schreiben, in dem sich jemand durch seine Sprache verrät. Dieser Humor ist natürlich schwer umzusetzen, und damit standen die Filmemacher vor einem massiven Problem. Ich würde gerne mehr lachen beim Film. Ich wollte einen Thriller schreiben, der gleichzeitig so sehr an der Absurdität und am Wahnsinn kratzt, dass der Leser ständig hin- und hergerissen wird zwischen Irrwitz und Grauen. Im Film ist das Grauen im Vordergrund.

Die Furche: „Der Kameramörder“ scheint immer aktueller zu werden, weil diese Art des Medienkonsums – selbstgedrehte Videos irgendwelcher Abartigkeiten – übers Internet viel leichter zugänglich ist.

Glavinic: Ohne mir da eine gloriose Avantgarde-Tat an die Fahnen heften zu wollen, vermute ich doch, dass das noch in zehn Jahren aktuell sein wird. Das Buch behandelt nun mal wesentliche Themen unserer Gegenwart, und ich glaube nicht, dass sich in absehbarer Zeit etwas an diesem Diktat der totalen Öffentlichkeit ändern wird. Es ist schaurig, wie manche Medien hier mit ihrer Verantwortung umgehen. Ich finde es zum Beispiel abscheulich, dass man immer wieder im Fernsehen Menschen beim Sterben zusehen kann, jüngstes Beispiel war der georgische Rodler, dessen Todessturz in der olympischen Eisbahn wieder und wieder gesendet wurde. Das ist doch der intimste Moment eines Menschen, da muss er in Ruhe gelassen werden. Während des Schreibens war mir die Medienkritik jedoch nicht so wichtig, ich wollte bloß diese Geschichte aufschreiben, wie sie mir erschienen ist, denn ich habe sie geträumt.

Die Furche: Das klingt abenteuerlich.

Glavinic: Ja, das war ein Alptraum, aus dem ich eines Morgens um sechs erwacht bin, und mir war sofort klar: Das muss ich aufschreiben. Den Roman, an dem ich damals gerade gearbeitet habe, schob ich beiseite, und nach sechs Tagen war ich mit dem „Kameramörder“ fertig. Vielleicht sollte ich das nicht erzählen, es wirft nämlich ein bezeichnendes Licht auf mein Unbewusstes: Zwei Wochen vor dem Traum war ich mit meiner Freundin und einem befreundeten Paar auf Urlaub. Dieses andere Paar hatte zwei extrem lästige Jungs, die durften alles und es gab keine Handhabe gegen diese Biester. Ich habe mich zwei Wochen lang konstant über die geärgert. Eine Woche später habe ich eben diese Geschichte geträumt – und im Traum war ich derjenige, der da Jungs von einem Baum springen lässt. Zum Glück habe ich mich gar nicht gut gefühlt dabei.

Die Furche: Würden Sie Ihr Buch heute anders schreiben?

Glavinic: Nun, ich würde den Teletext rausnehmen und ich würde das Internet einbauen. In meinem Buch ist ein Bauernhof der Schauplatz, und es gab im Jahr 2000, als ich es geschrieben habe, auf den meisten Bauernhöfen am Land noch kein Internet, daher war das Medium im Zentrum eben der Teletext. Mittlerweile ist das fast anachronistisch. Und dann kommen ja auch Telefonzellen vor, keine Handys ... Ich habe ein Buch des 20. Jahrhunderts geschrieben, oh Gott!

* Das Gespräch führte Magdalena Miedl

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