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Der kalte Atem der Institution

Ich bin Katholik undseit 16Jah-ren mit einer Frau evangelisch-augsburgischen Bekenntnisses verheiratet. Bis dahin waren die Evangelischen für mich eine exotische Volksgruppe, von der man - vor allem als Schüler - nicht viel gewußt hat, außer, daß sie während des Religionsunterrichtes verschwanden.

Spätestens beim Vorbereiten der Hochzeit wurde mir bewußt, daß unsere Konstellation außerhalb der Norm verläuft. Als Katholik ist man an eine Form der Trauung gebunden; die Eheschließung mit einem getauften Partner einer anderen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft ist ohne ausdrückliche Erlaubnis der zuständigen Autorität verboten. Diese Erlaubnis zur „Mischehe”, wie der offizielle, und heutigen Ohren seltsam anmutende Begriff lautet, wird unkompliziert erteilt, aber für uns war es der erste Hinweis, daß wir uns etwas außerhalb des Ideals bewegten. Bald nach der Hochzeit fanden wir Kontakt zu einer Gruppe anderer konfessionsverschiedener Paare, mit denen wir uns regelmäßig trafen. Die ersten Jahre verbrachten wir damit, einander zu beweisen, daß die eigene Konfession die liberalere, modernere, spirituellere, aufgeklärtere, tiefere, jedenfalls aber die bessere sei. Einige von uns gruben dabei auch schon argumentativ Startlöcher, um in der Diskussion um die Taufe des sich immer häufiger einstellenden Nachwuchses einen Startvorteil zu ergattern.

Damit begann auch ein Wachsen der Information über den Glauben des anderen. In der Absicht, uns voneinander abzugrenzen, wollten wir wissen, wie denn die Grenze verläuft, was beim anderen anders ist. Das Trennende wurde Triebfeder der Neugier.

Das Gemeinsame erfuhren wir durch die Begleitung eines evangelischen Seelsorgers, der uns zur Feier gemeinsamer Gottesdienste hinführte und uns immer mehr mit dem Gedanken vertraut machte, daß die Verschiedenheit der Konfessionen nicht nur ein Zeichen der Trennung sein muß, sondern mindestens genauso eine Quelle gegenseitiger Bereicherung sein kann.

So vertieften wir uns immer mehr in die Materie der Ökumene. Wir besuchten Fachseminare, initiierten Eheseminare für konfessionsverschiedene Paare, feierten Gottesdienste, organisierten uns österreichweit mit anderen Gruppen und versuchten, unsere Probleme an die Amtsträger der beiden Kirchen heranzutragen. Der Dialog entwickelte sich schwerpunktmäßig zur katholisehen Kirche hin, weil von ihr die meisten Antworten auf unsere Fragen erwartet wurden; oder besser gesagt, unsere Dialogabsicht, denn oft war die Gesprächsbereitschaft der K irche nicht erkennbar.

Die ältere Generation hat noch die Zeit erlebt, in der die kirchliche Eheschließung mit einem evangelischen Partner nicht möglich war, und die

Taufe der Kinder in die evangelische Konfession mit der Exkommunikation des Katholiken belegt war. Die nachfolgenden Generationen haben die positiven Auswirkungen des II. Vatikanischen Konzils erlebt. Dennoch bleiben schmerzende Merkmale der Trennung bestehen, die von den Betroffenen unterschiedlich erlebt und verarbeitet werden.

Das wohl am meisten geforderte Zeichen der Versöhnung und Ausdruck gemeinsamen Glaubens ist die Teilnahme von konfessionsverschiedenen Familien am Abendmahl.

Nach derzeitiger katholischer Ijehre ist die Interkommunion mit den „aus der Beformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften” nicht möglich. An diesem Satz aus dem Katechismus der katholischen Kirche (Kap. 1400) kann die gesamte Komplexität des Themenkreises aufgezeigt werden. Es war für mich ein langer, mühsamer Lernprozeß, als Nichttheologe auf die Bedeutung der einzelnen Worte eines Lehrsatzes zu achten. Bei genauem Hinsehen entfaltet sich nämlich der ganze theologische Hintergrund durch die Bezeichnung der Evangelischen als „kirchliche Gemeinschaft” und nicht als „Kirche”.

Den Evangelischen wird ein „defec-tus” zugesprochen, ihnen fehlt etwas, nämlich die Ganzheit der Sakramenta-lität der Kirche. Sie fehlt ihnen, weil ihre Amtsträger erstens nicht in der apostolischen Sukzession stehen, und zweitens keinen sakramentalen Akt der Priesterweihe kennen. Daher ist ihnen auch - nach katholischem Verständnis - - die Feier des Herrenmahles, bei dem Brot und Wein in L>eib und Blut Christi gewandelt werden, nicht wirklich möglich, und wir Katholiken dürfen uns aus Bespekt vor dem eigenen Glauben an dieser unvollkommenen Handlung nicht beteiligen.

Professionelle Theologen mögen mir diesen flapsigen Exkurs verzeihen. Er ist aber deswegen wichtig, weil er die verschiedenen Zugänge zu ein und demselben Thema aufzeigt: Hier der Versuch von Otto Normalverbraucher, christliches Leben gemeinsam in partnerschaftlichem Miteinander zu gestalten - und dort die theologische Herleitung komplizierten Sakramentenverständnisses, versehen mit der Autorität des kirchlichen Lehramtes.

Dementsprechend ist auch der Dialog mit Amtsträgern schwierig. Wir stellen pastorale Fragen und erhalten, wenn überhaupt, theologische Antworten. Wir ringen mit der Kurzatmigkeit des täglichen Lebens und verspüren den langen, kalten Atem der institutionellen Kirche. Es gibt auch hoffnungsvolle Ansätze wie die erst kürzlich veröffentlichte pastorale Orientierungshilfe der Erzdiözese Wien „zur Frage der eucharistischen Gastfreundschaft bei konfessionsverschiedenen Ehen und Familien” (FURCHE 24/1997), in der die Verantwortung für die Mitfeier der Eucharistie in die Hände des zuständigen Pfarrers gelegt wird. Aber von wirklich geschwisterlichem Umgang der katholischen mit der evangelischen Kirche kann man auch in diesem Papier noch nicht sprechen.

Wir konfessionsverschiedene Ehepaare und Familien erheben keinen Anspruch auf theologische Kompetenz, sehr wohl aber beanspruchen wir die Kompetenz von Betroffenheit und ehrlichem Bemühen um die Glaubwürdigkeit unseres christlichen Lebens. Viele von uns verwenden viel Zeit und Energie, um sich in ökumenischen Fragen weiterzubilden, um zu hinterfragen, einander mitzuteilen, miteinander zu feiern und zu beten.

Wir haben tiefen Bespekt vor der Konfession des anderen gewonnen. Deshalb feiern wir immer wieder bewußt gemeinsam das Abendmahl. Es fällt uns schwer, nachzuvollziehen, daß wir mit unseren Partnern, mit denen wir fundamentale Lebenserfahrungen wie Liebe, Geburt, T od, Freude, Trauer, Streit, Versöhnung in allen Stufen der Intensität und Intimität teilen, das Sakrament des Lebens nicht teilen sollen.

So leben wir im Spannungsfeld zwischen der Kirchenordnung, die historisch gewachsen ist und in sich schlüssig scheint, und der Forderung des täglichen Lebens nach grenzüberschreitenden Strategien der Liebe, der Achtung und des Umganges miteinander.

Auf die Kraft, die wir aus der gemeinsamen Feier des Abendmahls schöpfen, wollen und können wir nicht mehr verzichten.

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