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Der Koran sagt nicht nein

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Vatikan und Islamisten ziehen in Fragen der Bevölkerungspolitik an einem .Strang, heißt es jetzt vor der Konferenz in Kairo. Zu Recht?

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Vatikan und Islamisten ziehen in Fragen der Bevölkerungspolitik an einem .Strang, heißt es jetzt vor der Konferenz in Kairo. Zu Recht?

Nun ist die „Intematio- nale Konferenz für Be- völkerung und Ent- wicklung“, die am 5. September in Kairo be- —1— i ginnt, wohl endgültig zur „Abtreibungskonferenz“ verkommen, zumindest in der öffentlichen Meinung vieler islamischer Länder. In Ägypten strengen islamistische Juristen einen Prozeß an, um die Konferenz noch im letzten Augenblick zu verhindern; die al-Az- har-Moschee, höchste theologische Instanz für die sunnitischen Moslems, mobilisiert gegen den UNO- Bevölkerungsplan, der auf der Konferenz diskutiert werden soll. Es gehe gar nicht um Familienplanung, sondern, horribile dictu, um die Absegnung von „Abtreibung, Homosexualität und außerehelichem Geschlechtsverkehr“.

In einer schönen Eintracht blüht die Paranoia einerseits der Islamisten und andererseits der arabischen Nationalisten, der Westen wolle die Moslems ausrotten. Man. glaubt offensichtlich noch oder schon wieder an die Milchmädchenrechnung: je mehr, desto stärker. Daß diese Ängste und Fehlschüsse entstehen, ist bei der Art, wie im Westen im allgemeinen über Bevölkerungspolitik gesprochen wird, jedoch kein Wunder. Zu viel sind immer die anderen.

Dabei ist es für die islamischen Staaten so einfach: Der Islam, Wunderwerk auch der Pragmatik, läßt der Vernunft in diesen Dingen großen Spielraum. Mit keinem Wort ist im Koran die Verhütung verboten. Zu diesem Schluß kam in seinem Buch „Familienpl’anung im Islamischen Recht“ auch der Großscheich von al-Azhar, Gad al-Haq Ali Gad al-Haq, der jetzt gegen die Konferenz wettert. Ganz im Gegenteil: die Hinweise darauf, daß der Prophet Muhammad selbst oder zumindest seine Gefährten den „azl“, den Koitus Interruptus, praktiziert hätten, ließen den Schluß zu, daß auch gegen moderne Verhütungsmethoden prinzipiell nichts einzuwenden wäre.

Für den Koitus Interruptus im speziellen sprach für die islamischen Juristen des Mittelalters, die die Verhütungsproblematik bemerkenswert offen diskutierten, auch die Tatsache, daß er nicht hundertprozentig zu quasi einer Kontrolle von Gottes Willen geeignet sei. Gründe für eine Verhinderung der Schwangerschaft gibt es auch für den wohl ein flußreichsten Theologen dieser Zeit, al-Ghazali (gestorben 1111), mannigfache: darunter übrigens auch die Erhaltung nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Schönheit einer Frau (für seine christlichen Kollegen wohl der Gipfel der Frivolität).

Auch wirtschaftliches Denken war den Theologen nicht fremd. Was al-Ghazali übrigens keinesfalls gelten ließ, ist Verhütung aus Angst vor der Geburt einer Tochter anstelle eines Sohnes.

In nichts von den westlichen Kuriositäten dieser Art unterscheiden sich die Rezepte der islamischen Mediziner gegen die Empfängnis: vom Teer, mit dem das männliche Glied einzureiben sei, bis zum Elefanten- kot-Honig-Zäpfchen für die Frau.

MITTELALTERLICHE ARGUMENTE

Die Ablehnung von Verhütung war im Islam immer eine eklatante Minderheitenmeinung, vertreten beispielsweise durch den mittelalterlichen Theologen Ibn Hazm, der jegliche Familienplanung zum Mord erklärte. Seine Argumentation wurde von den Islamisten in diesem Jahrhundert wieder aufgegriffen, und mit der Theorie eines westlichen Komplotts gegen die Moslems angereichert. Obwohl es jetzt so scheint - was auch immer wieder in den Medien als griffige Parallele präsentiert wird —, als ob der Vatikan und die Islamisten in Bevölkerungspolitik-Fragen ein Herz und eine Seele sind, werden sich aufgrund ihrer Dogmatik die Moslems mit diesen Fragen immer leichter tun,

Lehrbeispiel Iran: 1979, nach der islamischen Revolution, wurde die Bevölkerungspolitik des Schahs sofort als imperialistisches Instrument zur Kontrolle der Dritten Welt schubladisiert, - um schon bald wieder herausgeholt zu werden. Mittlerweile zeigt man sich stolz, die Geburtenrate in den letzten Jahren rund um ein Drittel gesenkt zu haben; Verhütung hat sogar in die Lehrpläne der Schulen Einzug gehalten, abgesehen von der Verbreitung des Bildes „Kleine Familie, (materiell) glückliche Familie“ in den Medien.

Aber sogar das Thema Abtreibung, gegen die die Islamisten jetzt so auftreten, als hätte es nie eine Diskussion darüber gegeben, erlaubt verschiedene Standpunkte. Als Grundlage für die juristischen Überlegungen dient die Überlieferung, nach der der Prophet Muhammad gesagt haben soll, jeder sei „vierzig Tage lang im Mutterleib in Form eines Samens, dann für die gleiche Zeit ein Blutklumpen, danach wird es ein Fleischklumpen für die gleiche Periode, und anschließend wird der Engel geschickt, um ihm den Lebensatem einzuhauchen“. Einigkeit herrscht darüber, daß es sich nach diesen 120 Tagen beim Embryo um einen Menschen handelt. Was vorher erlaubt ist, darüber teilen sich die Meinungen: von der völligen Ablehnung des Abortus über sein Gestatten in den ersten 40 beziehungsweise 80 Tagen bis zur Abtreibung in der ganzen Periode, bevor „der Engel die Seele einhaucht“. Keineswegs ist diese Abtreibung, auch in der liberalsten Schule, jedoch erwünscht, sie wird immer „makruh“ (verhaßt) bleiben.

Vor diesem Hintergrund agieren also die Regierungen der islamischen Länder, einem Hintergrund, der ihnen größtmögliche Freiheit läßt. Beispiel Irak: War früher der Zugang zu Verhütungsmitteln frei und wurde sogar gefördert, zeigt man sich jetzt über eine Rate 5,8 Kinder pro Frau erfreut. Das Zwischenstromland soll wohl wieder mit so vielen Menschen bevölkert werden, wie es angeblich in historischen Zeiten gewesen sind. Beides — Familienplanung oder keine Familienplanung - kann bei Bedarf jederzeit durch religiöse Stellen gedeckt wer den. Das irakische Beispiel führt auch eine andere Rechnung ad absurdum, die bei uns immer wieder aufgestellt wird: Höhere Bildung der Frau bedeutet weniger Kinder. Im Irak war und ist die Bildungsrate der Frau immer eine der höchsten in den islamischen Ländern, was der Zuwachsrate keinen Abbruch tut. Und da ist noch Jordanien: Zwei von drei Jordanierinnen - verglichen mit einer von drei Ägypterinnen — haben Schulbildung, die jordanische Wachstumsrate ist mit 4,5 Prozent eine der höchsten der Welt.

OHNE KIND EINE VERSAGERIN

Auch die extrem reichen arabischen Länder wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate stehen da in nichts zurück. Das Pro- Kopf-Einkommen ist enorm, die Schulbildung extrem hoch, die Auswirkungen auf das Bevölkerungswachstum gleich Null: Die Gesellschaftsstrukturen, die Werte sind dieselben geblieben. Eine Frau ohne Kinder ist eine gesellschaftliche Versagerin.

Dazu kommt, daß in den angesprochenen reichen arabischen Ländern von „Überbevölkerung“ natürlich noch lange keine Rede sein kann, Platz ist genug da, Geld eben falls, um fehlende Nahrungsmittel durch Ankäufe abzudecken.

Auf der zum Bersten vollen kultivierten Fläche Ägyptens (etwa drei Viertel der Fläche Österreichs), drängen sich hingegen fast 60 Millionen Menschen. Im dichtest besiedelten Viertel von Alexandria leben auf einem Quadratkilometer 128.000 Menschen, der Schnitt in Kairo ist 32.000. Aber trotz der Armut - die immer mit mangelnder Schulbildung einhergeht — der breiten Schichten in Ägypten hat man mittlerweile die Wachstumsrate auf 2,6 Prozent (man denke an die 4,5 Prozent Jordaniens!) „gedrückt“: 3,9 Kinder bringt die Ägypterin heute zur Welt anstatt 5,3 vor noch fünfzehn Jahren.

Mit der Kooperation der religiösen Instanzen, die die Verunsicherung beseitigen helfen, man würde mit der Planung seiner Familie etwas „Unislamisches“ tun, und ständiger Aufklärung der Bevölkerung etwa via Seifenopern in Fernsehen und Radio läßt sich einiges erreichen. Und durch die Pille — sofern diese nicht an die Haushendeln verfüttert wird, damit sie schneller wachsen.

Die Autorin ist

Arabistin und Islarruvissenschafterin und Redakteurin des „Standard“.

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