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Der Missbrauch liegt auf der Hand"

Andreas Heller, Leiter der Abteilung Palliative Care und Organisationsethik an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt, über Sterben als Tabu, das niederländische Euthanasiegesetz und die heimische Pflegesituation.

Die Furche: Sie behaupten, Sterben sei kein Tabu mehr. Wie meinen Sie das?

Andreas Heller: In Österreich sterben pro Jahr rund 75.000 Menschen. Wenn durchschnittlich zehn Menschen unmittelbar vom Tod eines Menschen betroffen sind, dann sind das 750.000 Menschen - also zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Da verstehe ich nicht, warum das Sterben tabuisiert ist. Dafür gibt es zu viel Betroffenheit. In einer Kultur und Gesellschaft, die ergraut, setzt einfach eine neue Form der Auseinandersetzung ein. Durch die Entkriminalisierung der Euthanasie - teilweise in der Schweiz, aber auch in Belgien und in den Niederlanden - und durch die ständigen Diskussionen im Europarat gibt es die Situation, dass sich alle Länder in Europa politisch und konzeptionell zur Euthanasie - und für mich ist Euthanasie nicht nur eine ethische Frage, sondern eine Frage des politischen "Entsorgungskonzept" - verhalten müssen. Und das tun sie eben im Moment unterschiedlich.

Die Furche: Das niederländische "Entsorgungskonzept" will durch eine Entkriminalisierung der aktiven Sterbehilfe die rechtlichen Grauzonen ausleuchten. Ist dieser Plan Ihrer Meinung nach aufgegangen?

Heller: Man muss den Niederländern zunächst konstatieren, dass sie eine sehr komplexe Evaluation an dieses Gesetz geknüpft haben. Doch die veröffentlichten Daten sind erschütternd, weil über 1.000 Menschen im Jahr euthanasiert werden, die ihre Einwilligung nicht gegeben haben: Kinder, behinderte Menschen, Demenzkranke oder Menschen im Wachkoma. Mein stärkstes zivilgesellschaftliches Argument - und da brauche ich gar nicht lange irgendeine Religion zu bemühen - ist, dass der Missbrauch eines solchen Gesetzes auf der Hand liegt. Was man daraus lernen kann, ist, dass die Autonomie der Patienten gerade nicht gestärkt wird, sondern dass die Fremdbestimmung dominiert. Und dass der Missbrauch zwar irgendwie beschreibbar ist, aber deshalb nicht weniger wird. All das, wovor man bei uns immer mit moralischer Empörung gewarnt hat, nämlich das Brechen der Dämme, das stimmt natürlich. Darüber hinaus gibt es noch ein wichtiges Argument, das Klaus Dörner (emeritierter Professor für Psychiatrie in Gütersloh; Anm.) und auch Kardinal König vorgebracht haben: Der Mensch ist kein Faktor in einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Wir haben aber jetzt gesundheitsökonomische Kosten-Nutzen-Rechnungen, wo die Frage laut wird: Lohnt es sich noch, in solche Menschen zu investieren? Dörner sagt: Wenn wir in der Euthanasiefrage nicht wieder im Nationalsozialismus landen wollen, dann müssen wir in die Menschen investieren, wo es sich finanziell am wenigsten lohnt. Wenn man diese Gruppe vergisst, dann wird man sie eliminieren.

Die Furche: Momentan sieht es aber nicht so aus, als ob die Regierungen bereit sein würden, derart "unlogische" Investitionen zu tätigen...

Heller: Deshalb prognostizieren wir auch, dass sich die Tendenz zur Entkriminalisierung der aktiven Sterbehilfe zuspitzen wird - eben weil die Ökonomen deutlich machen, dass wir uns diese langen Sterbephasen immer weniger leisten können. Das Dilemma ist, dass die Medizin die Probleme bearbeiten muss, die sie selbst geschaffen hat. Seit dem Entstehen der Hospizbewegung vor 30 Jahren werden die Umstände kritisiert, unter denen Menschen buchstäblich gestorben werden: dass bis zum letzten Atemzug therapiert wird, dass die Patienten nicht aufgeklärt sind, dass die Angehörigen nicht involviert sind, dass über die Betroffenen entschieden wird und nicht mit ihnen. Diese Themen sind nach wie vor virulent - und das ist die Gegenthese zu meiner Eingangsbehauptung: Sterben ist nach wie vor auch tabu, weil es in den Organisationen, also vorwiegend im Akutbereich der Krankenhäuser, nicht gelungen ist, einen kultivierten Umgang mit der Sicherheit, dass Menschen dort auch sterben werden, zu pflegen. Wir haben Tausende von Todesfällen in österreichischen Krankenanstalten.

Die Furche: Dabei wünscht sich die überwiegende Mehrheit, die letzte Zeit zu Hause zu verbringen...

Heller: Ich glaube nicht, dass die demografischen Angaben stimmen, wonach 90 Prozent der Menschen zu Hause sterben wollen. Dazu gibt es keine seriösen Forschungen. Aber faktisch beobachten wir, dass es sehr vieler Voraussetzungen bedarf, dass Menschen heutzutage zu Hause sterben können: Sie brauchen Kontinuität auf der Angehörigenseite und Pflege-Versorgung rund um die Uhr. Diese Bedingungen gibt es in den wenigsten Familien, und wenn, dann wird die Pflege immer an die Töchter oder Schwiegertöchter delegiert. Da hilft auch keine Familienhospizkarenz, die überhaupt viel zu flach ansetzt.

Die Furche: Inwiefern?

Heller: Eine der Kernfragen wird dabei nicht beantwortet: Nämlich die Verständigung darüber, wann jemand sterbend ist. Die Voraussetzung wäre, dass Ärzte, Pflegekräfte, Familienangehörige und die Betroffenen selber eine Einschätzung einer Prognose erarbeiten. Diese Frage unterscheidet die Familienhospizkarenz im Übrigen von der Kinderkarenz, wo man relativ sicher sagen kann, ab wann jemand schwanger ist. Das ist bei der Familienhospizkarenz einer der schwierigen Punkte, und gleichzeitig ist er zu bearbeiten, weil erst dann auch Maßnahmen greifen können. Wenn man das nicht definiert, dann endet letztlich jede Versorgungssituation in der Krise im Akutkrankenhaus.

Die Furche: Wie schätzen Sie das Angebot ambulanter Pflegeversorgung in Österreich ein?

Heller: Die Rahmenbedingungen sind katastrophal schlecht: Bei uns werden die Leute zwischen Krankenhaus und Pflegeheim hin- und hergeschoben. Und das ambulante Versorgungsnetz ist bei uns sehr löchrig und von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Die Krankenhäuser haben ihrerseits überhaupt kein Interesse, Leistungen an die ambulante Versorgung abzugeben, ebensowenig die Sozialversicherungsträger. Wenn wir nicht integrierte Finanzierungstöpfe haben, wird sich überhaupt nichts ändern - aber da beißen sich ja schon einige Politikergenerationen die Zähne aus.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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