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Der neue Papst von Alexandrien

Als Jugendbischof war Tawadros erst im letzten September in Österreich. Nun besucht er als neuer Patriarch der Kopten zwei Wochen das Land.

Das geistliche Oberhaupt der koptischen Christen, der letzten November erwählte Patriarch Tawadros (Theodor) II., befindet sich bis 3. Juni auf Besuch in Österreich. Wer die Kopten sind, gehört heute zum Allgemeinwissen, leider aus traurigem Grund: Fast jeden Tag kommen aus Ägypten Meldungen von misshandelten oder gar ermordeten Angehörigen dieser christlichen Minderheit, von brennenden Kirchen, geplünderten Geschäften und Wohnungen, der Entführung koptischer Mädchen und Frauen zum Zweck ihrer Zwangsverheiratung und Zwangsislamisierung. Eine Obrigkeit, die heute nach der langen Mubarak-Diktatur von den Muslimbrüdern kontrolliert wird, schaut der Christenhatz durch die noch radikaleren Salafisten untätig zu.

Kein Wunder, dass es ein Hauptanliegen des neuen Koptenpatriarchen sein muss, das Überleben seiner Herde auch durch gesamtchristliche und internationale Solidarität abzusichern. Seine erste Auslandsreise hat ihn eben erst zum neuen Papst geführt. In Rom waren da gleich drei Päpste anwesend: Franziskus I., sein Vorgänger Benedikt XVI. und Tawadros II. Er nennt sich "Papst und Patriarch von Alexandrien“, da der Papsttitel ursprünglich ägyptischer Herkunft ist. So handelt es sich auch bei der Tiara, welche die römischen Päpste seit Paul VI. abgelegt haben, um einen Anklang an die alte, dreifache Pharaonenkrone.

Enge Beziehungen zu Österreich

Es ist kein Zufall, dass Tawadros II. nun gleich darauf für fast zwei Wochen nach Österreich gekommen ist. Zu eng und fest sind seit fast einem halben Jahrhundert die Bande zwischen den koptischen Christen und Wien. Schon der österreichische Kaiser war Schirmherr der kleinen koptisch-katholischen Kirche. Um die heute gut 14 Millionen orthodoxen Kopten machte sich gleich ab ihrer Gründung 1964 die Stiftung "Pro Oriente“ verdient. Schon im nächsten Jahr kam Kardinal König zum ersten Mal nach Ägypten. Die Beziehungen zur koptischen Kirche führte vor Ort Bernhard Stillfried weiter, langjähriger österreichischer Kulturrat in Kairo und später im Vorstand von "Pro Oriente“. 1970 besuchte der spätere Patriarch Schenuda III. als Bischof zum ersten Mal Österreich, wo er vor dem Stift Melk das unvergessene Bonmot von sich gab: "Zu viele Fenster - zu wenig Mönche!“. Am Nil trafen in der Folge Otto Mauer und Otto Schulmeister ein. 1973 konnten sich dann in Wien katholische und koptische - sowie andere christlich-orientalische Theologen - darüber einigen, dass es bei seit dem 5. Jahrhundert als Monophysitismus bezeichneten und von der römischen Reichskirche verurteilten alexandrinischen Christologie nur um eine andere Formulierung der gemeinsamen Glaubenswahrheit handelt. Das öffnete den Weg zu noch besserem Zusammenfinden und noch engerer Zusammenarbeit.

Die zunehmende Bedrängnis der ägyptischen Christen durch ihre sich sprunghaft radikalisierenden islamischen Landsleute und eine zunehmend schikanöse Staatsmacht drängte seit den 1980er Jahren immer mehr Kopten zur Auswanderung. Vorher hatten sie, meist Bauern im mittleren und oberen Niltal oder kleine Geschäftsleute bzw. Handwerker in den Städten, zäher als andere verfolgte Orientchristen in ihrer angestammten Heimat durchgehalten. Es bildete sich eine wachsende koptische Diaspora in Europa und Übersee, so auch gerade in Österreich.

Die österreichische Diözese der koptisch-orthodoxen Kirche unter Bischof Gabriel aus dem Wüstenkloster von Anba Bishoi - aus ihm kommt auch der 60jährige Patriarch - zählt heute Gemeinden in allen größeren österreichischen Städten und ein monastisches Zentrum im Marchfeld. Ihre Kirchen wurden meist von der katholischen Kirche zur Verfügung gestellt, inzwischen gibt es immer mehr Neubauten. So weiht Patriarch Tawadros II. diese Tage in Wien, dem niederösterreichischen Obersiebenbrunn und Bruck an der Mur fünf koptische Kirchen ein, darunter drei neu errichtete.

In Ägypten müsste der Patriarch dafür, wie auch für alle Reparaturen an alten christlichen Gotteshäusern die persönliche Erlaubnis des Staatspräsidenten einholen. Diese Genehmigungen werden - wenn überhaupt - nur sehr hinhaltend erteilt. Umso mehr schätzen es die Kopten an Österreich, dass sie hierzulande volle Freiheit genießen und seit 2003 als öffentlich-rechtliche Körperschaft anerkannt sind. Das war auch einer der Gründe, weshalb mit dem "Pope Shenudah College“ das theologische Zentrum für die koptische Klerusausbildung in Europa in Wien angesiedelt wurde.

Als damaliger General-Jugendbischof nahm der heutige Patriarch im September 2012 dessen Eröffnung vor. "Österreich, das sind unsere besonderen Freunde“, sagte er einem seitdem bei jeder Begegnung in Kairo. Kaum in besonders kritischer Zeit zur höchsten Würde - und Bürde - in seiner Kirche aufgestiegen, wiederholte er: "Mitten in diesem Überlebenskampf der ägyptischen Christenheit muss ich sehr, sehr besonnen vorgehen. Am Nil stehen wir wie Brückenpfeiler in stürmischer Flut. Es wird eine meiner ersten Aufgaben sein, unsere christlichen Geschwister und Menschen guten Willens in aller Welt an unsere Not zu erinnern!“

Großes Fest in der Marienkathedrale

Genau das hat dieser gute Hirte seiner bedrohten Herde jetzt in Österreich getan. Bei Kardinal Christoph Schönborn und Bundespräsident Heinz Fischer, dem Präsidenten von "Pro Oriente“, Hans Marte, und Staatssekretär Sebastian Kurz. Auch die österreichische Außenpolitik hat sich einen guten Ruf als mutig-freimütige Anwältin von Religionsfreiheit und von Menschenrechten überhaupt erworben.

Am 1. Juni begeht Patriarch Tawadros II. in der Marienkathedrale Wien-Donaustadt den Festtag zur Ankunft der Heiligen Familie am Nil bei ihrer "Flucht nach Ägypten“. Das ist im koptischen Kirchenjahr der Höhepunkt des Marienmonats Baschans. In Ausschmückung des Berichtes bei Matthäus (Mt 2,13-17) beteiligen sich eine ganze Fülle von Stationen dieses Aufenthaltes an den Feierlichkeiten. An erster Stelle das Kairoer Stadtkloster Ezbaweja, an dessen Stelle Maria am 24. Baschans (1. Juni) ihr erstes Wunder gewirkt und die Häscher des Herodes getäuscht haben soll. Von dort ziehen sich die legendären Gedenk- und Wunderstätten den Nil aufwärts bis Oberägypten. Im Hoch- und Spätmittelalter war das ein auch von Abendländern gern erwanderter Pilgerweg. Der letzte Minnesänger Oswald von Wolkenstein hat launige Verse von dieser Wallfahrtsfrömmigkeit hinterlassen, als er zwischen dem Heiligen Land und der "Tripel in der Barbarei“ (das libysche Tripolis) Ägypten besuchte. Dieser "Marienweg“ stand zeitweise dem Jakobsweg an Beliebtheit kaum nach.

Im Anklang an die Neubelebung des Jakobsweges in Europa wird in koptischen Kreisen angeregt, dass europäische Christen wieder in Ägypten auf den Spuren der Heiligen Familie pilgern und durch ihre Präsenz die bedrängten Christen am Nil schützen und unterstützen. Ein Vorschlag, der aufgegriffen werden sollte!

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