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Der Patron der Atheisten

Am 28. Juli 1804 wurde der Philosoph und Religionskritiker Ludwig Feuerbach geboren. Den jenseitigen Gott hat er zerstört - und damit Platz für den Menschen geschaffen.

Den deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach kann man mit einiger Berechtigung den Patron der Atheisten nennen. Der "bürgerliche Materialist", wie ihn manche genannt haben, ist ein direkter Wegbereiter der Religionskritik von Marx und Engels, von Nietzsche und Freud. Seine "Projektionshypothese", dass Gott nichts anderes sei als das in die Unendlichkeit des Himmels projizierte Wesen des Menschen, ist nicht ganz neu, denn bereits antike Denker haben sich über das Allzu-Menschliche der griechischen Götter mokiert. Doch Feuerbach verleiht dieser Kritik eine solche Wucht, dass seither selbst die Theologen nicht umhin können, sich mit diesem Verdacht auseinanderzusetzen.

Höchste Autorität: die Bibel

Ludwig Feuerbach wird vor zweihundert Jahren, am 28. Juli 1804, als dritter Sohn eines renommierten deutschen Juristen geboren. Der Vater Paul Johann Anselm gilt als Begründer der positiven Rechtstheorie, das heißt der Auffassung, dass es kein von Natur aus gültiges Recht gibt, sondern dass alles Recht vom Menschen erst gesetzt wird. Bis heute ist diese Position ein Streitpunkt, häufig zwischen philosophischen Ethikern und Moraltheologen.

Der Protestant Paul Feuerbach steht im Dienst des katholischen Königreichs Bayern. Vielleicht lässt er seinen Sohn Ludwig deswegen katholisch taufen. In der Schule brilliert Ludwig in Theologie und Dogmatik , und die Bibel, so schreibt er später, war ihm damals die höchste Autorität. Doch das Theologiestudium gibt er rasch auf und studiert gegen den Willen des Vaters in Berlin bei Hegel Philosophie.

Hegels Metaphysik zielt auf den Prozess der Selbstbewusstwerdung des Geistes als "Endziel" der Geschichte. Den spekulativen Idealismus seines Lehrers kritisiert Feuerbach später. Hegel lässt die verschiedenen Zeiten, Völker und Kulturen nur als Stufen in einer Hierarchie der Bewusstwerdung des Geistes gelten. Feuerbach dagegen sucht nach "Koordination und Koexistenz". Nicht der Geist, sondern der konkrete Mensch mit seinen Bedürfnissen macht Geschichte. Das hat vor der Revolution von 1848, im "Vormärz", auch eine politische Pointe: es geht um die Auflösung von Hierarchie und monarchischem Imperium.

Leibhaftige Erfahrungen

Feuerbach wendet sich vom spekulativen Idealismus, aber auch von der spekulativen Theologie ab. Im Mittelpunkt steht der Mensch, und das, was Menschen leibhaftig hier und jetzt erfahren, ist das Unmittelbare. Was Feuerbach aus den verschiedensten Quellen bezieht - von Mystikern wie Böhme oder Angelus Silesius, von Denkern wie Giordano Bruno, Spinoza, Leibniz oder Schelling - verdichtet sich zu wuchtigen Thesen gegen das bürgerlich-spiritualistisch-christliche Weltbild.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der individuellen Seele ist sein erstes Ziel. Dieser Glaube ist nichts anderes als die Flucht aus dieser Welt, schreibt Feuerbach in seinen Gedanken "über Tod und Unsterblichkeit" (1830). Die Welt erscheint den Jenseitsgläubigen als ein Jammertal, und alle Freude und Erfüllung wird in die Zukunft des Jenseits verlegt.

Doch diese Perspektive ist eine Selbsttäuschung und Illusion: "Über die Kluft, die zwischen dem gegenwärtigen Leben, wie es in Wahrheit ist, und seiner Anschauung und Vorstellung von ihm liegt, über die Poren und Leere seiner Seele baut das Individuum die Eselsbrücke der Zukunft." Dazu kommt: Wer ans bildlich ausgemalte Jenseits und die Unsterblichkeit der individuellen Seele glaubt, erweist sich als Egoist.

Zwar glauben heute weniger Menschen an die Unsterblichkeit der Seele als zur Zeit Feuerbachs, doch aktuell ist seine Kritik noch immer. Denn heute verschieben viele das wahre Leben nicht ins Jenseits, sondern auf die nächste Reinkarnation. Dazu braucht man dann nicht einmal mehr einen Gott, und der konkrete Mensch, das Leben hier und jetzt verflüchtigt sich. Genau das hat Feuerbach kritisiert. "Jetzt gilt es vor allem, den alten Zwiespalt zwischen Diesseits und Jenseits aufzuheben, damit die Menschheit mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen auf sich selbst, auf ihre Welt und Gegenwart sich konzentriere."

Ein Vogel, der Gott wegsingt

Wegen seiner Kritik an der himmlischen "Hinterwelt" hat Feuerbach zeitlebens nie eine Stelle an der Universität bekommen. Doch mit seinen Schriften vom "Wesen des Christentums" (1841) und "Grundsätze der Philosophie der Zukunft" (1843) erreicht Feuerbach aber ein breites Publikum, zu dem unter anderem auch Karl Marx, Friedrich Engels und Bruno Bauer gehören sowie der Dichter Gottfried Keller. Was sie an Feuerbach begeistert: Er wirft das Hegelsche "System des Geistes" über den Haufen und wendet sich der Natur und dem Menschen zu. Gottfried Keller erscheint Feuerbach gar als der "bestrickende Vogel, der ... mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt."

Heute sieht man genauer, was Feuerbachs atheistischer "Gesang" zerbrechen konnte: Gott, der ältere, dynamische Herr mit weißem Bart, der manchmal väterlich-gütig, meist aber zornig aus den Religionsbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts blickte, hatte sich ins Unbewusste vieler Menschen eingenistet. Doch dieser alte Mann mit weißem Bart, der über den Himmeln thront, ist - fast - nicht mehr.

"Ich negiere Gott, das heißt bei mir, ich setze an die Stelle der illusorischen, phantastischen, himmlischen Position des Menschen, welche im wirklichen Leben zur Negation des Menschen wird, die sinnliche, wirkliche, folglich notwendig auch politische und soziale Position des Menschen", schreibt Feuerbach. Das zeigte Wirkung.

Gasförmiges Wirbeltier Gott

Zwar müssen Psychoanalytiker sich immer noch mit den Folgen der "Gottesvergiftung" befassen, doch in der Theologie hat man die Kritik Feuerbachs ernst genommen. Man kann nicht über Gott reden, ohne auch über die Menschen zu reden, die über Gott reden. Gott lässt sich nur aus der Sicht der Menschen und in menschlicher Sprache thematisieren. Den Anspruch, etwas "absolut gültiges" in endliche Sprache zu bannen, hat die Theologie einigermaßen aufgegeben.

Gott wird auch nicht mehr als "gasförmiges Wirbeltier" beschrieben, über das sich der Naturwissenschaftler und Philosoph Ernst Haeckel zu Ende des 19. Jahrhunderts lustig machte. Der Ort Gottes ist nicht im Jenseits, sondern unter den Menschen, bei den Armen und Traurigen, bei den Sanftmütigen und Friedfertigen, bei denen, die Gerechtigkeit suchen. Mittelbar und unmittelbar hat Feuerbachs Kritik am Gottesbild zu einer Rückbesinnung auf die Gottesrede der Bibel geführt. "Die Aufgabe der neueren Zeit war die Verwirklichung und Vermenschlichung Gottes - die Verwandlung und Auflösung der Theologie in die Anthropologie", schreibt Feuerbach. Aus der spekulativen Theologie ist im 20. Jahrhundert eine anthropologische Theologie (Rahner) geworden.

Im konkreten Menschen ist die Unendlichkeit zu finden, und nur als konkreter, leibhaftiger und endlicher Mensch kann man die Unendlichkeit Gottes mit allen Sinnen erfahren. Die alte Theologie hat das so formuliert: Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Doch die Christen haben im Laufe der Jahrhunderte auf die Würde des Menschen vergessen. Darauf zielt Feuerbachs atheistische Kritik. Er hat dem Christentum einen großen Dienst erwiesen.

Die Autorin ist ORF-Religionsjournalistin.

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