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Der Preis der HUMANITÄT

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Was Menschsein bedeutet, verschiebt sich angesichts von Krisen und Katastrophen. Menschlichkeit gerät selber zum Ausnahmezustand.

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Was Menschsein bedeutet, verschiebt sich angesichts von Krisen und Katastrophen. Menschlichkeit gerät selber zum Ausnahmezustand.

Deadlines liefen ab und wieder an, Exit-Strategien wurden diskutiert, Hilfspakete geschnürt. Das Jahr 2015 wird einmal als griechisches in die europäische Geschichte eingehen. Wer hätte sich je vorstellen können, dass sich die Europäische Union auf humanitäre Hilfsleistungen für einen ihrer Mitgliedsstaaten vorbereiten müsste? Im Jahr 2015 rückt die Dritte Welt in die Erste ein, nicht im Zuge von Flüchtlingsströmen diesmal, sondern als ökonomisches Erdbeben im europäischen Kerngebiet. Grundlegende Strukturen brechen in Griechenland zusammen. Das Gesundheitssystem fängt Arbeitslose, die nicht sozialversichert sind, nicht länger auf. Bildung befindet sich im Notstand. Versorgungsengpässe zeichnen sich ab. Einem ganzen Land droht ein Ausnahmezustand, vielleicht auf Jahre.

Dabei sind im griechischem Notstand erneut Migranten am härtesten von den Folgen betroffen. In den Auffanglagern herrscht das nackte Elend. Vorgesehene EU-Gelder treffen vor Ort nicht ein. Die Lebensmittelversorgung funktioniert nicht mehr. Auf Lesbos brechen Asylsuchende in purer Verzweiflung aus einem Lager aus und in die Räume einer Speditionsfirma ein. Sie finden nicht, was sie suchen, und hinterlassen eine Spur der Gewalt. Im Kampf ums Überleben, um elementare Lebensrechte entsteht ein rechtsfreier Raum, in dem sich Menschen ihr Recht holen und ihre Bleiberechte zu verwirken drohen.

Die wachsende Not führt Humanität als Ideal und als Recht an Grenzen. Im Alltag humanitärer Hilfe laufen geregelte Ansprüche auf, auch weil Asyl europaweit eher als Gnadenerweis denn als Rechtsform gelebt wird. Es bezeichnet den Ausnahmefall, ein irreguläres Moment, das als ökonomischer Schaden auftritt. Selbst wenn die Versorgung der Flüchtlinge klappt, bleibt es im Durchschnittsbewusstsein bei einem Zugeständnis: Sie dürfen bleiben. In der Versorgung mit Lebensressourcen bebt die gnadenlose Gnade bloßer Bewilligung von Notwendigstem nach. Nicht umsonst reagieren die Griechen empört auf die Vorstellung, europäische Hilfskonvois sollten sie demnächst entlasten. Ihre Würde steht auf dem Spiel, und so ist der Widerstand gegen die Reformforderungen der EU - unabhängig von der Frage nach ihrer Berechtigung ein Kampf um den Preis der Humanität. Er bricht an den Randzonen aus, an denen Leben unmöglich zu werden droht.

Der Ethnologe Marc Augé spricht von Nicht-Orten, die an menschlichen Transferzonen entstehen. Es handelt sich um Räume, die nur vorübergehend benutzt oder bewohnt werden. An denen man nicht bleibt oder sich dauerhaft aufhalten darf. Leben ohne Bleiberechte wird auf elementare Bedürfnisse zurückgeschraubt und gestattet keine nachhaltigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer hier lebt, existiert in einem Zwischenraum, das Leben wie hinter Glasscheiben als Ausstellung einer unerreichbar realen Welt vorbeiziehen lässt. Eine unheimliche Virtualisierung.

An den Nicht-Orten der Gesellschaft

Wir alle bewegen uns in solchen Passagen, an Flughäfen und Bahnhöfen, in Shopping Malls und im Internet, aber sie geben uns wieder frei. Die Auffanglager am Rande unserer Städte funktionieren anders, als Aufschubhaft mit Existenzberechtigung auf Abruf. Für den italienischen Philosophen Giorgio Agamben zeigt sich hier, im Lager, eine grundlegende Produktionsform moderner Menschlichkeit. Indem es Leben förmlich feststellt, schließt es vom Leben in der Gesellschaft aus. Hier entscheiden sich Zugehörigkeiten. Hier werden die Passierscheine für das öffentliche Leben ausgestellt: Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung, Eintritt in die Gesundheitssysteme. Hier offenbart sich, wen eine Gesellschaft nicht nur als gleichberechtigten Bürger anerkennt, sondern als Menschen wahrnimmt. Keine Absichtserklärung, kein Verfahren, so politisch nachvollziehbar und so juristisch transparent es sein mag, reicht an die konkrete Verwundbarkeit jener Menschen, die jederzeit mit Abschiebung rechnen müssen. An den Nicht-Orten unserer Gesellschaften entscheidet sich, was wir unter Humanität verstehen.

Es ist die menschliche Extremsituation, es sind die Lebensräume, in denen Leben unter äußerstem Existenzdruck gerät, in denen sich die Produktion von Humanität beobachten lässt. Wenn sich Zuschreibungen von Menschsein verschieben, entsteht ein neues Wissen vom Menschen, eine eigene Rechtsordnung menschlicher Zugehörigkeit, eine Humanität unter Bedingungen. Was Menschsein bedeutet, verschiebt sich angesichts von Krisen und Katastrophen. Humanität bezeichnet angesichts solcher Momente, im Horizont von Migration und im Augenblick ökonomischer Krisen, selbst den Ausnahmezustand. Weil sie nie feststeht; weil sich in ihrer Bestimmung gesellschaftliche Souveränitätsverhältnisse entladen.

Der Preis der Menschlichkeit bemisst sich an den Kosten, den die zahlen, die sich im System außerhalb befinden. Die nicht abstimmen können, aber betroffen sind. Humanität entsteht erst unter den Bedingungen ihrer Vernichtung. Denn sie ist offensichtlich jederzeit verhandelbar. Als Regulativ gedacht, zeigt sich ihr Wert, wenn menschliches Leben gesellschaftlich auf dem Spiel steht. Humanität muss prekär sein: teuer und umstritten, schwierig, weil sie nicht abstrakt die Würde aller Menschen, sondern die Rechte konkreter Subjekte vertritt und immer an die Grenzen des Machbaren, Finanzierbaren rührt.

Humanität verlangt grundsätzlich zu viel. Humanität ist ein Exzess. Der Austritt des Menschen aus jeder Versuchung, sich auf exklusive Bestimmungen des Menschlichen zu verlegen. Gerade im Lager zeigt sich die Möglichkeit zu einem einzigartigen Exzess des Menschlichen: die humane Bereitschaft, Leben zu teilen. Leben einzusetzen. Mehr als das scheinbar Menschenmögliche zu riskieren. Das ist zu jeder Zeit auch eine politische Option. Die Humanität einer Gesellschaft offenbart sich in dem Moment, in dem sie sich dazu entscheidet und ihre Menschlichkeit immer wie zum ersten Mal entdeckt.

Der Gott des Lebens gibt niemanden verloren

Auf eine solche Entdeckung legte sich die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil fest: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi." Die Kirche solidarisiert sich nicht nur mit marginalisierten Menschen, sondern identifiziert sich mit ihnen. Mehr noch: "Christus selbst ruft in den Armen mit lauter Stimme seine Jünger zur Liebe auf." Damit wird die Würde des Menschen von Gott her menschlich gefasst, aber zugleich in einen Rechtsanspruch überführt, den der Aufruf Christi begründet.

Dieses Gesetz menschenmöglicher Liebe zeigt sich im Exzess eines Lebens, das im absoluten Ausnahmezustand politisch-religiöser Gewalt umkam. Am Kreuz hängt der unendlich verletzbare Mensch, aber in seinem Tod erhält das nackte Leben eine einzigartige Bedeutung: Nichts und niemand gibt der Gott des Lebens verloren. Der Glaube an die Auferweckung des Gekreuzigten kann in säkularen Zusammenhängen keine Politik begründen, aber der Bezug auf das Leben und die Reich-Gottes-Botschaft Jesu an die menschliche Möglichkeit erinnern, radikaler über eigene Grenzen hinauszugehen, als vorstellbar erscheint. Wenn der Sterbende am Kreuz den Tätern vergibt, so wie er im Leben niemand von seiner Mahlgemeinschaft ausgeschlossen hat, wird diese Festlegung von Humanität zu einer "gefährlichen Erinnerung"(J. B. Metz) daran, wo Leben im Angesicht seiner äußersten Gefährdung beginnt: an den Rändern, in Entschlüssen zu menschlicher Grenzüberschreitung. Europa steht 2015 mitten im Ernstfall. Es gibt dafür keinen Test. Humanität ist immer prekär.

Der Autor, Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg, ist Obmann der Salzburger Hochschulwochen

Krisenfall Menschlichkeit

"Prekäre Humanität" lautet das Thema der dieser Tage stattfindenden Salzburger Hochschulwochen. Angesichts von Griechenlandkrise, Flüchtlingsproblemen oder dem bestialischen Wüten der Kriege rund um den "Islamischen Staat" und vergleichbare Terrororganisationen steht die Menschlichkeit auf dem Prüfstand wie noch nie seit der Jahrtausendwende.

Redaktion: Otto Friedrich

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