Heute bin ich der Schwarze und du der Rote," sagte der sozialistische Bundespräsident Theodor Körner einmal, als er mit Kardinal Theodor Innitzer bei einer festlichen Gelegenheit zusammentraf. Aber der Talar war nicht gemeint, wenn man Franz König, den Erzbischof von Wien, den "roten Kardinal" nannte. Dieser Ausdruck wurde von Menschen erfunden, denen die politische Öffnung der Kirche zu weit nach links hin ging, weil man meinte, das würde einer christlichdemokratischen Volkspartei dauerhaft schaden. Einer solchen Auffassung lagen mehrere Missverständnisse zu Grunde, und zeitlebens hat Kardinal König damit zu tun gehabt, sie aufzuklären.

Bischof für alle Missverständnis Nummer eins: Die Kirche sei zur SPÖ hingerückt. Worum es König ging, war eine Beseitigung der Bürgerkriegsstimmung zwischen Kirche und Arbeiterschaft. Diese hing damit zusammen, dass in der Ersten Republik der Graben unübersehbar tief war und 1934 noch einmal verbreitert wurde. Bis dahin hatten die Kirchenoberen ihre Präferenz für die Christlichsoziale Partei unübersehbar zum Ausdruck gebracht.

Ein Prälat der katholischen Kirche war Parteichef und Bundeskanzler. Pfarrhöfe führten sich wie Parteisekretariate auf. Nach der Brandlegung im Justizpalast durch aufgebrachte Arbeitermassen im Juli 1927 verweigerte dieser Ignaz Seipel jeden Pardon - aus Staatsraison ("Prälat ohne Milde"). Aber die Staatsräson war nicht Kirchenräson. 25.000 Arbeiter liefen der Kirche davon. Und ein christlichsozialer Bundeskanzler ließ einige Jahre später neun zum Tod verurteilte Schutzbündler erschießen, obwohl von der 1934 militärisch niedergeworfenen Sozialdemokratie keine Gefahr für den Staat mehr drohte.

Dieses Erbe konnte so nicht stehen bleiben. Die ersten Nachkriegsjahre beanspruchten volle Aufmerksamkeit für Entnazifizierung und Wiederaufbau. Dann aber musste das brennbare Material von einst aus dem Weg geräumt werden. Das tat Kardinal König, indem er (im Vorstand des Gewerkschaftsbundes) klarmachte: "Ich bin kein Bischof der ÖVP und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und auch keiner der Gewerkschafter, nicht ein Bischof der Bauern und auch nicht einer der Städter. Ich bin der Bischof aller Katholiken. Die Kirche ist für alle da."

Was heute selbstverständlich klingt, war damals eine Sensation. Sie entlastete das Gewissen derer, die am Sonntag zur Messe gingen und am Wahltag den SPÖ-Kreis auf dem Stimmzettel ankreuzten, ohne ihre Zahl spektakulär zu erhöhen.

Missverständnis Nummer zwei war: Der Kardinal will der SPÖ Stimmen zutreiben! Tatsache ist, dass 1966, als diese Worte längst gesagt waren, die Volkspartei die absolute Stimmenmehrheit errang: wegen Klaus und auch dank Olah-Konkurrenz für die SPÖ, aber nicht wegen König. Und ab 1970 siegte die SPÖ - wegen Kreisky und nicht wegen König.

Die drei großen "P" Der Erzbischof von Wien hat niemals eine Partei der anderen gegenüber hervorgehoben. Die Unterstellung, er habe "Äquidistanz", also einen gleichen Abstand zu allen Parteien gepredigt, ist nicht ausrottbar, obgleich er ihr mit Recht bis heute widerspricht. Das Wort haben andere erfunden, um die vermeintliche Absicht der neuen Kirchenlinie auszudrücken. König aber hat immer gesagt: Der Abstand zwischen der katholischen Kirche und einer politischen Partei ist nicht in jedem Fall gleich und wird nicht von der Kirche, sondern von jeder Partei bestimmt: Personen, Programm und Praxis ("die drei großen P") sollen für Katholikinnen und Katholiken maßgeblich für ihre Wahlentscheidung sein.

Das ist die Grundregel in allen Ländern, in denen es nie einen (partei)politischen Katholizismus gegeben hat. Im Abschnitt 43 der Konzilskonstitution "Gaudium et Spes" über Kirche in der Welt von heute hat der Grundsatz Verankerung gefunden, dass katholische Christen in politischen Sachfragen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen können und keine politische Gruppe das Recht hat, ihre Position als die christliche anzupreisen. Aber wieder galt es, vor Missverständnissen zu warnen.

Nicht schweigen darf die Kirche zu Grundsatzfragen der Gesellschaft, wo es um Menschsein, Menschenrechte und Menschenwürde geht. Die praktischen politischen Konsequenzen muss sie den einzelnen Kirchenmitgliedern, vor allem den Laien, überlassen. Das heißt: Von der Kirche sind richtungweisende Worte zu Krieg und Frieden, Rettung der Umwelt, Familie und Generationenvertrag, Flüchtlings- und Asylantenfragen zu erwarten.

Ob der Sicherung von Grundwerten durch Nach- oder Abrüstung, steuerliche Förderung oder Direktbeihilfen, Wasserkraftwerke oder Elektroautos, mehr Zuwanderung oder mehr Integration besser gedient ist, müssen katholische Christen ohne Papst- und Bischofshilfe entscheiden.

Sich an ein solches Grundschema zu halten, ist nicht leicht. Verständlicherweise war die ÖVP zuerst überrascht, verwirrt, verstört. Der Durchbruch kam aber schon mit Vizekanzler Hermann Withalm, der in einem Interview mit der Wiener Kirchenzeitung Verständnis und Akzeptanz signalisierte. Auch die Kirche selbst tut sich mit der Verwirklichung dieser Grundsätze nicht immer leicht. Allzu leicht passiert es, dass man zu unverbindlich oder zu parteiisch ist.

Kardinal König hat sich selbst immer um die richtige Praxis bemüht - wieder mit Missverständnis-Risiko: Er habe, sagten seine Kritiker, mit seiner Linie die SPÖ ermutigt, statt einer Indikationenlösung in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs die Fristenregelung einzuführen, die bei einem Abbruch in den ersten drei Lebensmonaten der befruchteten Eizelle Straffreiheit gewährt.

Wieder sprechen die Fakten eine andere Sprache. Justizminister Hans Klecatsky hat sich in der Zeit der ÖVP-Alleinregierung 1966-70 redlich bemüht, eine im Vergleich zu früher etwas gelockerte, aber doch in jedem Einzelfall beweispflichtige Indikationenregelung zu konstruieren. Von der Bischofskonferenz holte sich eine Abfuhr. Die Bischöfe hielten sich für stark genug, jede Änderung abzulehnen. Die Folge: 1972 zwang eine Parteitagsmehrheit Bundeskanzler Kreisky, der ungern das verbesserte Verhältnis zur katholischen Kirche aufs Spiel setzte, die Fristenregelung zu schlucken. Wäre ein paar Jahre vorher eine Liberalisierung der Indikationenregelung Gesetz geworden, wäre dieses wohl nicht gleich wieder umgestoßen worden.

Ja, sagen nun jene, die dem "roten Kardinal" mit Gewalt ein Fehlverhalten nachweisen wollen, dann hätte er wenigstens dagegen protestieren müssen! Aber er hat geschwiegen! Das ist jetzt kein Missverständnis mehr, sondern schon Ehrabschneidung. Kardinal König hat mehrfach öffentlich und in Vorsprachen bei Kreisky Einspruch erhoben. Er hat das Volksbegehren der "Aktion Leben" gegen die Fristenregelung unterstützt. Aber die SPÖ hat in dieser Frage den Druck aus ihren Reihen für stärker als den der Kirche gehalten. Auf diese "schwärende Wunde" hat Franz König jahrelang immer wieder hingewiesen.

Brücke Staat - Kirche Seine Leistung war, nach dem Einsturz der Brücke zwischen Kaiserthron und Dom-Altar eine neue Brücke zwischen Kirche und Staat errichtet zu haben, die tragfähig genug war, um auch Konflikte zu überstehen. Sie ist es bis heute geblieben, aber die Unsicherheit derer, die sie beschreiten, hat auf beiden Seiten zugenommen. Politik wie Kirche haben keine schöpferischen Ideen anzubieten. Von inneren Querelen erschöpft, die es bei ein bisschen mehr Phantasie und Mut nicht geben müsste, haben sich die Amtsträger der katholischen Kirche in eine Festung des Schweigens zurückgezogen.

Sie schweigen, wenn der Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann ihnen eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit empfiehlt. Sie schweigen, wenn es europaweit um die Neuordnung des Asylwesens geht beziehungsweise überlassen Stellungnahmen dazu der Caritas - kein Wunder, dass diese für viele der letzte Leuchtturm der katholischen Kirche ist, den sie noch wahrnehmen. Sie schweigen, wenn es um Grundprinzipien der Demokratie und Machtausübung geht.

Das ist der Unterschied zur Ära König: Was er für richtig hielt, davon überzeugte er auch seine Kollegen, und diese folgten ihm. Auch heute fehlt es nicht an Intelligenz und Einsicht in der Bischofskonferenz. Aber einzelne Widerständler können, von Rom ermutigt, jede vernünftige Gemeinschaftslinie verhindern. Wenn jetzt derKollegialitäts- und Demokratiefeind Pius IX. auch noch selig gesprochen werden sollte, würde wieder eine Weiche für den sicheren Zusammenstoß mit der modernen Zeit gestellt.

Der Autor, freier Publizist und Sprecher der Plattform "Wir sind Kirche", war 1978 -84 Chefredakteur der furche.

Zum Dossier Kardinal König, der heute 95 Jahre alt wird, hat viele Spuren hinterlassen: Ob beim Konzil, ob bei der Begegnung der Religionen (etwa durch seinen Vortrag an der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo 1965): Oft war er Wegbereiter und Bahnbrecher. Die furche bietet einige Blitzlichter dazu: *Kardinal Schönborn über die epochale "ökumenische" Rolle seines Vorvorgängers (Seite 13)* ein angelsächsischer Blick auf Franz König, den Weltbürger und Kirchenmann (Seite 12)* eine politische Analyse der Ära König (unten)n Kardinal König im furche-Gespräch (Seite 14f)

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