Des Verräters Evangelium?

Was hinter dem "Sensations"-Fund des Judas-Evangeliums tatsächlich steckt.

Ein neues apokryphes Evangelium sorgt für Aufregung: Judas Iskariot wird als sein Autor angegeben, der sprichwörtliche Verräter soll es geschrieben haben. Über ihn selbst ist nur sehr wenig aus der Bibel bekannt. Zwei Jünger Jesu trugen den Namen Judas. Einer war der Sohn des Jakobus (Lk 6,16 u. Apg 1,13). Im Markus-und im Matthäusevangelium heißt dieser Jünger Thaddäus (Mt 10,4 u. Mk 3,18). Deswegen wird er auch gerne als Judas Thaddäus bezeichnet. Ein zweiter Jünger mit Namen Judas trug den Beinamen Iskariot (Lk 6,16 und Mt 10,4). Er wurde zum Verräter und lieferte seinen Meister gegen 30 Silberlinge an die Häscher aus (Mt 26,47-49).

Aus der Kirchengeschichte sind nicht nur die vier Evangelien bekannt, die in die Bibel aufgenommen wurden und noch heute im Gottesdienst verlesen werden. Vielmehr sind mehr als 30 derartige Texte bekannt je nach Zählung kommt man denn auch zu unterschiedlichen Ergebnissen, abhängig davon, welcher Text noch zu den apokryphen Evangelien gerechnet wird. Oftmals findet sich in diesem Zusammenhang die Behauptung, dass die Kirche sich gegen eine Vielfalt der Meinungen gewehrt habe, dass engstirnige Vertreter der Rechtgläubigkeit hier die Wahrheit unterdrückt hätten. Eine derartige Darstellungsweise mag einem Dan Brown angemessen sein - er greift in seinem Roman "Sakrileg" ebenfalls unter anderem auf apokryphe Evangelien zurück - einer wissenschaftlich verantworteten Diskussion entspricht dieser Umgang nicht.

Mehr als 30 "Evangelien"

Derartige apokryphe Evangelien sind jünger als die kanonischen Evangelien und es handelt sich teilweise um große Zeitspannen. So nimmt man an, dass das Kindheitsevangelium des Pseudo-Matthäus keinesfalls vor dem 5. und aller Wahrscheinlichkeit nach erst im 8. Jahrhundert entstanden ist. Die Vorsilbe "Pseudo-" zeigt sehr schön, dass keines dieser Evangelien von demjenigen geschrieben wurde, unter dessen Namen es verbreitet wird. Dies gilt auch für das "Judasevangelium". Der angebliche Verfasser hat sich nach dem Bericht des Matthäus-Evangeliums noch vor der Auferstehung Jesu selbst gerichtet (Mt 27,3-8); die Apostelgeschichte erwähnt ebenfalls, dass Judas in enger zeitlicher Nähe zum Leiden Jesu selbst ein Ende fand (Apg 1,15-20). Eine erste Erwähnung des Judasevangeliums findet sich bei Irenäus von Lyon, der um 200 starb. Dieser verurteilte den Text als nicht der christlichen Lehre entsprechend. Gleichzeitig wird man erwähnen müssen, dass Irenäus sicherlich kein Vorläufer des Großinquisitors und kein kirchlicher Eiferer war, es handelt sich vielmehr um eine ausgleichende und versöhnende Persönlichkeit des kirchlichen Lebens. Doch das Evangelium, das ihm unter dem Namen des Judas Iskariot bekannt wurde, war auch ihm zu viel. Leider zitiert er nicht aus dem Werk, eine eindeutige Identifikation mit dem jetzt bekannt gewordenen Text ist nicht möglich. Das jedoch, was Irenäus an Andeutungen liefert, lässt sich zumindest mit dem jetzt bekannt gewordenen Evangelium in Einklang bringen.

Jünger als biblische Texte

Wissenschaftlich gesehen wird dieses Evangelium wohl nicht vor 150 in griechischer Sprache entstanden sein, ist also wie die anderen apokryphen Texte bei weitem jünger als die vier biblischen Evangelien, die alle noch aus dem 1. Jahrhundert stammen. In späterer Zeit muss dieser Text dann in das Koptische übersetzt worden sein; der jetzt bekannt gemachte Papyruskodex mit dem Judasevangelium entstammt wohl dem 4. Jahrhundert.

Die Bezeichnung "Evangelium" erhält dieser Text ähnlich wie das Thomasevangelium deswegen, weil im Postskript in beiden Texten der Begriff Evangelium Verwendung findet. Formal betrachtet handelt es sich bei dem Judasevangelium um zahlreiche Lehren Jesu an seinen Jünger Judas. Eine kurze Erwähnung des Verrats des Judas bildet den Abschluss des Berichts. Das, was über seine Worte hinaus die Evangelien charakterisiert, die Erzählung über Jesu Wirken, über seinen Tod und seine Auferstehung fehlt völlig. Dies wird auch durch die Einleitung des Evangeliums deutlich: "Geheime Erzählung über die Rede, die Jesus zu Judas Iskariot sprach." Es sind Offenbarungen Jesu an seinen Elite-Jünger Judas, die nur deswegen als Evangelium bezeichnet werden, weil sich diese Bezeichnung am Ende des Textes findet.

Dass sich Irenäus entrüstete, so es dieser Text war, den er kannte, ist wohl doch verständlich, wenn man sich mit dem Text etwas näher auseinander setzt. Nach dem Judasevangelium hat ein Engel namens Saklas mit Hilfe von ihm geschaffener Wesen die Menschen erschaffen: "Danach sprach Saklas zu seinen Engeln: ,Lasst uns erschaffen einen Mann nach der Ähnlichkeit und dem Bild.' Und sie erschufen Adam und Eva." Dass diese Erzählung dem Bericht im ersten Buch Mose nicht entspricht, muss eigentlich nicht eigens erwähnt werden.

Gnostische Theologie

Sicherlich auch das Missfallen des Irenäus hätte die Passage erregt, in der Jesus Judas lobt: "Du wirst mehr tun als sie alle. Den Menschen nämlich, der mich trägt, wirst du opfern." Sehr schön wird hier die gnostische Theologie deutlich. Christus wird von einem Scheinleib getragen. Der Verrat des Judas ermöglicht die Befreiung. Diese angeblich von Jesus dem Judas verheißene Größe ist sicherlich für alle diejenigen, die gegen Ende des zweiten Jahrhunderts in den Evangelien lasen, nicht nachvollziehbar. Das Ende des Judas, wie es berichtet wird, weist in eine andere Richtung.

Ein weiteres, ebenfalls sehr eindeutiges Zeichen dafür, dass dieser Text um einiges jünger ist als die vier biblischen Evangelien, ist die Tatsache, dass ganz offensichtlich bereits liturgische Feiern ihren Niederschlag in dem Text gefunden haben. Am Anfang ist die Rede von einer Mahlfeier der Jünger, die in Abwesenheit Jesu stattfindet. Dieser stößt später hinzu.

Im Jahr 2004 hatte der hoch betagte Schweizer Koptologe Rodolphe Kasser auf dem Koptologenkongress in Paris die Veröffentlichung des Kodex für 2005 angekündigt, ohne Genaueres über seinen Inhalt zu berichten. Zu Ostern 2005 berichtete ein deutsches Magazin über diesen Fund; man versicherte, dass die Publikation im Jahr 2006 stattfinden werde. Jetzt kommt National Geographic mit einem Film zum Zug, es ist zu hoffen, dass die kritische Edition tatsächlich ebenfalls noch in diesem Jahr erscheinen wird. Es handelt sich sicherlich um einen sehr wichtigen Fund, die Geheimniskrämerei im Vorfeld hat jedoch Erwartungen geweckt, die durch diesen Text nicht erfüllt werden können.

Der Autor forscht als APART-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Er hat bereits mehrere Fragmente koptischer apokrypher Texte veröffentlicht.

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