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"Deus ex machina -Gott aus der Maschine"

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 17 Jahren leitet der US-amerikanische Erzbischof John P. Foley den Päpstlichen Medienrat in Rom. Im furche-Gespräch bewertet der Kommunikationsexperte des Papstes Segen und Fluch des Internet: Foley ist mehr vom Segen der jüngsten Kommunikationstechnologie überzeugt, die Gefahren des Internet machen ihm wenig Angst.

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Seit 17 Jahren leitet der US-amerikanische Erzbischof John P. Foley den Päpstlichen Medienrat in Rom. Im furche-Gespräch bewertet der Kommunikationsexperte des Papstes Segen und Fluch des Internet: Foley ist mehr vom Segen der jüngsten Kommunikationstechnologie überzeugt, die Gefahren des Internet machen ihm wenig Angst.

die furche: Seit wann bedient sich Rom des Internets?

Erzbischof John P. Foley: Wir haben vor einigen Jahren begonnen, in Lateinamerika eine "Computerkultur" einzuführen. Wir wollten das nicht in Europa oder den USA tun, die in diesen Fragen so dominant sind. Daher wurde das Informationsnetz der Kirche in Lateinamerika (RIIAL) entwickelt. Das war vor mehr als einem Dutzend Jahren - noch bevor das Internet populär zu werden begann. Als das Internet aufkam, rief ich den Leiter des vatikanischen Telegrafenamtes an und fragte: "Was machen wir mit dem Internet?" Und er antwortete: "Wir denken darüber nach, aber wenn Sie sich engagieren wollen - tun Sie es ..." So meldete ich den Vatikan bei der Internet-Domain-Verwaltung an - und erhielt die Domain .va. Wir haben die eigene Domain bekommen, weil der Vatikan ein unabhängiges Land ist. Man wollte uns ursprünglich .org (für "organization") geben oder .it (für "italy"), oder sogar .com (das für kommerzielle Unternehmen steht). Doch ich sagte: "Nein, wir sind ein unabhängiger Staat!" Und so erhielten wir .va. Die Hompage des Vatikan ist also unter www.vatican.va zu finden. Dass der Vatikan eine eigene Domain hat, ist auch eine Garantie für unsere Identität: Alle Internet-Adressen, die auf .va enden, kommen aus dem Vatikan. Es gibt viele andere Internet-Seiten, die angeben, "katholisch" zu sein - einige von ihnen sind das auch, andere nicht. Aber wenn etwas von .va kommt, ist es authentisch.

die furche: Es hat keine Versuche von Hackern gegeben, sich der Domain .va zu bemächtigen und illegal als "Vatikan" aufzutreten - man erinnert sich an ähnliche Vorfälle, etwa durch chinesische Hacker auf Homepages US-amerikanischer Regierungsstellen?

Foley: Mir sind keine derartigen Vorfälle bekannt. Vielleicht haben einige Leute versucht, hier Missbrauch zu treiben, aber im Vergleich mit dem Beispiel, das Sie angeführt haben, fällt das nicht ins Gewicht.

die furche: Warum nutzte der Vatikan schon so früh das Internet?

Foley: Wir wollten ein sicheres, zuverlässiges und schnelles Medium haben, um Informationen vom Vatikan zu anderen Orten der Welt zu übermitteln. Das angesprochene Informationsnetzwerk für die Kirche in Lateinamerika war da ein erster Schritt auf diesem Weg: Wir begannen in Lateinamerika, denn wir wollten von Anfang an einen Geist der Zusammenarbeit schaffen - zwischen den Bischofskonferenzen Lateinamerikas untereinander und mit dem Heiligen Stuhl. Information ist dadurch nicht bloß in eine Richtung geflossen - von Rom nach Lateinamerika - sondern auch von ihnen zu uns. Seitdem gibt es den Austausch von Dokumenten, man hat sogar ein System entwickelt, um Taufmatriken in andere Länder zu übermitteln. Außerdem hat es sich in Ländern mit tropischem Klima, wo die Bibliotheken in den Seminarien sehr schnell vermodern, bewährt, via Internet einen Zugang zu Artikeln etwa biblischer Forschung oder zu den Texten der Kirchenväter anzubieten.

die furche: Das Internet ist also auch ein Medium zur Evangelisierung.

Foley: Absolut. Denn es bietet Zugang an Orte, wo die Kirche normalerweise nicht hinkommt. Ich nenne jetzt keine Länder, aber Sie können sich ausmalen, welche ich meine. In der Privatheit des eigenen Hauses können viele Menschen gefahrlos schauen, was die Kirche lehrt - über Jesus Christus, über das Heil. Ich sage scherzhaft: Das ist Deus ex machina - Gott aus der Maschine ...

die furche: Das Internet hat birgt aber auch Gefahren ...

Foley: ... wie die Pornografie, die Verletzung von Urheberrechten und der Verletzung der Privatsphäre, nicht zu vergessen die Zeitvergeudung bei Menschen, die "internetsüchtig" sind und dadurch ihre Studien oder ihre Familien vernachlässigen.

die furche: Wird es kirchliche Richtlinien in Bezug auf das Internet geben?

Foley: Der Päpstliche Medienrat hat in den letzten Jahren bereits Dokumente zur Ethik in der Werbung und zur Ethik in der sozialen Kommunikation veröffentlicht; wir wurden gebeten, etwas Ähnliches über das Internet zu erarbeiten. Wir werden dazu zwei Dokumente veröffentlichen: eines über Ethik im Internet und ein zweites über den Gebrauch, den die Kirche vom Internet machen kann.

die furche: Das zweite Dokument wird eher positiv übers Internet sprechen, das erste hingegen ...

Foley: ... nein, nein, ich würde das erste Dokument über nicht "negativ" nennen, denn Ethik ist nie negativ! Das erste Dokument wird sich an die allgemeine Öffentlichkeit richten mit moralischen Grundsätzen zum Internet, das andere ist ein innerkirchliches, pastorales Dokument.

die furche: Kann es Richtlinien geben, die Pornografie oder Gewaltverherrlichung im Internet verhindern?

Foley: Schon 1989 der Päpstliche Medienrat ein Schreiben, eine "pastorale Antwort" zu Pornographie und Gewalt in den Kommunikationsmitteln herausgebracht. Im Internet ist das Ganze schwieriger in den Griff zu bekommen, denn dieses ist schwer zu kontrollieren. Ich bin davon überzeugt, dass es hier zu einer internationalen Zusammenarbeit kommen muss: Es geht nicht nur um Pornografie, sondern auch um die Verletzung von Geheimnissen und wie man das verhindern kann - und wie Familien ihre Privatsphäre schützen können gegen eine Invasion von Bildern und Materialien, die in ihrem Heim nicht willkommen sind. Das ist eine wirkliche Herausforderung - an erster Stelle an die Techniker. Wenn die technischen Probleme gelöst sind, dann kommen die verlegerischen Fragestellungen und so weiter.

die furche: Wie lauten die Vorschläge der Kirche hierbei: Setzt sie mehr auf den Weg der (Bewusstseins-)Bildung oder auf den der Verbote?

Foley: Bildung ist zweifelsohne das Wichtigste.

die furche: Zum zweiten geplanten Dokument: Was kann das Internet in der Seelsorge bewirken?

Foley: Das Internet bietet viele Möglichkeiten zur Seelsorge - mit den Chatrooms, den E-Mails und der Chance, sofort zu antworten. Die Möglichkeit, seelsorgliche Beratung anzubieten, ist eine gute Sache. Das Problem dabei ist, dass sichergestellt werden muss, dass die richtigen Personen die Beratung durchführen und Informationen weitergeben, und dass es sich um identifizierbare, vertrauenswürdige Webseiten handelt.

die furche: Wie ist das mit Sakramenten via Internet? Kann man im Web beichten?

Foley: Für ein Sakrament ist ein persönlicher Kontakt notwendig. Deshalb kann man im Internet keine Beichte ablegen. Es geht auch um die Integrität der Beichte selbst: Wenn man keine absolute Garantie der Vertraulichkeit hat und der Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses hat, kann es keine Beichte geben.

die furche: Sollen sich Priester auf Internetseelsorge spezialisieren?

Foley: Die gibt es bereits. Es sollen - wie in anderen Bereichen auch - spezialisierte Priester attraktive, informative und interessante Webseiten entwickeln und sich als seelsorgliche Gesprächspartner im Netz anbieten.

die furche: Ist aber das Internet nicht auch ein Hindernis für Kommunikation: Die Menschen sitzen hinter Computern und betätigen die Tasten eines Keyboards - ohne fähig zu sein, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren?

Foley: Ich glaube nicht, dass das Internet die Fähigkeit zur Kommunikation behindert, denn diese Menschen kommunizieren ja miteinander; vielleicht behindert es ihre sozialen Fähigkeiten: Aber dies ist ein Problem, das auch mit dem Fernsehen einhergeht , mit Musik - Menschen die mit Kopfhörern durch die Straßen gehen und so weiter. Das Internet ist da ja ein interaktives Medium, die Menschen beschäftigen sich mehr miteinander. Jede neue Technologie hat ihre Probleme; ich bin aber überzeugt, die Möglichkeiten sind viel größer als die Probleme.

die furche: Zumindest seit dem II. Vatikanum steht die Kirche den Kommunikationstechnoloigien positiv gegenüber.

Foley: Das hat schon lange vor dem Konzil begonnen! Was war das erste Buch, das gedruckt wurde? Die Bibel von Gutenberg. Gugliermo Marconi, der Erfinder des Radios, hat mit Radio Vatikan begonnen: Die Kirche war bei allen Kommunikationsmitteln von Anfang an dabei. Denken Sie an die El-Greco-Ausstellung, die jetzt in Wien ist: Kunst, das gemalte Bild - auch das ist eine Kommunikationsform, welche von der Kirche gefördert wurde. Oder die mittelalterlichen Klöster, wo die antike Kultur bewahrt wurde ... Jesus sagte ja: "Lehrt alle Völker!" Kommunikation ist essentiell - für die Kirche, und auch für Gott selbst!

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Zur Person: Mister .va ("dot-wi-ej") 1935 wurde John P. Foley in einer Vorstadt von Philadelphia geboren. Der 1962 zum Priester Geweihte - er hatte unter anderem in Rom Philosophie studiert - absolvierte auch ein Journalistik-Studium an der Columbia-University und war bis 1984 Chefredakteur der Zeitung "Philadelphia Catholic Standard and Times". Foley war auch Pressesprecher der US-Bischofskonferenz und galt in den Vereinigten Staaten als einer der bekanntesten katholischen Journalisten.

1984 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Leiter des "Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel" (kurz: Päpstlicher Medienrat) und erhob ihn zum Erzbischof. Unter Foleys Ägide wurden wesentliche kirchliche Mediendokumente erarbeitet, so die Pastoralinstruktion "Aetatis Novae" (1992) sowie Dokumente zur "Ethik in der Werbung" (1997) und "Ethik in der Sozialen Kommunikation" (2000); die "Ethik im Internet" soll demnächst erscheinen. Erzbischof Foley ist stolz darauf, dass es ihm gelang, für den Vatikan die eigene Internet-Domain .va (sprich: dot-wi-ej) zu bekommen: Die Homepages aus dem Vatikan enden also mit .va, was, so Erzbischof Foley, eine Garantie dafür ist, dass es sich wirklich um eine kirchliche Seite handelt.

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