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Dialog ist die neue Form der Liebe

dieFurche: Vor Ihrer Ernennung wurden Sie zitiert mit: "Die Tiroler brauchen einen Tiroler als Bischof". Sie müssen demnach jetzt ein Tiroler werden.

Bischof Alois Kothgasser: Es geht gar nicht anders. Es ist ja ein Grundzug der Menschwerdung Gottes, daß er sich uns ganz einverleibt hat und einer von uns geworden ist. Paulus sagt, daß er allen alles sein will, was nicht ganz einfach ist, denn wir können niemals unseren Ursprung aufgeben. Aber ein Hineingehen in die Tiroler Kultur und Religiosität gehört zum Hirtendienst dazu.

dieFurche: Haben Sie schon etwas "Tirolerisches" gelernt ?

Kothgasser: Es gibt hier viele Traditionen, etwa die Schützen, die bei jedem großem Fest mit dabei sind. Der Glaube lebt nicht nur mit Augen oder Ohren, sondern er erfaßt den ganzen Menschen, so wie er lebt und feiert. Ich fühle mich in Tirol sehr wohl und begegne einer großen Offenheit. Schon von Anfang an habe ich nie den Eindruck gehabt, ein Fremder zu sein.

dieFurche: Was erscheint Ihnen das dringlichste für Ihre Diözese?

Kothgasser: Wichtig ist mir zu hören, zu schauen, aufzunehmen, um die soziale, politische, kulturelle, religiöse Situation der Menschen kennenzulernen.

dieFurche: Wie machen Sie das?

Kothgasser: Als vorrangige Aufgabe will ich die frohe Botschaft unter die Menschen bringen, das ist ja die erste Aufgabe eines Bischofs. Ich bin mir aber bewußt, daß ich das nur dann kann, wenn ich die Situation der Menschen einigermaßen kenne. Dazu kommt das Kennenlernen der Notsituationen, die es gibt. Ich hatte diesbezüglich Begegnungen, die mir zu denken geben: mit Drogenkranken, mit Asylanten in der Schubhaft. Das sind Menschenschicksale, die mir zu Herzen gehen. Hier brauchen Menschen Ermutigung und Hilfe. Genau das ist ja das Programm Jesu.

dieFurche: An Wochenenden, so hört man, helfen Sie in Pfarren aus. Ist das nicht ungewöhnlich für einen Bischof?

Kothgasser: Mir scheint, das sollte das Allergewöhnlichste für einen Bischof sein! Manchmal stehen andere Termine an, aber an "freien" Sonntagen, helfe ich dort, wo kein Priester mehr da ist: Da erlebe ich, wie froh die Gemeinden sind, wenn der Bischof kommt. Ich mache das ohne großen Aufzug. So will ich die Gemeinden im Glauben stärken und den Menschen begegnen, sodaß sie merken: Der Bischof ist mit uns und teilt die Gemeinschaft mit uns.

dieFurche: Diese Aktivität ist wichtig. Das Problem, daß es viele priesterlose Gemeinden gibt, löst sie aber nicht.

Kothgasser: Das weiß ich. Wir müssen wirklich den Herrn der Ernte, wie es im Evangelium heißt, bitten, daß er Arbeiter in seinen Weinberg sende. Wo es keine Priester gibt, ist ein pastoraler Ansprechpartner notwendig. Vor einigen Tagen war ich mit Pfarrkuratoren zusammen, darunter eine Ordensschwester, die diesen Dienst übernommen hat. Ein paar Tage, so hat sie mir erzählt, nachdem sie in den leerstehenden Pfarrhof gezogen ist, hat ihr eine Frau gesagt: "Endlich brennt wieder Licht!" Was die Menschen brauchen, ist jemand, der für sie da ist. Diese pastorale Präsenz ist für eine gewachsene Gemeinde unabdingbar .

dieFurche: Werden Sie das auch gegenüber Rom vertreten?

Kothgasser: Ich habe diese Perspektiven dort schon angesprochen, und es herrscht volle Einsicht, daß eine Gemeinde ohne Begleitung nicht leben kann. Andererseits dürfen wir keinen Gegensatz zwischen Eucharistiefeier und Gemeinde ohne Priester aufbauen: das Miteinander von Eucharistie und Gemeinde wird immer dringlich bleiben: Gemeinde ohne Eucharistie ist auf längere Sicht keine christliche Gemeinde.

dieFurche: Soll man in diesem Zusammenhang über die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt nachdenken?

Kothgasser: Das ist immer eine Überlegung wert, zumal wir auch geschichtliche Erfahrungen bedenken müssen. Diese müssen wir als Gesamtkirche, als Kirche auf Weltebene anstellen.

dieFurche: Aber Sie wären bereit diese Diskussion als österreichischer Bischof in die Weltkirche einzubringen?

Kothgasser: Ich glaube, das ist bereits vermittelt worden, etwa mit unserem Diözesanforum - auch nach Rom.

dieFurche: Müssen diese Fragen auf weltkirchlicher Ebene gelöst werden? Manche Theologen meinen, die Kirche in Europa sei anders als in Lateinamerika, in Afrika. Könnten Sie sich regional unterschiedliche Lösungen vorstellen?

Kothgasser: Natürlich ist die regionale Situation jeweils anders, aber im ganzen sind wir doch eine Universalkirche.

dieFurche: Es ist für Sie nicht vorstellbar, daß der Zölibat in Europa aufgehoben würde und in Lateinamerika nicht?

Kothgasser: Ich würde nicht für eine Aufhebung des Zölibats plädieren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß er hier aufgehoben werden würde, woanders aber nicht.

dieFurche: Bischof Stecher, Ihr Vorgänger, hat genau dieses Problem in seinen beiden Briefen angesprochen.

Kothgasser: Ich kenne Bischof Stechers Überlegungen gut. Es sind Fragen aus der pastoralen Notsituation, die Überlegungen sind berechtigt. Aber ob wir sie auf die Gesamtkirche übertragen oder für eine Regionalkirche forcieren können, möchte ich offenlassen.

dieFurche: Ist es für Sie legitim, daß Stecher diese Briefe geschrieben hat?

Kothgasser: Ein Bischof hat das Recht, Dinge, die ihm am Herzen liegen, auszudrücken. Schade ist, daß ein an sich vertraulicher Brief öffentlich wurde. Es tut mir leid, daß es fast keine Diskretion mehr gibt. Die Fragen hingegen sind ja bekannt. Wenn alles in die breite Öffentlichkeit geht, ist manches nur sehr schwer zu vermitteln, denn wenn es um die tieferen Geheimnissen des Glaubens geht, muß man viele Dinge differenziert behandeln. Differenzieren, das kann man schwer auf öffentlichem Weg.

dieFurche: Kirche in Österreich hat zur Zeit keinen guten Ruf. Die einen sagen, sie habe bloß eine schlechte Presse, die anderen, sie stecke in einer tiefen Krise.

Kothgasser: Kirche hat sicher nicht nur eine schlechte Presse, auch wenn ich in meiner Diözese sehe, wieviel geschieht, und ich sagen muß: Es ist einfach schön, daß so viele Menschen sich für das Evangelium einsetzen. Andererseits ist es schmerzvoll zu erleben, wie die Kirche in Österreich sich mit innerkirchlichen Auseinandersetzungen abkämpft und dabei viel Energie verliert. Da würde ich mir eine offene ehrliche Auseinandersetzung wünschen - und größere Wahrhaftigkeit: Wenn in der schmerzvollen Geschichte um Kardinal Groer von Anfang an eine klare Stellungnahme von seiner Seite dagewesen wäre, hätte vieles vermieden werden können.

dieFurche: Müssen die Bischöfe offener werden für das Gespräch mit Kritikern wie den Kirchenvolks-Begehrern?

Kothgasser: Der Jesuit Lombardi, Gründer der "Bewegung für eine bessere Welt", hat gesagt, die neue Form der Liebe ist der Dialog. Er hat damit eigentlich die Botschaft des Zweiten Vatikanums ausgesprochen. Wir Bischöfe können gar nicht anders, als in dieser offenen Dialogbereitschaft zu stehen. Wenn immer wieder Dialog auf allen Ebenen urgiert wird, dann müssen wir bereit sein, den Dialog gerade innerhalb der Kirche zu führen.

dieFurche: Es gibt ja den von den Bischöfen initiierten "Dialog für Österreich". Geben Sie diesem noch eine Chance?

Kothgasser: Es gibt Schwierigkeiten, die den Dialog sicher nicht erleichtern. Allerdings meine ich, wir sollten herausholen, was herauszuholen ist, wobei ich den Grundtext zum "Dialog für Österreich" gut finde: Dieser stellt die Gottesfrage, den Gottesbezug an die erste Stelle, da sollten wir wieder gemeinsam ansetzen, dann kann der Dialog auf einer anderen Ebene leichter weitergehen, auch zu den daraus folgenden Fragen unseres Umgangs innerhalb der Kirche und in der Gesellschaft.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Zur Person Stark von Don Bosco geprägt Alois Kothgasser, 1937 in St. Stefan im Rosenthal geboren, trat 1955 den Salesianern Don Boscos bei und studierte an den Ordenshochschulen in Turin und Rom. Ab 1981 lehrte er Dogmatik an der deutschen Salesianerhochschule in Benediktbeuern und war von 1982 an deren Rektor. Am 23. November 1997 wurde Alois Kothgasser zum dritten Bischof der Diözese Innsbruck geweiht.

Kothgasser ist stark von der Spiritualität seines Ordensgründers Don Bosco, dessen 110. Todestag soeben gefeiert wurde, geprägt. Er meint dazu: "Mir ist immer sein Wort im Ohr: ,Ich bin immer vorangegangen, wie Gott es mir eingab und wie die Umstände der Zeit es erfordern.' Das heißt für mich, ich muß hinhören auf Gott, was er für die Menschen will - und ich muß hinhören auf die Menschen, was sie wirklich brauchen. Don Bosco sagt auch: ,Wir müssen das lieben, was die jungen Menschen lieben; dann werden sie langsam auch lieben, was wir lieben.' Das ist ein Prinzip, das in der Menschwerdung Gottes selber grundgelegt ist."

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