Als Mann und Frau schuf er sie - © Foto: iStock / RyanJLane
Religion

„Dialog“ steht drauf, aber ist nicht drinnen

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GASTKOMMENTAR. Anmerkungen zur vatikanischen Genderkritik im Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“.

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GASTKOMMENTAR. Anmerkungen zur vatikanischen Genderkritik im Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“.

Bereits im März 2018 hatte der Sekretär der vatikanischen „Kongregation für das katholische Bildungswesen“, Erzbischof Angelo Zani, angekündigt, dass „demnächst“ eine kritische Stellungnahme zur Gendertheorie publiziert werden soll. Erst 15 Monate später war es dann so weit: Am Pfingstmontag wurde „Als Mann und Frau schuf er sie“, ein dreiteilig gegliedertes Dokument, veröffentlicht, das dem Untertitel zufolge ein „Weg des Dialogs bei der Genderfrage im Bereich der Bildung“ sein möchte.

Dieser Dialog umfasse, so der Präfekt der Bildungskongregation, Kardinal Giuseppe Versaldi, drei Schritte: „Nämlich erstens die Argumente der anderen anzuhören, dann die eigenen Überzeugungen mit rationalen Argumenten zu begründen und drittens Lösungen vorzuschlagen für die Probleme, die es gibt.“ Zugleich betont Versaldi, dass dieser Text auch „insgesamt eine Positionierung des Vatikans zur Genderfrage“ sein wolle.

Positionierung, nicht Dialog

Dialog oder Positionierung? Schon beim Lesen der ersten Seiten wird klar: Primär geht es um Positionierung und speziell darum, den Widerspruch zwischen Gendertheorie und christlicher Anthropologie aufzuzeigen. Damit wird schon der erste Dialogschritt nur behauptet, nicht aber eingelöst. Gendertheoretische „Argumente der anderen“, also jener, die Gender Studies betreiben, bleiben ungehört. Ausführlich zitiert werden dagegen die von den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus entwickelten Argumente gegen „die verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gendertheorie genannt“ wird. Ideologisch sei diese Theorie, weil sie den natürlichen Unterschied von Mann und Frau leugnet. Die „radikale Trennung“ der sozialen Dimension des Geschlechts (= gender) vom biologischen Geschlecht (= sex) und der darin implizierte Vorrang von gender besagten letzten Endes, dass menschliche Identität nicht in einer vorgegebenen Natur als Mann und Frau gründe, sondern „einer individualistischen Wahlfreiheit ausgeliefert“ werde. „Was zählt, ist die absolut freie Selbstbestimmung jedes Einzelnen.“

Theologische Publikationen der letzten Jahre verdeutlichen freilich, dass das in der katholischen Genderkritik vorausgesetzte Verständnis von ‚gender‘ wissenschaftlich unhaltbar ist.

Gender sei eine „Abkehr von der Natur“, basierend auf einer „dualistischen Anthropologie“, in der ein sich absolut setzender menschlicher Wille meine, den auf eine leblose Materie reduzierten Körper „nach Belieben manipulieren“ zu können. Dieser „radikale Bruch“ mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit entspringe einem „konfusen Freiheitskonzept“, das „echte Freiheit mit der Vorstellung verwechsle, dass jeder urteilen mag, wie er meint“.

„Genderideologie“ – eine Schimäre?

Offen bleibt die Frage, wer eine solche Gender ideologie wie und wo vertritt. Das Dokument zitiert hierfür keine Quellen, meint aber, zwischen einer sich als „einzige Denkweise“ aufdrängenden Genderideologie, die eine Auflösung der natürlichen Geschlechterkomplementarität zugunsten einer freien Wahl des Geschlechts anzielt, und einer Genderforschung, die sich mit dem Geschlechterverhältnis in den unterschiedlichen Kulturen befasst, unterscheiden zu können. Theologische Publikationen der letzten Jahre verdeutlichen freilich, dass das in der katholischen Genderkritik vorausgesetzte Verständnis von gender wissenschaftlich unhaltbar ist. Das gilt speziell auch im Blick auf die Philosophin Judith Butler, die, auch wenn sie ungenannt bleibt, vielen als zentrale Figur der Leugnung biologischer Geschlechterunterschiede gilt. Doch geht es ihr nicht um solche Leugnung, sondern darum, dass in erkenntnistheoretischer Hinsicht diese Unterschiede nur in kultureller Interpretation zugänglich sind und somit sex immer schon gender gewesen ist. Die Frage nach der Geschlechterdifferenz kann, so Butler, darum nie nur eine biologische sein, sondern „eine Frage in Bezug auf das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen“. Geschlechterdifferenz ist somit „weder gänzlich gegeben noch gänzlich konstruiert, sondern beides zu Teilen“. Das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen ist aber bereits vom Biologischen her vielschichtiger und uneindeutiger, als es die „Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit“ (Carol Hagemann-White) suggeriert. Die bekannte Aussage des Biologen Milton Diamond: „Nature loves variety. Unfortunately, society hates it“, verdeutlicht sich sozialphilosophisch bei Pierre Bourdieu derart, dass die „Sprache der Natur, die das Verborgenste und Wahrste zugleich verraten soll, in Wirklichkeit eine Sprache der sozialen Identität“ ist. Folglich ist ihm die (nicht nur katholischerseits) normativ begriffene Natürlichkeit von Heterosexualität „eine naturalisierte gesellschaftliche Konstruktion“, die andere Formen sexuellen Begehrens (Homosexualität) oder geschlechtlicher Identität (Intergeschlechtlichkeit, Transidentität) aus dem Bereich des normativ Denkbaren ausschließt.

Auf das Thema Homosexualität geht das vatikanische Dokument nicht ein. In Bezug auf Transidentität spricht es von einer „Wahl des Geschlechts, das nicht seinem oder ihrem biologischen Geschlecht entspricht“. Unerwähnt bleiben hier neurobiologische Einsichten, die den Begriff der „Wahl“ als unpassend erweisen und zudem dazu führten, dass Transsexualität in der Neuauflage der International Classification of Diseases (ICD-11) nicht mehr als psychische Störung begriffen wird. Krasser sind aber die Aussagen zur Intergeschlechtlichkeit, sofern biologische Uneindeutigkeit durch „therapeutische Intervention“ seitens der Medizin vereindeutigt werden soll, „auf der Basis von objektiven Parametern und mit dem Blick darauf, die konstitutive Identität der Person herzustellen“. Damit wird das Recht auf körperliche Unversehrtheit zugunsten einer binären Geschlechterordnung aufgegeben. Müsste hier das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen nicht zur Infragestellung der Ausschließlichkeit des binären Gendersystems führen? Die katholische Genderkritik wird weder dialogisch noch wissenschaftlich entfaltet. Sie verkörpert ein Nicht-Verstehen-Wollen zentraler Anliegen der Gender Studies, wonach auch jenen Menschen Anerkennung gebührt, die außerhalb der heteronormativen Geschlechterbinarität leben. Die Familie wird derart weder zerstört noch ihrer anthropologischen Grundlagen beraubt. In Verteidigung der Familie ist aber die katholische Kirche meist einer naturrechtlichen Denklogik verhaftet, welche die Vielgestaltigkeit des Lebens nicht positiv zu integrieren vermag. Daher seien, so nochmals der schon eingangs zitierte Kardinal Versaldi, auch von der Kirche die „wechselseitigen Beziehungen zwischen Natur und Kultur vertieft zu beleuchten“. Dabei müsse sie „vielleicht einige allzu festgefahrene Positionen zur Natur (des Menschen) korrigieren, die die kulturellen Aspekte völlig außer Acht lassen“. Dem ist nichts hinzuzufügen - außer dass Kardinal Versaldis „vielleicht“ ersatzlos gestrichen werden sollte, damit ein fruchtbarer Dialog mit den Gender Studies rasch in Gang gebracht werden kann.

Der Autor ist Professor für Theol. Ethik an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Wien

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