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Die Angst vor den Wurzeln

Vor einiger Zeit war ich staunend im Osten der Slowakei unterwegs. Wie viele Völker dort leben, zwischen Poprad, das die Deutschen früher Deutschendorf nannten, und Kosice, das den Ungarn Kassa, den Deutschen Kaschau war! Ich traf nicht nur auf die sogenannten Karpathendeutschen, die zu besuchen ich ursprünglich in jenes Gebiet gekommen war, das sie selber die Zips nennen, die Ungarn Szepes nannten und das slowakisch heute amtlich Spis heißt. Nein, da fanden sich auch Polen und Goralen, worunter eine den Polen eng verwandte Gruppe zu verstehen ist, die aber auf gewisse Eigenheiten in Sprache und Tradition ihren Wert legt; da gab es Ruthenen, von denen noch immer häufig die falsche Meinung verbreitet wird, sie wären schlicht Ukrainer, und ihr Name leite sich von der k. u. k. Bezeichnung für ukrainische Untertanen der Donaumonarchie her; und natürlich begegnete ich dort Angehörigen des Staatsvolkes, Slowaken, also, und der größten nationalen Minderheit, den einstigen Herren der Region, den Ungarn.

Ränder Europas

Und, nicht zu vergessen und nicht zu übersehen: den Roma. Die waren im Zuge der blutigen Ereignisse, die im letzten Jahrhundert auch dieses Gebiet heimsuchten, aus ihren alten Traditionen, Berufen, Siedlungsgebieten herausgestoßen worden und hatten manches verödete Dorf, das einst von den später vertriebenen Karpathendeutschen errichtet worden war, in ihren Besitz genommen - ohne sich freilich darin wirklich heimisch machen zu können. Hin- und hergeschoben, in einer Welt, in der an ihren angestammten Berufen kein Bedarf mehr ist, zur Arbeitslosigkeit verdammt, sind die Zigeuner, wie sie überall genannt werden, fast so etwas wie der ideologische Kitt der Slowakei: die vielen Volksgruppen, die gut miteinander auskommen, sind sich einig im Haß auf jene dunklen Menschen, die in allen Dörfern und Städten der östlichen Slowakei unübersehbar sind und denen freilich so leicht nicht zu helfen ist: sprechen doch wohlmeinende Sympathisanten davon, die so lange schon drangsalierte, verachtete, ausgestoßene Volksgruppe wäre mittlerweile in ein Stadium der "Selbstzerstörung" übergegangen.

Ich befand mich also an einem der vielen Ränder Europas, hinter dem noch ein anderes Europa noch unbekannterer Ränder wartete, und fragte mich, was das alles mit Österreich zu tun habe. Tatsächlich hatte sich diese Vielfalt an Völkern entfalten und behaupten können, weil diese Gebiete lange Teil nicht eines Nationalstaates, sondern eines Reiches gewesen waren. Die Donaumonarchie war über Jahrhunderte jener Rahmen gewesen, in dem all diese Nationen, Nationalitäten, abgefallenen Nationensplitter zusammenlebten, keineswegs in einer multikulturellen Idylle zwar, aber doch eben in einem gemeinsamen Reich und nicht in einem Nationalstaat, der danach drängt, eine einzige Nation staatstragend zu setzen und die anderen Ethnien zu Minderheiten zu erklären. In der Zips setzte dieser Prozess der Nationalisierung schon im 19. Jahrhundert ein, als die Habsburger mit der ungarischen Feudalaristokratie ihren Kompromiss schlossen und eine durchaus rabiate Magyarisierung begann. Das Reich hatte jene Prinzipien, auf denen es gründete, schon aufgegeben, noch ehe es tatsächlich zerfiel; aber dass es zerfallen mußte, sobald sich in seinem Staatsgebäude Nationalstaaten einzurichten suchten, ist unausweichlich gekommen.

Ich habe in der Slowakei kaum Menschen getroffen, die sich nicht entschieden dafür aussprachen, dass die Slowakei so rasch wie möglich der Europäischen Union beitreten möge. Das hat ein wenig auch mit dem weitverbreiteten Gefühl zu tun, dass sich dieses Land aus Eigenem nicht werde aus der Krise erheben können. Die Slowaken haben aus dem gemeinsamen Staat mit den Tschechen die völlig ruinierte sowjetische Waffenindustrie geerbt - auf die Václav Havel auch gleich nobel verzichtete - und viele Zonen von Bergbau- und Schwerindustrie, in denen ganze Kombinate vor sich hinrotten.

Die ausländischen Investoren sind auch ohne EU längst da, aber sie können derzeit unverantwortlich wie Kolonialherren agieren. Sie kaufen Betriebe um eine einzige symbolische slowakische Krone auf, machen ein paar Jahre ihre Geschäfte, schließen sie wieder und werden nie mehr gesehen. Es mag seltsam klingen, aber die meisten Slowaken sind sich sicher, dass diese Phase eines abenteuerlichen Kapitalismus des schnellen Geldes ihr Ende finden wird, wenn mit der Europäischen Union eine systematische Erschließung des Landes durch internationale Konzerne beginnt. Dass sie rasch in die Europäische Union finden und sich in ihr mit dem, was sie über die Jahrhunderte geworden waren, auch behaupten können, diesen Wunsch haben die Slowaken so wie fast alle anderen osteuropäischen Länder die längste Zeit mit Österreich verbunden.

Kein anderes Land der Europäischen Union hat in seiner Geschichte so viele Verbindungen zu den östlichen Ländern Europas gehabt wie Österreich. Gleichwohl ist der Eindruck richtig, dass die Osteuropäer nirgendwo in so geringem Ansehen stehen wie gerade bei uns. Dass in der österreichischen Aversion gegen die aufbrechenden Menschen Osteuropas ein gerüttelt Maß an Selbsthass wirkt, ist kaum zu bezweifeln. Die Feindseligkeit, die in Kärnten immer mal wieder gegen die Slowenen brandet, die sich periodisch gegen die Polen, Tschechen, Slowaken, die Balkanslawen richtet, ist natürlich auch ein Versuch der Österreicher, bestimmte Züge ihrer eigenen Identität zu verleugnen und die Erinnerung, hier an den kroatischen Großvater, dort an die böhmische Großmutter aus dem nationalen Gedächtnis zu tilgen.

Keine Brückenbauer

Jener Typus, der sich als Hojac nicht ertragen kann und deswegen zum Westenthaler erklärt, ist ein für unsere Geschichte durchaus repräsentativer und für unsere Aussichten, in der Europäischen Union eine würdige Rolle zu spielen, durchaus verheerender Charakter. Denn diesem Typus, der sich längst nicht nur in der Freiheitlichen Partei findet, haben wir es wesentlich zu verdanken, dass Österreich seine historische Chance in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf geradezu unfassliche Weise verspielt hat. Vorerst mag ich hier gar nicht von Moral oder vom schönen Sinn für geschichtliche Zusammenhänge reden; nein, der schnöde Eigennutz hätte die Österreicher erkennen lassen müssen, dass wir jene Vorteile, die aus der Geschichte auf uns gekommen sind, geradezu panisch zu fliehen suchen. Längst hat die Europäische Union den Osten entdeckt, aber den Reiseführer, den kundigen Erklärer, den Brückenbauer hat dabei nicht Österreich gespielt. Denn unsere staatsführenden Politiker haben seit Jahren - und nicht erst seitdem die schwarzblaue Koalition regiert - so getan, als läge unser geopolitischer Raum westlich von Frankreich und nicht nah bei den slawischen Völkern, aus denen sich die österreichische Nation über Jahrhhunderte gespeist hat.

Geschichtsflucht

Diese Sehnsucht, sich aus der eigenen Geschichte davonzustehlen, hat die österreichische Europa-Politik in den letzten Jahren so phantasielos werden lassen. Vollauf damit beschäftigt, uns in den "Westen" zu integrieren, haben wir gar nicht bemerkt, dass dieser Westen ein vitales und durchaus nicht uneigennütziges Interesse am "Osten" hat; ein Interesse, aber freilich nur geringes Wissen - und statt ihm mit diesem Wissen zu dienen und damit uns und dem Osten zu nützen, haben wir geradezu panisch zu verheimlichen versucht, dass wir es sind, die dem Osten geografisch und historisch am nächsten stehen. Unsere europäische Außenpolitik insgesamt hat den Namen zu wechseln und sich als Westenthaler auszugeben versucht, als einen Westenthaler, an dem freilich im Westen niemand ein besonderes Interesse haben konnte. Denn woran die Franzosen, Spanier oder Dänen nie und nimmer interessiert sein können, das sind Österreicher, die sich als die besseren Franzosen, Spanier oder Dänen gerieren, anstatt diesen jenen Teil Europas zu erklären, den sie nicht kennen und dem wir entstammen.

Dass man mich nicht missverstehe: Ich rede nicht jenen das Wort, die Österreich am liebsten als Speerspitze des westlichen Kapitals gesehen hätten, Vortrupp der Inbesitznahme des Ostens durch die Konzerne der Europäischen Union. Andrerseits wird die Osterweiterung der Europäischen Union da und dort als Rückgewinnung Europas, als vermeintlicher Zusammenschluss im christlichen Sinne verklärt. Das ist eine fromme Begleitmusik, die wenig mit dem zu tun hat, was geschieht. Denn die Europäische Union ist nicht als Verein für christliche Moral noch zunächst als das entstanden, was man neuerdings als "Wertegemeinschaft" bezeichnet. Sie ist vor allem eine riesige Zollfreihandelszone, erzwungen von dem Drang der Wirtschaft, sich größere Märkte zu erobern und auf diesen ungehemmt zu agieren. Freilich, ob Zollfreihandelszone oder Wertegemeinschaft, ob wirtschaftliche Expansion oder christliche Besinnung: als reale Gegenwart und Zukunft von Hunderten Millionen Menschen ist die Europäische Union zu bedeutend, um den Wirtschaftsstrategen alleine überlassen zu werden. Die Osterweiterung der Union ist ein widersprüchlicher Prozess, er wird vieles aufbauen und vieles zerstören; und er wird stattfinden, ohne dass die Österreicher dabei eine Rolle spielten. Paradoxerweise haben wir gerade deswegen auch im Westen an Einfluss, Bedeutung und Ansehen verloren, weil wir uns nicht als Fürsprecher unserer östlichen Nachbarn verstehen wollten; darum wird aufgebaut werden, ohne dass wir davon etwas hätten, und zerstört werden, ohne dass wir unseren Nachbarn beistünden, die Verluste gering zu halten, manche Tradition, die es wert ist, zu retten, und jene Souveränität, die wir selber gerne hätten, zu behaupten.

Der Autor ist Herausgeber der Zeitschrift

"Literatur & Kritik".

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