#Pius XII.

Pius XII.

Pius XII - © Foto: picturedesk.com  / AP1943 / AP
Religion

Die Archive zu Pius XII.: Ringen um die Deutungshoheit

1945 1960 1980 2000 2020

Schwieg er bloß zur Schoa, oder war er der stille „Retter der Juden“? Auch nach Öffnung der Archive zu Pius XII. gehen die Kontroversen weiter. Erst recht nach einer gar schnellen Publikation erster Aktenfunde.

1945 1960 1980 2000 2020

Schwieg er bloß zur Schoa, oder war er der stille „Retter der Juden“? Auch nach Öffnung der Archive zu Pius XII. gehen die Kontroversen weiter. Erst recht nach einer gar schnellen Publikation erster Aktenfunde.

„Wer etwas zum Thema Kirche und Nationalsozialismus schreibt, muss sich auf die eine oder auf die andere Seite schlagen, auf die Seite der Anklage oder die Seite der Verteidigung.“ So kommentierte die Publizistin Christiane Florin Anfang März im Deutschlandfunk das publizistische Dilemma anlässlich der Öffnung der vatikanischen Archive des Pontifikats Pius XII. 1939–58.

Der Pacelli-Papst steht seit dem Drama „Der Stellverteter“ von Rolf Hochhuth 1963 im Zentrum der Kontroverse: Was wusste er von der Schoa, und warum äußerte er sich nicht öffentlich klarer gegen die Gräueltaten der Nazis an den Juden? Antworten auf diese Fragen positionieren in das Lager der Pius-Apologeten oder der Gegner dieses Papstes, und man erhoffte sich von der Öffnung der Archive dieses Pontifikats, die Papst Franziskus verfügt hat, eine Klärung.

Unterschiede perpetuiert

Umgekehrt ist seit Jahren ein Seligsprechungsprozess für Pius XII. in Gang, 2009 sprach ihm Benedikt XVI. den heroischen Tugendgrad zu, im Prozedere zum Seligen fehlt nur mehr das „Wunder“. Aber nicht zuletzt jüdische Stimmen protestierten gegen die Erhebung von Pius XII. zur Ehre der Altäre, zumindest die Historie des Pontifikats solle abschließend beurteilt werden, und das ginge erst nach der Öffnung der Archive, die nun eben stattfand.

„Wer etwas zum Thema Kirche und Nationalsozialismus schreibt, muss sich auf die eine oder auf die andere Seite schlagen, auf die Seite der Anklage oder die Seite der Verteidigung.“ So kommentierte die Publizistin Christiane Florin Anfang März im Deutschlandfunk das publizistische Dilemma anlässlich der Öffnung der vatikanischen Archive des Pontifikats Pius XII. 1939–58.

Der Pacelli-Papst steht seit dem Drama „Der Stellverteter“ von Rolf Hochhuth 1963 im Zentrum der Kontroverse: Was wusste er von der Schoa, und warum äußerte er sich nicht öffentlich klarer gegen die Gräueltaten der Nazis an den Juden? Antworten auf diese Fragen positionieren in das Lager der Pius-Apologeten oder der Gegner dieses Papstes, und man erhoffte sich von der Öffnung der Archive dieses Pontifikats, die Papst Franziskus verfügt hat, eine Klärung.

Unterschiede perpetuiert

Umgekehrt ist seit Jahren ein Seligsprechungsprozess für Pius XII. in Gang, 2009 sprach ihm Benedikt XVI. den heroischen Tugendgrad zu, im Prozedere zum Seligen fehlt nur mehr das „Wunder“. Aber nicht zuletzt jüdische Stimmen protestierten gegen die Erhebung von Pius XII. zur Ehre der Altäre, zumindest die Historie des Pontifikats solle abschließend beurteilt werden, und das ginge erst nach der Öffnung der Archive, die nun eben stattfand.

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Doch schon wenige Wochen nach der Archivöffnung wird offenbar, dass sich das Problem unterschiedlicher Bewertungen des Pontifikats des letzten Pius-Papstes kaum lösen lassen wird. Man kann es auch als Tragik der Persönlichkeit Eugenio Pacellis ansehen, dass er als Projektionsfläche von Anhängern wie Gegnern dient: Die einen bewerten sein Verhalten zur NS-Zeit als politisch klug und für die Rettung von Juden in Italien von größerem Belang, während die anderen ihn der Mitschuld am Schweigen über die Schoa an deren Höhepunkt zeihen. Welche neuen Ergebnisse die Forschungen in den vatikanischen Archiven auch erbringen mögen: Die Kontroversen um Pius XII. werden mit Sicherheit weitergehen.

Umso erstaunter war man, dass das Team um Kirchenhistoriker Hubert Wolf, das eine Woche im Vatikan forschte, erste Ergebnisse vorlegte.

Dieser Befund hat aber nichts damit zu tun, dass die historische Aufarbeitung dieses Pontifikats zu erledigen ist – nachdem die Archive aber eben erst geöffnet wurden, sollte man sich auf eine lange und zeitaufwendige Forschungsarbeit einstellen. Man muss zusätzlich darauf hinweisen, dass es bereits eine von vatikanischen Archivaren in den 1960er bis 1980er Jahren erstellte Dokumentation von Akten des Heiligen Stuhls zum Zweiten Weltkrieg – elf Bände mit 10.000 Seiten – gibt, in denen bereits Wesentliches auch über Pius XII. Aktivitäten verzeichnet ist und die natürlich nach derÖffnung des gesamten Archivs kritisch zu würdigen sind.

Das Team Wolf prescht vor

Umso erstaunter war man, dass in der Zeit vom 23. April das Team um den Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, das ab der Archivöffnung im Vatikan zuforschen begonnen hatte, erste Ergebnisse unter dem Titel „Der Papst, der wusste und schwieg“ vorlegte. Erstaunlich deswegen, weil die Forscher gerade eine Woche lang die Akten einsehenkonnten, bevor der Vatikan wegen Corona geschlossen wurde.

Was da in der renommierten deutschen Wochenzeitung präsentiert wurde, waren aber bestenfalls Mosaiksteine, die so zusammengefasst werden können: Im Vatikan und mutmaßlich bei Pius XII. gab es Ende 1942 Informationen über die Verbrechen an den Juden in Deutschland und Polen; unklar bleibt, ob die vatikanischen Stellen und auch der Papst die Berichte für glaubhaft hielten. Das Team um Wolf, der seit vielen Jahren zu Pius XII. sowie zum Vatikan und den Juden forscht und der auch als exzellenter historischer Sachbuchautor bekannt ist, deckte diese Tatsachen keineswegs auf: Der entsprechende Brief des US-Geschäftsträgers im Vatikan, in dem u. a. von derVerschleppung Hunderttausender in KZs die Rede war, ist seit langem bekannt. Auch der Bericht des griechisch-katholischen Großerzbischofs von Lemberg, AndrejSzeptyzkyj, über Massenmorde an den Juden, der dem Vatikan vorlag, ist nicht neu.

Was Hubert Wolf und sein Team in den wenigen Forschungstagenherausfanden, waren vor allem Bewertungen derartiger Berichte im Vatikan, unter anderem durch den Substituten im Staatssekretariat, Giovanni Battista Montini (den späteren Papst Paul VI.), sowie durch einen Mitarbeiter des Staatssekretariats, der Aktennotizen dazu auch für den Papstverfasste. Pius XII. wusste alsovon den Berichten, so das Fazit des Teams Wolf, aber ob er die Informationen auch in ihrer Dimension für glaubhaft hielt (der Bearbeiter im Staatssekretariat zweifelte diese an), bleibt unklar.

Interessant, dass die in der Zeit publizierten Ergebnisse von Wolfund seinen Mitarbeiter(inne)n in der deutschsprachigen Presse bislang kaum rezipiert wurden – weder in der FAZ noch in der Süddeutschen noch in der NZZ oder im Spiegel fand sich bis zu FURCHE-Redaktionsschluss auch nur eine Zeile dazu. Hierzulande berichtete vor allem der ORF in der ZIB und seinen Religionssendungen davon, einige Printmedien referierten den Zeit-Artikel. In den konservativ-katholischen Medien, die den Pius-Apologeten zuzurechnen sind, gab es hingegen scharfe Angriffe gegen Wolf und die Publikation seiner Ergebnisse.

Wer hat die Nase vorn?

Beim Internetportal kath.net ereifert sich der deutsche Publizist Michael Hesemann, der Anfang März gleichfalls in den vatikanischen Archiven geforscht hat, über Wolf, er missbrauchePius XII., „diesen Retter so vieler, und damit auch den Holocaust selbst für seine kirchenpolitische Agenda“. Wolf sei ein Populist und „Windmacher, der mit halbgaren Ergebnissen und viel heißer Luft nach Aufmerksamkeit“ giere, so die Vernichtung durch Hesemann, der seinerseits für hagiografisch-unkritische Bücher über Pius XII. (etwa „ Der Papst, der Hitler trotzte“, 2003) bekannt ist.

Mit weniger Schaum vor dem Mund kritisiert im Wochenblatt Die Tagespost der Historiker Michael Feldkamp einen äußerst dünnen Erkenntniszugewinn durch die Wolf’schen Funde in den Akten. Wolf stelle sich, so Feldkamps Conclusio, „an die Speerspitze einer vermeintlich aufklärerischen Kampagne“.

Zumindest dieser Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen, denn im Ringen um die Deutungshoheit von Gestalten der Geschichte geht es auch darum, wer die Nase vorn hat. Einiges riecht hier danach.

In der letztwöchigen Zeit-Ausgabe äußert sich Hubert Wolf aber auch ausführlich im Interview zu Pius XII. – und bemüht sich um eine differenzierte und gar nicht pauschal anklagende Sicht. Wolf meint wörtlich, er wolle noch zehn Jahre Zeit haben – und erst nachdem er die Archive durchforstet habe, wolle er „ein Urteil über Pius XII.“ wagen: „Man muss diesem Papstauch gerecht werden wollen!“

Warum aber, so darf der Beobachter dann schon fragen, wurde das beschriebene Detail der Geschichte um Pius XII. schon jetzt lauthals und ohne Chance auf eine Zusammenschau mit anderen Erkenntnissen publiziert?

Artikel: Die Zeit I, Die Zeit II, ORF, kath.net, Die Tagespost