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Die Bibel - ein Gewalttext?

Tragen religiöse Systeme Gewaltpotenziale in sich? Überlegungen zum Thema anhand der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament der Christen.

Religionen, deren Symbolsystem von einer einzigen Gottheit geprägt ist, wird häufig Intoleranz vorgeworfen. So genannte "monotheistische" Religionen (der Begriff ist nicht alt und biblisch, sondern jung und europäisch!) sprechen ausschließlich einer einzigen Gottheit Göttlichkeit zu, während sie alle anderen Götter und Göttinnen in deren kulturellem Umfeld depotenzieren. Sie seien daher mit mehr Gewaltpotenzial belastet als polytheistische Systeme, die von vornherein plural angelegt, und die in ihren Denk- und Handlungskonzepten toleranter seien.

1. Eine Gottheit - viele Götter: ein religionsgeschichtlich relativ spätes Phänomen

Von der religionsgeschichtlichen Entwicklung her sind monotheistische Systeme ein relativ spätes Stadium. Gab es im 19. Jahrhundert einmal die forschungsgeschichtliche Hypothese eines "Urmonotheismus", aus dem dann der Polytheismus entstanden sei, so weiß man heute, dass die Entwicklung umgekehrt verlief.

Der jüdische Eingottglaube, auf dem die drei großen monotheistischen Religionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, ruhen, hat sich erst allmählich gegen ein polytheistisches System abgegrenzt. Im Bereich des Alten Orients kann man zwar zu Echnatons Zeiten (14. Jhdt. v. Chr.) von einer politisch forcierten Alleinverehrung Atons, des Sonnengottes, sprechen, aber ein klassischer Monotheismus entwickelte sich daraus nicht.

Polytheismus auch in Israel

Auch Alt-Israel kennt in den Anfängen seiner Religionsgeschichte und selbst in der längsten Zeit seiner in der Bibel erzählten Geschichte keinen Eingottglauben. Die Wende zu einem monotheistischen Denken geschieht erst im Exil, ab Mitte des 6. Jhdt. v. Chr. "Deuterojesaja", die Kapitel 40 bis 55 des Jesajabuches, bezeugen erstmals eine universale Gültigkeit jhwhs, der Gottheit Israels, während den Gottheiten anderer Völker die Existenz abgesprochen wird. Die meisten der biblischen Texte sind jedoch dahingehend zu verstehen, dass nur Israel die eine, seine Gottheit jhwh, verehren sollte, während es aber durchaus mit der Existenz anderer Gottheiten rechnet. Sogar das so genannte Hauptgebot des Dekalogs, "Du sollst keine anderen Gottheiten neben mir haben!" bezeugt ein polytheistisches Denksystem.

2. Die Entmachtung des Pantheons und seine Folgen

Die Entwicklung hin zum Eingottglauben vollzieht sich also allmählich und relativ spät. Sie bewirkt nicht nur die Depotenzierung der altorientalischen Götterwelt, sondern - je länger je mehr - auch die schrittweise Integration aller Funktionen der depotenzierten Gottheiten. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Gab es in Kanaan einen Fruchtbarkeitsgott und eine Kriegsgöttin und waren an der Menschenschöpfung mehrere Gottheiten beteiligt, so wird jhwh nun die einzige Schöpfergottheit des Himmels und der Erde, aller Menschen und damit auch aller Völker, ist er die Gottheit, die alle Kriege, auch die der Völker, bestimmt und die den fruchtbaren Regen bringt.

Man kann es natürlich als gewalttätiges Phänomen ansehen, wenn eine Religion die Gottheiten der anderen als Götzen deklariert, ein intolerantes ist es allemal. Aber wie diese Theologie in bezug auf die Völker und deren Götter sodann ausgefaltet wird, ist noch einmal eine andere Frage. Sie kann imperialistisch sein, wie etwa im Text, den wir vom Fest der "Hl. Drei Könige" noch im Ohr haben, nämlich Jes 60: Dort werden die Fremdvölker und deren Könige dazu genötigt, Knechtsdienste für Israel zu versehen. Oder die Konsequenzen können in einem universalen Frieden gesehen werden, da die Gottheit Israels über alle Völker Gewalt hat und damit befähigt ist, den Kriegen ein Ende zu setzen (Jdt 16,2). Die Hebräische Bibel hat also auch hier keine eindeutige Antwort. Die theologischen Versuche, die Macht der einen und einzigen Gottheit zu ergründen, reichen von der gemeinsamen Einsicht aller Völker, dass das Recht Israels, die Tora, die lebenstauglichsten Regeln des Zusammenlebens bietet (vgl. Jes 2,1-5) bis hin zur Forderung der Vollstreckung des so genannten "Bannes". Der Bann, die Vernichtungsweihe von allem und jedem im Krieg, fordert dazu auf, alle Völker mit anderem Symbolsystem als dem eigenen auszurotten.

Kein Freibrief für Plünderer

Der Bann, der sich auch bei anderen altorientalischen Völkern findet, bedeutet die Weihe aller Beute für die Gottheit und damit keinen materiellen Zugewinn für eine plündernde Soldateska (vgl. Dtn 13,16-19; Jos 6,17-21; 1 Sam 15). Er kann von diesem Aspekt her sogar Kriegsgräuel einschränken; allerdings ist allein die Propaganda, dass flächendeckend Mensch und Tier vernichtet werden sollen, erschütternd genug. Wenn man allerdings die Texte in ihr historisches Umfeld einordnet, so kommt zu Tage, dass Israel zur Zeit der Abfassung solcher Aufrufe entwaffnet ist. Es steht unter Fremdherrschaft im eigenen Lande und hat einen Vernichtungsfeldzug mit überaus hohem Blutzoll und der Zerstörung des Landes, ja selbst des Tempels von Jerusalem über sich ergehen lassen müssen. Die Völker, die auszurotten Deuteronium, Kapitel 7, anordnet, gibt es zu dieser Zeit im Lande nicht mehr und auch nicht mehr als unmittelbare Nachbarn.

Gottes Untätigkeit erklären

Die Texte waren also in ihrer Zeit nie als Aufruf zu Kriegsgräuel gedacht, sondern waren vielmehr so genannte Theodizee-Texte, Texte, mit denen man die Untätigkeit des Gottes Israels in den Zeiten der militärischen Bedrängnis zu erklären versuchte. Diese Texte verteidigen die Gottheit insofern vor dem Vorwurf der mangelnden Macht, als sie die Schuld für den Untergang beim mangelnden Gebotsgehorsam des israelitischen Volkes suchen: Weil Israel von den Wegen seiner Gottheit abgeirrt ist, deswegen hat er sie dem Beinaheuntergang preisgegeben. Sie sind damit als "mächtige Rede der Ohnmächtigen" zu lesen und nicht als Propaganda der Mächtigen, die die Macht haben, ihre Worte wahr zu machen.

3. Wie im Himmel so auf Erden ...

Polytheistische Systeme sind im Alten Orient meist durch die Zusammengehörigkeit von Götterfamilien geprägt. Das Pantheon, der so genannte "Götterhimmel", besteht nicht aus lauter einzelnen Solitärgottheiten, sondern die Gottheiten stehen vielmehr untereinander in Beziehung. Sei dies nun durch Paarbildung, Abstammung und Verwandtschaft oder durch Herrschafts- und Dienstverhältnisse, die Gottheiten des Alten Vorderen Orients sind einander zugeordnet. Göttinnen und Götter haben einen bestimmten, wenn auch durch die Geschichte hindurch auch veränderbaren Platz in der Götterwelt. So lässt sich etwa für die syropalästinensische Landbrücke im ausgehenden zweiten Jahrtausend v. Chr. eine Verschiebung von der zentralen Bedeutung Leben garantierender weiblicher Gottheiten hin zu kriegerischen männlichen beobachten.

Die Gliederung des Pantheons bildet ganz offensichtlich die gesellschaftliche Hierarchie ab, indem es die Macht- und auch Gewaltrelationen auf Erden in den Himmel projiziert und sie damit zugleich auch legitimiert. Göttlich bestätigte Machtverhältnisse, die auch die Anwendung von Gewalt mit einschließen, sind aber für jene, die am unteren Ende der Leiter gesellschaftlicher Hierarchie zu stehen kommen, Unterdrückungszusammenhänge, aus denen es kaum ein Entrinnen gibt.

Für die Unterprivilegierten

Stellt man dem ein monotheistisches Symbolsystem gegenüber, das noch dazu jegliche visuelle Festlegung im Bild und damit jede Verfestigung der Gottesvorstellung verbietet, so können diese eine Entlastung gerade für die Unterprivilegierten bringen: Die von Menschen eingesetzten und aufrecht erhaltenen Unrechtsverhältnisse haben keinen göttlichen Segen. Wenn Israels Gottheit sich noch dazu als Anwältin der Fremden, Waisen, Witwen und jener, die keinen Helfer haben, vorstellt, so trägt der Eingottglaube sogar Gewalt reduzierendes Potenzial in sich.

4. Mit der Bibel in der Hand mit dem Kopf durch die Wand

Die Hebräische Bibel ist eine altorientalische Schrift aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend. Als solche muss sie im Horizont des damaligen Kulturraumes gelesen werden. Altorientalische Kriegspraktiken oder GötterkampfMythen, die in der Bibel - wie die gesamte Breite menschlichen Lebens - ihren Niederschlag finden, sind mit damaligen, und nicht mit heutigen westlichen, humanitären, auf das Individuum bezogenen Wertmaßstäben zu messen (über die es offensichtlich ja auch keinen Konsens gibt, denn sonst würde die Welt anders aussehen!).

Wer sich heute als christlicher Mensch über die teils gewalttätige Sprache der Hebräischen Bibel entsetzt, der sollte, bevor er dies tut, täglich die Zeitung lesen; und er sollte vor der Haustüre seiner eigenen Geschichte zu kehren beginnen - betreffe dies nun die Zeiten der Kreuzzüge, der nationalsozialistischen Verbrechen oder unsere Gegenwart, in der die einzige Supermacht den christlichen Gott für ihre aus materiellen Gründen geführten Feldzüge reklamiert.

Alle berufen sich auf die Bibel

Wer wissenschaftlich an den Texten arbeitet, muss sich jedoch - wie die religiösen Gemeinschaften und deren Führungsriegen, die für sich die Auslegungskompetenz der Bibel beanspruchen - Rechenschaft darüber ablegen, wie diese Texte wirken. Pazifisten wie Kriegstreiber berufen sich gleichermaßen auf dieselbe Bibel. Jene, die nicht müde werden, Toleranz als Modell des Zusammenlebens zu lehren, nehmen die Bibel ebenso als Gewährstext wie jene, die meinen, dass nur ihre Lebensführung die allein seligmachende für alle Menschen darstellt und Andersdenkende daher mit Zwang zu beglücken seien.

Wenn heute in manchen Gruppierungen einschlägige Passagen der Bibel als Legitimationsurkunden in völkerrechtlichen oder gesellschaftspolitischen Konflikten Verwendung finden, ist daher zuallererst nach den realen Machtverhältnissen zu fragen. Denn wer die Gewaltpotenziale tatsächlich in sich trägt, sind nicht die religiösen Symbolsysteme an sich - seien sie nun monotheistisch oder polytheistisch, sondern sind die Menschen, die ihre Macht zum Schaden anderer einsetzen. Machtmissbrauch, insbesondere bis zur Gewaltanwendung, ist ein verwerfliches Verbrechen; geschieht sie mit Berufung auf Heilige Texte, so muss dies in aller Form geächtet werden.

Die Autorin ist Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät Graz. Auszug aus Fischers Vortrag in der Reihe "Religion und Gewalt" an der Universität Graz.

Veranstaltungstipp:

RELIGION UND GEWALT

Öffentliche Vorlesungsreihe der Katholisch-Theologischen Fakultät

* 20. Jänner: Bernhard Körner: Methoden der Intoleranz oder sogar der Gewalt im Dienst an der Wahrheit. Zum Umgang der Kirche mit den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte.

* 27. Jänner: Kurt Remele: Theologien als Gewalt produzierende Ideologien? Die Christliche Rechte und die Rechte der Christen. - Walter Schaupp: Christliche Ethik als Ausstiegsstrategie aus der Gewalt?

jeweils 19 Uhr, Hauptgebäude der Universität, Hörsaal 01.14, Universitätsplatz 3,8010 Graz

Infos: www-theol.uni-graz.at

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