Die Diskussion geht weiter

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Die Vergebungsbitte, die der Papst am 12. März sprach, erfuhr weltweit Beachtung und Anerkennung. Die ebenfalls zu vernehmenden kritischen Stimmen zeigen gleichzeitig, daß die Diskussion um eine "Schuld"der Kirche nicht zu Ende ist.

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Die Vergebungsbitte, die der Papst am 12. März sprach, erfuhr weltweit Beachtung und Anerkennung. Die ebenfalls zu vernehmenden kritischen Stimmen zeigen gleichzeitig, daß die Diskussion um eine "Schuld"der Kirche nicht zu Ende ist.

Luigi Accattoli, als Korrespondent für den Mailänder "Corriere della Sera" einer der prominentesten "Vaticanisti", hat bereits im vergangenen Jahr eine Sammlung von 94 Vergebungsbitten für die Schuld der Vergangenheit vorgelegt, die der derzeitige Papst im Lauf der Jahre gesprochen hat. Kaum ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte hat Johannes Paul II. dabei ausgelassen. Accattoli weist in seinem Buch "Wenn der Papst um Vergebung bittet" aber auch auf die Kluft zwischen dem Papst und einer großen Zahl von Kardinälen hin: Der italienische Journalist spricht gar vom "Alleingang" Johannes Pauls II., um sein Anliegen einer "Reinigung des Gedächtnisses" zu verwirklichen.

Im Vorfeld der großen Vergebungsbitte, die nun am 12. März im Petersdom vom Papst und den Spitzen der Kurie gesprochen wurde (der Wortlaut ist auf Seite 16/17 dieser FURCHE dokumentiert), bekräftigte Accattoli diesen Befund: "Dieses Mea Culpa spaltet die Kirchenspitze. Ich gehe davon aus, daß etwas mehr als die Hälfte der Kardinäle und etwa die Hälfte der römischen Kurie anders denkt als der Papst", äußerte Accattoli in einer Schweizer Tageszeitzung.

Für die Einschätzung des Vatikankenners spricht, daß hohe Vertreter der Kurie, allen voran der Vorsitzende der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, vor "überzogenen Erwartungen" an das Reuebekenntnis warnten. Anfang März wurde eine "Interpretationshilfe" für die Vergebungsbitte veröffentlicht, verfaßt von der Internationalen Theologenkommission, deren Präsident Kardinal Ratzinger ist ("Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit", ein Auszug daraus ist auf Seite 17 dieser FURCHE dokumentiert). Auch diese schlug vorsichtige Töne an, insbesondere wurde dort die Kirche selbst nie als "Schuldige" benannt, sondern lediglich einzelne Christen.

Erfolgreich gebremst?

Das Reuebekenntnis des 12. März selbst spricht ebenfalls nicht von einer Schuld der Kirche und bleibt in vielen Formulierungen unklar oder unkonkret. Die italienische Tageszeitung "La Repubblica" mutmaßte, das endgültige Dokument zeige Spuren von Bremsversuchen der "konservativsten Bischöfe". Die revolutionäre Initiative des Papstes sei so weit gedämpft worden, daß sie auch für konservative Katholiken annehmbar wurde. Auf diesem Hintergrund ist auch die Kritik erklärbar: Vor allem jüdische Stimmen bemängelten das Fehlen einer expliziten Aussage zum Holocaust. Der jüdische Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel äußerte, das Dokument sei "nicht mutig genug"; Israel Lau, aschkenasischer Großrabbiner von Israel, zeigte sich "zutiefst enttäuscht", daß die Schoa nicht angesprochen wurde.

Gleichzeitig würdigte Lau jedoch den "Bruch mit der Haltung seiner Vorgänger", den Johannes Paul II. mit der Bitte um Vergebung gesetzt habe. Andere jüdische Stellungnahmen waren ähnlich - bedauernd und lobend zugleich. Kritik kam auch aus Theologenmund: So forderte der Tübinger Hans Küng, dem 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen worden war, als Konsequenz aus dem Schuldbekenntnis mehr Toleranz gegenüber Kirchenkritikern: Die Kritiker würden, so Küng, heute nicht mehr physisch, wohl aber "psychisch verbrannt".

Internationale Reaktionen auf den symbolträchtigen Akt des Papstes blieben insgesamt positiv - wenn auch teilweise verhalten. Der Londoner "Daily Telegraph" etwa sprach von "prophetischen Worten" des Papstes, aber auch davon, "daß das Eingeständnis vergangener Verfehlungen erst am Anfang eines schmerzlichen Prozesses der Versöhnung" stehe. Ähnlich klangen Reaktionen aus der Ökumene: Die Evangelische Kirche Deutschlands nannte das Sündenbekenntnis einen "wichtigen und bedeutsamen Schritt"; ob er "historisch" werde, hänge aber davon ab, ob die katholische Kirche dem Schuldbekenntnis auch praktische Schritte werde folgen lassen.

Iby: "Historischer Akt" Für Österreichs katholische Bischöfe ist letzteres bereits klar. So nannte der Eisenstädter Bischof Paul Iby die päpstliche Vergebungsbitte einen "historischen Akt". In den 2000 Jahren der Kirche habe es auch "Zeiten mit Irrwegen, Irrlehren und Fehlurteilen" gegeben. Der Grazer Oberhirte Johann Weber formulierte: "Reue ist eine gute Botschaft für unsere Welt von heute". Und er setzte hinzu, daß es möglich und notwendig sei, um Entschuldigung zu bitten. Wiens Kardinal Christoph Schönborn wies darauf hin, der Papst habe die Ortskirchen ausdrücklich eingeladen, die "Heilung der Erinnerung" auch für ihre eigene Geschichte vorzunehmen. Konkret nannte Schönborn für Österreich zwei Themen, wo eine Vergebungsbitte notwendig sei: das konfliktreiche Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken sowie das Verhalten von Christen gegenüber Juden.

Australien bis Boston Nicht nur in Österreich, auch in anderen Teilen der katholischen Weltkirche haben die um das Anliegen des Papstes entstandenen Diskussionen und Reflexionen zu teilweise spektakulären Aussagen geführt. So veröffentlichte die katholische Kirche von Luxemburg eine Vergebungsbitte, die sich auf schuldhaftes Verhalten gegenüber Juden, Protestanten und Anhängern nichtreligiöser Weltanschauungen bezieht. Außerdem wird eine zu rigorose Moralverkündigung im Bereich der Sexualmoral, die Benachteiligung von Frauen und der kirchliche Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bedauert. Die katholischen Bischöfe der Schweiz kündigten eine Erklärung über Versäumnisse gegenüber dem jüdischen Volk an.

Kardinal Bernard Law, Erzbischof von Boston, bekannte, daß die katholische Kirche der USA in der Billigung der Sklaverei, bei sexuellem Mißbrauch durch Priester, in der ungerechten Behandlung der Frau und im Antisemitismus Schuld auf sich geladen habe. Der australische Kardinal Edward Clancy entschuldigte sich bei den Aborigines für das ihnen zugefügte Leid; die Erklärung machte auch deswegen Furore, weil sich Australiens Regierungschef bislang geweigert hat, sich bei den Ureinwohnern des Landes zu entschuldigen. Kardinal Clancy sprach weiters von Fehlern der Kirche gegenüber Frauen, Einwanderern und der Jugend; auch er bat für Fälle von sexuellem Mißbrauch um Vergebung.

Johannes Paul II. ist es mit dem Markstein des 12. März erfolgreich gelungen, dem urchristlichen Anliegen, Schuld zu bekennen und Vergebung zu erbitten, brennende Aktualität zu verschaffen. Ebenso bleibt aber klar, daß die Diskussion um eine "Schuld" der Kirche noch lange weitergehen wird.

BUCHTIPS Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und ihre Verfehlungen in der Vergangenheit. Verfasser: Internationale Theologenkommission. Hg. und übertragen von Gerhard Ludwig Müller. Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg 2000. 112 Seiten, kt., öS 131,-/e 9,52 Wenn der Papst um Vergebung bittet. Alle "mea culpa" von Papst Johannes Paul II. Von Luigi Accatoli. Übertragen von Peter-Felix Ruelius. Tyrolia Verlag, Innsbruck 1999. 224 Seiten, kt., öS 268,-/e 19,48

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