Die Donau-Schiffsreise des Patriarchen

1945 1960 1980 2000 2020

Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, bereiste - an der Spitze eines Ökologie-Symposiums - die Donau per Schiff.

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Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, bereiste - an der Spitze eines Ökologie-Symposiums - die Donau per Schiff.

Die Donau ist ein europäisches Kleinod, das erhalten und geschützt werden muß." Das sagte weder ein Umweltschützer noch ein Politiker, sondern der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel. Anlaß war das Symposium "Die Donau - Ein Fluß des Lebens", das die Nichtregierungsorganisation "Religion, Wissenschaft und Umwelt" (Religion, Science and the Environment - RSE) aufgrund seiner Initiative organisiert hatte. Zehn Tage lang, vom 16. bis zum 26. Oktober waren 150 führende Persönlichkeiten aus den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Religion eingeladen, auf einem Schiff von Passau donauabwärts bis ins Delta zu fahren. Sinn und Zweck des Symposiums war es, die Kommunikation zwischen Vertretern dieser drei Bereiche zu intensivieren und konkrete Ansätze zur Verbesserung der Umweltqualität im Donauraum zu finden.

Ein ehrgeiziges Ziel, das erst in kleinen Schritten zu erreichen sein wird. Doch die Liste der Teilnehmer sowie die Prominenz der Gesprächspartner bei den verschiedenen Landausflügen lassen diese Hoffnung durchaus zu: Das Symposium stand unter der Schirmherrschaft von Patriarch Bartholomaios und der Europäischen Kommission. Teilnehmer waren unter anderem: Schwester Marjorie Keenan, die Umwelt-Beauftragte des Vatikan, Komissarin Margot Wallstrom, EU-Komissarin für Umwelt und nukleare Sicherheit, Wolfgang Stalzer, Präsident der internationalen Komission für den Schutz der Donau, Mark Malloch Brown, Verantwortlicher des UNO Entwicklungsprogramms, Bischof Mauro Morelli aus Rio de Janeiro, Hugh Montefiori, der Altbischof von Birmingham, Christine von Weizsäcker, Vizepräsidentin des europäischen Netzwerkes für Umweltaktionen sowie die Exilmonarchen Simeon von Bulgarien und Elisabeth von Jugoslawien. Darüber hinaus gaben Wissenschafter der London School of Economics und der Universität Cambridge der Veranstaltung weiteres Gewicht.

"Als Vertreter verschiedener Nationalitäten, Glaubensrichtungen und Berufsfelder finden wir uns im gemeinsamen Interesse der Bewahrung der Natur", sagte Patriarch Bartholomaios. Zentrale Themen des "schwimmenden Symposiums" waren daher die problematische ökologische Situation der Donau, mögliche Lösungsansätze und die Notwendigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit.

Der "grüne" Patriarch Patriarch Bartholomaios gilt als Mann des Dialogs. 1940 auf einer zur Türkei gehörenden Ägäis-Insel geboren, fühlt er sich prädestiniert, als Mittler zwischen Christen, Juden und Moslems aufzutreten. Nach Studien in der Türkei und in Griechenland setzte er zudem seine Ausbildung in Italien, der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien fort. Seit 1991 steht der Theologe als 270. Nachfolger des Apostels Andreas an der Spitze der orthodoxen Christenheit. Seine diplomatische Gewandtheit und seine hervorragende Kenntnis der westlichen Kirchen ermöglichten dem Patriarchen - der sieben Sprachen fließend spricht - trotz Differenzen und Spannungen die Entfaltung umfassender ökumenischer Aktivitäten. Wegen seines Engagements für die Umwelt wurde das Ehrenoberhaupt von weltweit über 250 Millionen Gläubigen der orthodoxen Kirchen schon mehrfach als der "grüne Patriarch" bezeichnet.

Vor diesem Symposium hatte der Patriarch bereits zwei weitere Veranstaltungen dieser Art initiiert: 1995 fand ein erstes "schwimmendes Symposium" in der Ägäis statt, 1997 ein zweites auf dem Schwarzen Meer.

Das Programm des Donau-Symposiums "Ein Fluß des Lebens" war denn auch stark von seiner Persönlichkeit geprägt: das Schiff startete am 18. Oktober in Passau, wo Patriarch Bartholomaios mit dem Münchner Kardinal Friedrich Wetter und dem Passauer Bischof Franz Xaver Eder zusammentraf. Am Sonntag segnete er nahe der bayerischen Benediktinerabtei Niederaltaich, die als Ort gelebter Ökumene mit der Orthodoxie sowie als Ort aktiver Schöpfungsbewahrung bekannt ist, das Wasser der Donau.

Von Linz bis Novi Sad Am darauffolgenden Tag stand - gemeinsam mit dem Linzer Bischof Maximilian Aichern und Landeshauptmann Josef Pühringer - ein Besuch des Konzentrationslagers Mauthausen auf dem Programm. In Wien kam es zu herzlichen Begegnungen mit Bundespräsident Thomas Klestil in der Hofburg, mit Kardinal Franz König und mit Vertretern der Ökumene in Österreich. Die Mitreisenden nahmen an diesem Tag an einer Plenarsitzung zum Thema "Energie und Umwelt" in der Akademie der Wissenschaften teil und besuchten anschließend den Nationalpark Donauauen. Von dort ging es weiter donauabwärts nach Bratislava, wo die Reisenden der "Delfin Queen" vom slowakischen Staatspräsidenten Rudolf Schuster empfangen wurden. Im Mittelpunkt dieser Begegnung stand der Gedanke, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Donauvölker und der "Donau-Konfessionen" zu intensivieren. Während die Symposiumsteilnehmer das umstrittene Kraftwerk Gabcikovo besichtigten, traf Patriarch Bartholomaios in Esztergom den katholischen Erzbischof von Kalocsa-Kecskemet, Laszlo Danko. Gemeinsam besuchten sie das Grab von Kardinal Jozsef Mindszenty. In Budapest sagte Patriarch Bartholomaios seine Teilnahme an den kirchlichen 1.000-Jahr-Feiern Ungarns im kommenden Jahr zu. Immer wieder hob der Patriarch die Verantwortung für die Schöpfung und die Notwendigkeit des ökumenischen Dialogs hervor.

Katholiken, Protestanten, Juden, Moslems und Orthodoxe leben entlang des 2.850 Kilometer langen Stroms - gerade auch in letzter Zeit ein Gebiet der Spannungen, Konflikte, Kriege: Das Symposium hätte eigentlich schon im Juni stattfinden sollen, doch aufgrund der durch den Krieg im Kosovo unschiffbar gewordenen Donauabschnitte wurde der Termin auf den Herbst verschoben. Doch die Brücken bei Novi Sad sind noch nicht gehoben, und auch die Probleme noch nicht gelöst. So war der nächste Abschnitt des Symposiums zweifellos der brisanteste und auch organisatorisch am schwierigsten zu bewältigende.

Höhepunkt dieses Teils war die Verlesung einer Friedensbotschaft des Patriarchen am "Kai der Opfer" in Novi Sad. "Wir wissen nicht, ob wir unserer Freude Ausdruck geben sollen, daß wir hier zusammengekommen sind, oder unserer Trauer darüber, was geschehen ist", sagte Bartholomaios in Bezug auf die NATO-Bombardements im Frühjahr, um anschließend "aller Opfer aller Zeiten und Völker" zu gedenken. Der Patriarch wies aber auch auf die verheerenden Folgen der Zerstörung der petrochemischen Industrieanlagen im Rahmen der NATO-Luftangriffe für die Umwelt hin.

Busse statt Schiff Da die Organisatoren nicht für die Sicherheit auf den ursprünglich angemieteten Tragflügelboote zur Überwindung des sonst unschiffbaren Abschnittes garantieren konnten, stiegen alle Symposiumsteilnehmer in Novi Sad für die verbleibenden 141 Kilometer bis Smederevo in Busse um. Patriarch Bartholomaios traf in Belgrad mit Patriarch Pavle und der serbisch-orthodoxen Kirchenführung zusammen. Vor dem Hintergrund der täglichen Anti-Milosevi'c-Demonstrationen hatten die Organisatoren des Symposiums einen Empfang durch Staatspräsident Slobodan Milosevi'c, der an und für sich eine Einladung ausgesprochen hatte, abgelehnt.

In Smederevo bestiegen die Teilnehmer des Symposiums für den letzten Abschnitt ein rumänisches Schiff. Letzte Station war Tulcea im Donaudelta der Donau. Rumänien stufte den Aufenthalt des ökumenischen Patriarchen als Staatsbesuch ein und wollte damit den orthodoxen Kritikern der Papst-Visite vom vergangenen Mai den Wind aus den Segeln nehmen. Staatsprädident Emil Constantinescu verlieh Bartholomaios das höchste nationale Ehrenzeichen.

Welche Ziele konnten mit diesem aufwendigen Symposium erreicht werden? So kurz nach Abschluß der Tagung scheint das Ergebnis noch sehr diffus. Auf wissenschaftlicher Seite geht es um konkrete Bemühungen um die Verbesserung der Umweltqualität im Donauraum. In diesem Zusammenhang sprach Philip Weller, Direktor des Donau-Karpaten-Programms vom WWF International, sogar von einem "historischen Wendepunkt". In Hinblick auf den theologischen beziehungsweise ökumenischen Aspekt sind die vielen inoffiziellen Gespräche der Teilnehmer als Intensivierung des Dialogs auf sehr persönlicher Ebene nicht zu unterschätzen.

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