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Die erste Deutung

Zu Pfingsten - dem Fest des Geistes und der Sprache - befasst sich das Furche-Dossier mit der Auslegung der Schrift: Übersetzung als erste Interpretation (S. 9, vgl. auch die eingestreuten Übersetzungen von Ex 3,14 im Dossier), die historisch-kritische Auslegungsmethode (S. 10), Bibelverständnis im Dialog mit dem Islam (S. 11) sowie kontextuelle Bibelauslegung: Wie liest eine palästinensische Christin die Bibel? (S.12). Redaktion: Otto Friedrich

Schenkt man der Legende zur Entstehung der "Septuaginta", der ältesten Übersetzung der Jüdischen Bibel ins Griechische im 2. Jh. v. Chr., Glauben, so soll die Frage verschiedener Bibelübersetzungen zumindest in vorchristlicher Zeit noch kein Problem dargestellt haben: 72 jüdische Gelehrte hätten sich zurückgezogen, um innerhalb von 72 Tagen die jüdische Tora ins Griechische zu übersetzen. Der ägyptische Herrscher Ptolemäus II. habe den Auftrag dazu gegeben, um ein Exemplar der Tora für die Bibliothek in Alexandria zu bekommen. Ergebnis der Übersetzungsbemühungen sei gewesen, dass alle zum wortwörtlich gleichen Text gekommen seien.

Von derartiger Einmütigkeit ist heute nichts mehr zu spüren. Mehr als 50 deutsche Bibelübersetzungen entstanden in den vergangenen Jahrzehnten; alljährlich kommen neue Übersetzungen auf den Markt. Vorhandene Übersetzungen werden immer wieder revidiert. Wer glaubt, es gebe "die Bibel" in deutscher Sprache, der irrt sich. So war es den christlichen Kirchen Deutschlands nicht möglich, sich auf eine verbindliche Bibelübersetzung für gemeinsame Aktionen im "Jahr der Bibel 2003" zu einigen. So stehen die revidierte Lutherbibel, die Einheitsübersetzung, die "Gute-Nachricht-Bibel" - sowie die in den Freikirchen verbreitete "Hoffnung für alle"-Bibel nebeneinander.

Keine Übersetzungs-Einheit

In jüngster Vergangenheit wurde die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift seitens des Protestantismus kritisch angefragt. In der Tat ist der Titel "Einheitsübersetzung" irreführend, meinen doch immer wieder selbst Theologen, diese Übersetzung sei einheitlich für alle Christen geschaffen worden. Dabei sollte mit der Einheitsübersetzung, die 1978 erstmals veröffentlicht wurde, ein Bibeltext zum einheitlichen Gebrauch in Liturgie, Unterricht und Frömmigkeit der katholischen Kirche geschaffen werden, der die Vielzahl vorkonziliarer deutschsprachiger katholischer Übersetzungen ablösen sollte. An der Übersetzung haben auch evangelische Theologinnen und Theologen mitgewirkt; allerdings wurden nur das Neue Testament und die Psalmen für den Gebrauch innerhalb der evangelischen Kirche offiziell anerkannt.

Luther - der Bibel-Klassiker

Innerhalb des Protestantismus sollte die klassische Übersetzung Martin Luthers eine Renaissance erleben, spätestens seit ihrer Revision von 1984. Die Lutherbibel gilt - nicht zu Unrecht - als die deutsche Bibelübersetzung schlechthin. Es muss jedoch erwähnt werden, dass Luther weder der erste noch der einzige war, der die Bibel ins Deutsche übertragen hat. Etwa fünfzig deutsche Bibelübersetzungen gab es vor Luther. Luther jedoch schuf mit seiner Übersetzung nicht nur ein eindrückliches Denkmal der deutschen Sprache seiner Zeit ("... man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen aufs Maul schauen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn ..."), sondern er setzte auch Maßstäbe für die Übersetzungstechnik. Er war der erste, der nicht aus der lateinischen Vulgata des Hieronymus übersetzte, sondern sich Zugang zu griechischen und hebräischen Ausgaben verschaffte. Auch entstand seine Übersetzung in einem lebendigen Dialog mit seinen Mitarbeitern. Luthers Übersetzung wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts mehrfach revidiert und dem sich immer schneller verändernden Sprachgebrauch angepasst. Zu sehr lief die Übersetzung Gefahr, zum Sprachdenkmal zu erstarren.

Gute und schlechte Nachricht

Durchgängig ökumenisch übersetzt ist die Gute-Nachricht-Bibel, eine leicht verständliche, kommunikative Übersetzung, die 1982 erstmals als vollständige Bibel erschien, jedoch 1997 völlig neu übersetzt herausgegeben wurde. Diese Übersetzung bemüht sich um Nähe zum Urtext und gleichzeitig um große Nähe zur Sprache der Menschen von heute. Zudem ist die Gute-Nachricht-Bibel die einzige Bibelübersetzung, die, soweit durch den Urtext gedeckt, frauengerechte Sprache verwendet, also beispielsweise die "Brüder" in den neutestamentlichen Briefen als "Brüder und Schwestern" übersetzt.

Kritische Fragen muss sich die vierte Bibelübersetzung zum "Jahr der Bibel", die "Hoffnung für alle", gefallen lassen. Diese leicht verständliche Übersetzung erfreut sich vor allem im freikirchlichen Raum und bei jungen Menschen großer Beliebtheit. Verständlichkeit geht hier jedoch nicht selten auf Kosten der Textnähe. Auch die Tatsache, dass es mehrerer Neubearbeitungen bedurfte, bis in der Fassung von 2002 die theologischen Schwächen der ersten Ausgaben überwunden waren, stimmt kritisch.

Der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher (1768- 1834) bemerkte, es gebe zwei Typen von Bibelübersetzungen: solche, die den Text zum Leser hinbewegen und solche, die es nötig machen, dass der Leser sich zum Text begibt. Erich Zenger, katholischer Alttestamentler in Münster, sprach von den beiden Wegen, dem "Weg der Verfremdung", indem eine Übersetzung mit der "fremden Sprache und Bildwelt der Bibel konfrontiert und uns auf diese Weise zu faszinieren versucht", oder aber dem "Weg der Heimholung" der Welt der Bibel in unsere Alltagswelt, indem sie "die in der Bibel zur Sprache kommende Botschaft so mit Worten unserer Lebenswirklichkeit wiedergibt, dass wir uns unmittelbar angesprochen fühlen."

Teamarbeit am Urtext

Anerkannte Textbasis, von der aus heute übersetzt wird, ist der hebräische, aramäische und griechische Urtext der Schriften. Übersetzungen aus dem Lateinischen gehören der Vergangenheit an; Übersetzungen aus dem Englischen (!) erfreuen sich nur bei fundamentalistischen Minderheiten gewisser Beliebtheit. Jede Bibelübersetzung stellt an ihre Bearbeiterinnen und Bearbeiter hohe Anforderungen. Solide Kenntnis der Bibelsprachen und exegetische Erfahrung ist nötig, um die alten Texte aus einem anderen Kulturkreis mit anderen Gesellschaftsformen in die heutige Zeit zu übersetzen. Souveräner Umgang mit der Sprache, in die die Bibel übersetzt werden soll, ist ebenso wichtig, auch Gespür für kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten.

Sinnvollerweise werden Bibelübersetzungen heute in Teamarbeit gemacht. Ausnahmefälle sind herausragende Übersetzungen einzelner biblischer Bücher durch literarisch begabte Persönlichkeiten. Hier ist Martin Bubers an Tiefe und Sprachausdruck unerreichte Übersetzung der Jüdischen Bibel zu nennen; für das Neue Testament sei an die Übersetzung einzelner Schriften durch Walter Jens erinnert. Luthers Mahnung hat bis heute nichts an Aktualität verloren: "Ah, es ist das Dolmetschen ja nicht eines jeglichen Kunst. Es gehöret dazu ein recht, fromm, treu, fleißig, furchtsam, christlich, gelehret, erfahren, gebet Herz."

Dann mag das gelingen, was H. G. Gadamer einmal treffend formulierte, dass "Übersetzung die Vollendung der Auslegung" sei.

Was ist im Bereich der Bibelübersetzungen in naher Zukunft zu erwarten: Zum einen bedarf die Einheitsübersetzung nach 25 Jahren einer Revision. Die sich immer schneller wandelnde deutsche Sprache wird auch die anderen Übersetzungen wieder herausfordern. Fürs Jahr 2006 ist der Abschluss eines schon jetzt heiß umstrittenen Übersetzungsprojektes zu erwarten: Die Bibel in gerechter Sprache. Bei diesem von der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau unterstützten Projekt sollen nicht nur patriarchale Elemente der Bibel gerecht gedeutet werden, sondern auch die Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs einfließen. Der schon jetzt großen Zahl evangelikaler Übersetzungen, die nicht wirklich Neues bringen, werden sicherlich weitere hinzugefügt werden.

Eine der größten Herausforderungen unser Zeit ist jedoch die Mediengesellschaft, die sich durch wachsenden funktionalen Analphabetismus auszeichnet. Wie kann es gelingen, in der postmodernen "Non-Book-Society", wo selbst eine kommunikative Bibelübersetzung für immer breitere Gesellschaftsschichten ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, eben dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe mit niedrigem Bildungsniveau den Bibeltext zugänglich zu machen? Im Französischen wurde, mit Unterstützung der UNESCO das Experiment gewagt, und jüngst nach jahrelangen Vorarbeiten die Übersetzung in "Français fondamental" fertiggestellt. Ein ganz begrenzter Wortschatz, kurze Sätze, Übertragung in die Bildsprache von heute - und all das in exegetischer Verantwortung. Eine derartige Bibelübersetzung ins Deutsche zu schaffen wird eine der größten Herausforderungen unserer Zeit im Bereich der Bibelübersetzung sein. Es ist zu wünschen, dass hier die Kräfte aller christlichen Kirchen sich bündeln und für ein gemeinsames Projekt zusammenfließen.

Die Autorin ist evangelische Theologin und Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft (www.oesterrbibelges.at).

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