Digital In Arbeit
Religion

Die Geschichte als Abfolge von Mustern

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der US-Wissenschaftler Peter Turchin will die Geschichtsforschung zu einer exakten Disziplin machen. Er setzt auf die Auswertung großer Datenbanken.

Wiederholt sich die Geschichte in Zyklen? Hinter dieser Frage steht der Wunsch nach Erklärung für den Lauf der Dinge. Ebenso das Interesse, künftige Entwicklungen zu antizipieren oder sogar zu vermeiden. Der amerikanische Wissenschaftler Peter Turchin behauptet, dass mathematische Methoden das geeignete Instrumentarium für ihre Beantwortung darstellen. Sammelt man geschichtliche Ereignisse in standardisierter Form in Datenbanken, lassen sich diese prinzipiell mit denselben Methoden auswerten, wie Klimaphänomene, Experimente der Teilchenphysik oder jeder andere Datensatz. So kann man nicht nur verborgende Muster identifizieren, sondern auch empirisch überprüfbare Hypothesen über künftige Ereignisse aufstellen. Turchin nennt seinen Ansatz Cliodynamik, nach Klio, der griechischen Muse der Geschichtsschreibung.

Aktuell werden Turchins Thesen vor allem im englischsprachigen Raum diskutiert. Besondere Beachtung erhält der Umstand, dass Turchin kein Geschichtswissenschaftler, sondern Ökologe ist. Auf dem Gebiet der Populationsdynamik, also der mathematischen Modellierung der Entwicklung von Populationen, hat er es zu einem der meistzitierten Wissenschaftler gebracht. Seit einigen Jahren wendet Turchin mathematische Modelle auch auf soziale und politische Ereignisse an. "Clio-dynamik kann nicht viel über einzelne Ereignisse oder Individuen sagen“, erklärt er. "Sie beschäftigt sich mit der Dynamik großer Kollektive von Menschen.“ Wesentliche Größen der Modelle sind demografische Daten von Staaten oder Gesellschaften, soziale Unterschiede zwischen Personen und politische Extremereignisse wie Revolutionen oder Aufstände. Diese Informationen stammen aus unterschiedlichen Quellen, werden gesammelt, gegebenenfalls digitalisiert, formalisiert und in Datenbanken eingetragen. Damit sind sie statistischen und anderen Analysemethoden zugänglich. Trägt man beispielsweise historische Ereignisse eines bestimmten Typus, wie Revolten in einem Staat, in einem Koordinatensystem ein, deren horizontale Achse die Zeit repräsentiert, ergibt sich eine chronologisch von links nach rechts verlaufende Kurve. Die Stärke ihre vertikalen Ausschläge zu einem bestimmten Zeitpunkt zeigt Häufungen der betrachteten Einzelereignisse.

Auf diese Weise haben Turchin und andere Cliodynamiker in der nachchristlichen Geschichte eine Regelmäßigkeit entdeckt, die sie "säkularen Zyklus“ nennen und der sich alle 200 bis 300 Jahre wiederholt. Ein solcher ist durch eine etwa ein Jahrhundert andauernde Phase politischer Instabilität geprägt, die auf eine Periode rasanten Bevölkerungswachstums folgt. Als Beispiele dafür nennt Turchin die spätmittelalterliche Krise, den Hundertjährigen Krieg in Frankreich, die Rosenkriege in England oder die Religionskriege im Europa des 17. Jahrhunderts. Besonders agrarische und präindustrielle Gesellschaften weisen häufig säkulare Zyklen auf. Auch im Römischen Reich, im China und dem Nahen Osten wollen Forscher sie entdeckt haben.

Politische Instabilität in den USA

In einer vergangenen Monat veröffentlichten Studie hat Turchin politische Instabilitäten in den USA zwischen 1780 und 2010 untersucht. Die dafür erstellte Datenbank umfasst rund 1600 Einzelereignisse "politischer Gewaltereignisse“ im betrachteten Zeitraum. Diese sind einerseits typologisch aufgeschlüsselt nach Amoklauf, Aufstand, Anschlag oder Lynchjustiz. Andererseits nach Motivation bzw. Kontext - Arbeit, Gefängnis, Ethnie, Erziehung oder Verbrechen. Demnach stellt der gewählte Zeitraum einen säkularen Zyklus mit großer politischer Instabilität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar, der von zwei Phasen relativer politischer Ruhe flankiert wird. Parallel dazu zeigen sich den säkularen Zyklus überlagernde 50-Jahre-Zyklen mit Spitzenwerten in den Jahren 1870, 1920 und 1970 - bekanntlich Zeiten großer innerstaatlicher Spannungen in den USA. Gemäß dieser Analyse steht den USA um das Jahr 2020 eine große Welle der Instabilität bevor. Eine Schlussfolgerung, die dem Wissenschaftler in den diesbezüglich hochsensiblen USA mediale Beachtung sichert.

Mathematische Strukturen und Modelle bieten als solche noch keine Erklärung für das Verhalten der untersuchten Systeme. Sie müssen interpretiert werden. Dafür greift Turchin auf Theorien des Soziologen Jack Goldstone zurück. Demnach führt Bevölkerungswachstum in einer Gesellschaft zu einem Überangebot an Arbeitskraft, sinkenden Löhnen, Landflucht. Zugleich wachsen in solchen zunehmend jünger werdenden Gesellschaften die Eliten, die sukzessive miteinander um Ausbildung und Führungspositionen konkurrieren. Die Armee wird größer, Bürokratie und Verwaltungskosten steigen. Staaten müssen darauf mit Steuererhöhungen regaieren, was zu Widerstand aus der Bevölkerung, Korruption und Finanzkrisen führt. Die Leistung der Cliodynamik besteht nicht darin, solche theoretischen Zusammenhänge aufzudecken, sondern sie nach Auswertung großer Datenmengen empirisch bestätigen (oder zu widerlegen) zu können.

Grundproblem der Cliodynamik

Der Historiker Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Byzantistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) arbeitet selbst seit mehreren Jahren mit quantitativen Modellen aus der mathematischen Komplexitätsforschung und der Netzwerk-analyse. Er steht Turchins Ansatz grundsätzlich positiv gegenüber, sieht aber auch dessen Schwächen. "Ein Grundproblem ist, dass die Cliodynamik alles als Datenmaterial heranzieht, was sich quantifizieren lässt“, meint er. "Dabei wird oft nicht berücksichtigt, ob die Quellen überhaupt verlässlich sind.“ So weisen Turchins Daten einen Populationsrückgang in China gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus. In Wirklichkeit war Peking nach dem Ende der Tang-Dynastie einfach nicht mehr einflussreich genug, um flächendeckende Volkszählungen im ganzen Land durchzuführen. Hierin zeigt sich ein Mangel an historischer Fachkompetenz. Ein in den Feinheiten der mathematischen Modellierung geschulter Forscher und ein Historiker müssten demnach ein ideales Team bilden. Leider steckt die Cliodynamik diesbezüglich noch in den Kinderschuhen. "Die meisten Historiker sprechen die Sprache der Mathematik nicht“, bedauert Preiser-Kapeller.

Turchin glaubt nicht, dass die Geschichte strikten Gesetzen folgt wie physikalische Objekte oder Moleküle in der Zelle. "Historische Prozesse sind eine Mischung aus Determinismus und Statistik“, sagt Peter Turchin. "Auf der Mikroebene haben wir den freien Willen der Einzelnen und wenig Vorhersagbarkeit. Aber auf der Makroebene lässt sich die Dynamik ganzer Staaten viel besser vorhersagen.“ Dennoch vernachlässigt dieser Ansatz gerade das Individuum samt seiner Bedingtheiten, findet Preiser Kapeller. "Die Menschen werden zu allen Zeiten in eine Welt hineingeboren, die gewisse Denkweisen und Deutungen der Wirklichkeit voraussetzen“, sagt er. Als solcher ist er kein tumber Mechanismus, sondern gestaltet die Welt jederzeit mit. Dafür sei die von Turchin verwendete Mathematik aber zu einfach. "Soziale Interaktion ist viel komplexer, als dass sie sich mit den aktuellen Modellen erfassen ließe.“

Der US-Wissenschaftler Peter Turchin will die Geschichtsforschung zu einer exakten Disziplin machen. Er setzt auf die Auswertung großer Datenbanken.

Wiederholt sich die Geschichte in Zyklen? Hinter dieser Frage steht der Wunsch nach Erklärung für den Lauf der Dinge. Ebenso das Interesse, künftige Entwicklungen zu antizipieren oder sogar zu vermeiden. Der amerikanische Wissenschaftler Peter Turchin behauptet, dass mathematische Methoden das geeignete Instrumentarium für ihre Beantwortung darstellen. Sammelt man geschichtliche Ereignisse in standardisierter Form in Datenbanken, lassen sich diese prinzipiell mit denselben Methoden auswerten, wie Klimaphänomene, Experimente der Teilchenphysik oder jeder andere Datensatz. So kann man nicht nur verborgende Muster identifizieren, sondern auch empirisch überprüfbare Hypothesen über künftige Ereignisse aufstellen. Turchin nennt seinen Ansatz Cliodynamik, nach Klio, der griechischen Muse der Geschichtsschreibung.

Aktuell werden Turchins Thesen vor allem im englischsprachigen Raum diskutiert. Besondere Beachtung erhält der Umstand, dass Turchin kein Geschichtswissenschaftler, sondern Ökologe ist. Auf dem Gebiet der Populationsdynamik, also der mathematischen Modellierung der Entwicklung von Populationen, hat er es zu einem der meistzitierten Wissenschaftler gebracht. Seit einigen Jahren wendet Turchin mathematische Modelle auch auf soziale und politische Ereignisse an. "Clio-dynamik kann nicht viel über einzelne Ereignisse oder Individuen sagen“, erklärt er. "Sie beschäftigt sich mit der Dynamik großer Kollektive von Menschen.“ Wesentliche Größen der Modelle sind demografische Daten von Staaten oder Gesellschaften, soziale Unterschiede zwischen Personen und politische Extremereignisse wie Revolutionen oder Aufstände. Diese Informationen stammen aus unterschiedlichen Quellen, werden gesammelt, gegebenenfalls digitalisiert, formalisiert und in Datenbanken eingetragen. Damit sind sie statistischen und anderen Analysemethoden zugänglich. Trägt man beispielsweise historische Ereignisse eines bestimmten Typus, wie Revolten in einem Staat, in einem Koordinatensystem ein, deren horizontale Achse die Zeit repräsentiert, ergibt sich eine chronologisch von links nach rechts verlaufende Kurve. Die Stärke ihre vertikalen Ausschläge zu einem bestimmten Zeitpunkt zeigt Häufungen der betrachteten Einzelereignisse.

Auf diese Weise haben Turchin und andere Cliodynamiker in der nachchristlichen Geschichte eine Regelmäßigkeit entdeckt, die sie "säkularen Zyklus“ nennen und der sich alle 200 bis 300 Jahre wiederholt. Ein solcher ist durch eine etwa ein Jahrhundert andauernde Phase politischer Instabilität geprägt, die auf eine Periode rasanten Bevölkerungswachstums folgt. Als Beispiele dafür nennt Turchin die spätmittelalterliche Krise, den Hundertjährigen Krieg in Frankreich, die Rosenkriege in England oder die Religionskriege im Europa des 17. Jahrhunderts. Besonders agrarische und präindustrielle Gesellschaften weisen häufig säkulare Zyklen auf. Auch im Römischen Reich, im China und dem Nahen Osten wollen Forscher sie entdeckt haben.

Politische Instabilität in den USA

In einer vergangenen Monat veröffentlichten Studie hat Turchin politische Instabilitäten in den USA zwischen 1780 und 2010 untersucht. Die dafür erstellte Datenbank umfasst rund 1600 Einzelereignisse "politischer Gewaltereignisse“ im betrachteten Zeitraum. Diese sind einerseits typologisch aufgeschlüsselt nach Amoklauf, Aufstand, Anschlag oder Lynchjustiz. Andererseits nach Motivation bzw. Kontext - Arbeit, Gefängnis, Ethnie, Erziehung oder Verbrechen. Demnach stellt der gewählte Zeitraum einen säkularen Zyklus mit großer politischer Instabilität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar, der von zwei Phasen relativer politischer Ruhe flankiert wird. Parallel dazu zeigen sich den säkularen Zyklus überlagernde 50-Jahre-Zyklen mit Spitzenwerten in den Jahren 1870, 1920 und 1970 - bekanntlich Zeiten großer innerstaatlicher Spannungen in den USA. Gemäß dieser Analyse steht den USA um das Jahr 2020 eine große Welle der Instabilität bevor. Eine Schlussfolgerung, die dem Wissenschaftler in den diesbezüglich hochsensiblen USA mediale Beachtung sichert.

Mathematische Strukturen und Modelle bieten als solche noch keine Erklärung für das Verhalten der untersuchten Systeme. Sie müssen interpretiert werden. Dafür greift Turchin auf Theorien des Soziologen Jack Goldstone zurück. Demnach führt Bevölkerungswachstum in einer Gesellschaft zu einem Überangebot an Arbeitskraft, sinkenden Löhnen, Landflucht. Zugleich wachsen in solchen zunehmend jünger werdenden Gesellschaften die Eliten, die sukzessive miteinander um Ausbildung und Führungspositionen konkurrieren. Die Armee wird größer, Bürokratie und Verwaltungskosten steigen. Staaten müssen darauf mit Steuererhöhungen regaieren, was zu Widerstand aus der Bevölkerung, Korruption und Finanzkrisen führt. Die Leistung der Cliodynamik besteht nicht darin, solche theoretischen Zusammenhänge aufzudecken, sondern sie nach Auswertung großer Datenmengen empirisch bestätigen (oder zu widerlegen) zu können.

Grundproblem der Cliodynamik

Der Historiker Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Byzantistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) arbeitet selbst seit mehreren Jahren mit quantitativen Modellen aus der mathematischen Komplexitätsforschung und der Netzwerk-analyse. Er steht Turchins Ansatz grundsätzlich positiv gegenüber, sieht aber auch dessen Schwächen. "Ein Grundproblem ist, dass die Cliodynamik alles als Datenmaterial heranzieht, was sich quantifizieren lässt“, meint er. "Dabei wird oft nicht berücksichtigt, ob die Quellen überhaupt verlässlich sind.“ So weisen Turchins Daten einen Populationsrückgang in China gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus. In Wirklichkeit war Peking nach dem Ende der Tang-Dynastie einfach nicht mehr einflussreich genug, um flächendeckende Volkszählungen im ganzen Land durchzuführen. Hierin zeigt sich ein Mangel an historischer Fachkompetenz. Ein in den Feinheiten der mathematischen Modellierung geschulter Forscher und ein Historiker müssten demnach ein ideales Team bilden. Leider steckt die Cliodynamik diesbezüglich noch in den Kinderschuhen. "Die meisten Historiker sprechen die Sprache der Mathematik nicht“, bedauert Preiser-Kapeller.

Turchin glaubt nicht, dass die Geschichte strikten Gesetzen folgt wie physikalische Objekte oder Moleküle in der Zelle. "Historische Prozesse sind eine Mischung aus Determinismus und Statistik“, sagt Peter Turchin. "Auf der Mikroebene haben wir den freien Willen der Einzelnen und wenig Vorhersagbarkeit. Aber auf der Makroebene lässt sich die Dynamik ganzer Staaten viel besser vorhersagen.“ Dennoch vernachlässigt dieser Ansatz gerade das Individuum samt seiner Bedingtheiten, findet Preiser Kapeller. "Die Menschen werden zu allen Zeiten in eine Welt hineingeboren, die gewisse Denkweisen und Deutungen der Wirklichkeit voraussetzen“, sagt er. Als solcher ist er kein tumber Mechanismus, sondern gestaltet die Welt jederzeit mit. Dafür sei die von Turchin verwendete Mathematik aber zu einfach. "Soziale Interaktion ist viel komplexer, als dass sie sich mit den aktuellen Modellen erfassen ließe.“